Bolivien: Katastrophenvorsorge
Die Situation
Bolivien ist eines der ärmsten und am schwächsten entwickelten Länder der Erde. Nach offiziellen Angaben lebten im Jahr 2007 zwei Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Jahrhunderte lang wurde dieses mehrheitlich indigene Land von einer kleinen Oberschicht europäischen Ursprungs beherrscht. Die Geschichte ist geprägt von einer langen Phase mit wechselnden Militärdiktaturen, Aufständen gegen die Juntas und feudalistischen Gesellschaftsstrukturen. Die neoliberale Wirtschaftspolitik der Neunziger Jahre wurde von der jetzigen sozialistischen Regierung abgelöst.
Bolivien ist dreimal so groß wie Deutschland und verfügt über drei sehr verschiedene Naturräume: Der Westteil liegt in den Anden. In der auf 4.000 Meter gelegenen Hochfläche Altiplano wohnen achtzig Prozent der Bevölkerung, unter anderem in La Paz, das Sitz der Regierung ist und auf 3200 bis 4100m Höhe liegt. Die durchschnittliche Jahrestemperatur im Alto Plane beträgt 10°Celsius.
Am Ostabfall der Anden (ca. 1500m hoch) herrscht gemäßigtes bis subtropisches Klima, im Tiefland im Osten tropisches Klima. Hier leben nur 13 Prozent der Bevölkerung.
Die extremen klimatischen Verhältnisse sind der Grund dafür, dass fast 40 Prozent der Bolivianer im Altoplano leben, wobei Wohnlage und Wohlstand zusammenhängen. Eine Faustregel besagt, je höher die Wohnlage, desto ärmer sind ihre Bewohner.
Bolivien weist von allen lateinamerikanischen Ländern den höchsten Anteil der indigenen Bevölkerung auf: Zweidrittel der Einwohner, einschließlich des derzeitigen Präsidenten Evo Morales, sind indigener Abstammung.
Neben den großen Völkern der Aymara und Quechua gibt es weitere 36 Gruppen, die auch in unwirtlichen Gegenden siedeln. Sie sind von den Dürreperioden und Überschwemmungen, die in den vergangenen Jahren aufgrund der Klimaphänomene El Niño und El Niña deutlich zunahmen, am meisten betroffen.
In den ärmsten Regionen des Landes - Potosi, Chuquisaca, Oruro und Tarija - sind die Erosionsprobleme besonders groß. Circa
40 Prozent des Landes sollen von Erosion, Abholzung und Fehlnutzung betroffen sein.
Wirtschaftslage
Aufgrund seiner Erzvorkommen ist Bolivien traditionell ein Bergbauland. Eine Verunreinigung der Böden mit Schwermetallen ist eine Folge davon.
Ein gutes Drittel der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft, wobei wie überall in Lateinamerika der Besitz sehr ungleich verteilt ist. Im Jahr 2009 ließ Präsident Morales über Großgrundbesitz abstimmen. 80 Prozent der Bevölkerung sprachen sich dafür aus, eine Flächenbeschränkung von 5.000 Hektar pro Besitzer einzuführen. Dies konnte aber noch nicht in die Verfassung aufgenommen werden.
Die bolivianischen Großgrundbesitzer produzieren Soja, Ölsaaten, Baumwolle und Zucker für den Export und betreiben extensive Rinderzucht. Die Kleinbauern produzieren vor allem für den Eigenbedarf Kartoffeln, Weizen, Gerste, Mais und Reis.
Bolivien ist weiterhin der drittgrößte Produzent von Koka, aus dem Kokain hergestellt werden kann. Da Morales Präsident der Gewerkschaft der Kokabauern war, setzt er nicht auf das Verbot des traditionellen Anbaus, sondern auf die Verarbeitung zu legalen Produkten der Pflanze.
Von 2006 bis 2008 erlebte Bolivien aufgrund seines Rohstoffreichtums einen spürbaren Wirtschaftsaufschwung. Die internationale Wirtschaftskrise stoppte allerdings diesen Aufschwung.
Politische Situation
Innenpolitisch versucht Evo Morales durch eine weiche Nationalisierung wichtiger Industriesektoren und die Verwendung von Einnahmen aus Erdgas-Verkäufen die Not zu lindern. Er erhöhte den Mindestlohn um das Dreifache und initiierte Alphabetisierungskampagnen, durch die in manchen Regionen erstmals die Analphabetenquote auf null gesunken ist. Gleichzeitig hat er eine Zusatzrente zur staatlichen Rente eingeführt, die Bedürftigen Älteren zu Gute kommt. Außerdem bekommen Schulkinder aus armen Familien einen Zuschuss, um sich Lernmaterialien wie Stifte und Papier kaufen zu können.
für soziale Reformen, steht politisch unter starkem Druck
Foto: Cafod, Caritas England
Bei den Wahlen im Jahr 2005 konnte Evo Morales Ayma mit seiner Partei MAS (Movimiento al Socialismo, Bewegung zum Sozialismus) die Mehrheit der Stimmen für sich erringen und regiert seitdem als Präsident. Evo, wie er von seinen Anhängern genannt wird, machte vor allem von sich reden, als er gegen die bislang regierende Oberschicht opponierte, für Nationalisierungen bestimmter Industriezweige eintrat und sich offen zu seiner Herkunft als Indigener der Ethnie der Aymara bekannte.
Doch Morales' größtes Projekt, eine neue Verfassung für Bolivien zu etablieren, die den Indigenen mehr Relevanz verleihen soll, ist bisher fehlgeschlagen. Zu stark ist der politische Gegenwind der ehemaligen Machtinhaber im Land. Erst wenn Morales und die Opposition sich einigen können, besteht eine Chance, dass Bolivien sich aus dem politischen Patt löst und Reformen angeschoben werden.
Die sozialen Reformen brachten Morales viele Sympathien ein, trugen aber auch zu einer Polarisierung der bolivianischen Politik bei. Die führenden Schichten in den reicheren Provinzen des Südens, Ostens und Nordostens versuchen seit seinem Amtsantritt, Morales politisch unter Druck zu setzen und für die wirtschaftlich stärksten Regionen einen höheren Grad an Autonomie zu erreichen.
September 2011


