Jugendbanden in Mittelamerika
Napoleon Lopez, Aussteiger aus der Mara
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| Napoleon, Aussteiger aus der Mara: Wie viele ich umgebracht habe? Ich weiß es nicht mehr. |
Als wir Napoleon Lopez im Oktober 2006 in San Pedro Sula besuchen, sitzt er im Garten des katholischen Bischofs. Der 28-Jährige
bezeichnet sich als "Mittelklasse-Kind": Sein Vater ist Seemann, seine Mutter kaufmännische Angestellte. 1995 wurde er Mitglied
der "Mara Salvatrucha", der größten und gewalttätigsten Jugendbande Lateinamerikas. 2005 traf ihn bei einem Schusswechsel
mit der verfeindeten "Mara 18" eine Kugel im Rücken und verletzte ihn schwer. Napoleon sitzt seitdem im Rollstuhl.
Heute sagte er: "Schon als ich mich auf die Mara eingelassen habe, wusste ich, dass das der falsche Weg war. Ich wusste, er
führt in den Tod." Damals jedoch war die Anziehungskraft zu groß: Die Mädchen, die Drogen, der Kitzel der Überfälle, das im
Überfluss vorhandene Geld...
All das habe ihn fasziniert und unerreichbar gemacht für die moralischen Fragen. Je länger Napoleon dabei war, desto wichtiger
wurden die immateriellen Reize. Vor allem: Die Macht. Er habe genossen, Macht über andere Menschen zu haben: "Ich weiß, es
ist nicht richtig, das zu sagen, aber es gefiel mir, dass die anderen vor mir Angst hatten und zitterten."
Deine Familie sind jetzt wir
Die andere Seite war die Solidarität unter den Bandenmitgliedern. Die begrüßten ihn damals mit dem Satz: "Deine Familie sind jetzt wir." Napoleon erlebte diese Begrüßung nicht als Bedrohung. Im Gegenteil, er machte sich das Denken zu eigen: "In der Mara teilst Du alles - auch die Frauen. Deine Frau, deine Mutter und die Waffe - alles schuldest Du der Bande." Für ihn war das die größtmögliche Form der Solidarität. An diesem Wert richtete er sein Leben aus.
Je stärker der Hass der Außenwelt auf sie einschlug, desto enger schlossen sich die Kreise der Mara. Mit jedem Einbruch, jedem Autodiebstahl und jedem Mord stieg sein Ansehen und seine Autorität. Napoleon gefiel auch das, denn es war ein klar vorgezeichneter Weg - dass er in den Abgrund führte, ignorierte er damals. Niemals zuvor habe er etwas so geliebt, wie dieses Leben. Angesprochen auf seine Verfehlungen antwortet Napoleon: "Ich war kein Heiliger. Wie viele ich umgebracht habe? Ich weiß es nicht."
Die alten Werte existieren nicht mehr
Brüche bekam dieses Leben mit dem Eindringen der Drogen in die Banden. Seiner Erinnerung nach führten die abgeschobenen "Illegalen"
aus den USA das Kokain und das Crack in die Welt der mittelamerikanischen Jugendbanden ein. Vom Konsumenten wurden sie zunächst
zu Verkäufern. Als sie sich nicht mehr mit der Rolle der Handlanger zufrieden geben wollten und versuchten, das Drogengeschäft
an sich zu ziehen, nahmen die Schießereien zu. Für Napoleon ging damit auch das alte Leben verloren: "Heute sind die Mareros
Drogenhändler, nichts anderes. Die alten Werte existieren nicht mehr."
Trotzdem ist Napoleon sicher, dass er sein Leben so weiter geführt hätte, wenn ihn nicht eine Kugel der verfeindeten Mara
so schwer verletzt hätte, dass er seitdem an den Rollstuhl gefesselt ist. Er ist querschnittsgelähmt und hat einen großen
Teil seiner Sehkraft verloren. "Als ich im Krankenhaus lag, war ich am Ende." Seine Eltern lehnten jeden Kontakt mit ihm ab.
Ohne dieses Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit hätte er sich nicht Padre Alberto, dem Krankenhausseelsorger, anvertraut
und die Caritas um Hilfe gebeten. Padre Alberto wird "Vater der Maras" genannt. Die Vergebung ist für ihn ein wichtiger Bestandteil
seiner Religion und der Zivilisation - ohne sie würde jede Fehltat Rache nach sich ziehen.
Irgendwo wird es Hilfe geben
Mit dieser Vergebung beginnt für Napoleon der zweite Teil seines Lebens: Der Ausstieg. Selbst in seiner Situation als an den
Rollstuhl gefesselter Krüppel verzeiht seine Mara ihm den Verrat nicht: "Sie wollen mich töten", weiß Napoleon. Zu bekümmern
scheint ihn das wenig. Er sehe sie nicht als Feinde, sondern als verwirrte Kinder. Schwer zu schaffen macht ihm hingegen,
dass seine Eltern weiterhin nichts von ihm wissen wollen. Er verübelt ihnen das nicht, will nicht wehleidig klingen: "Wer
sich auf den Weg mit der Mara einlässt, muss auch die Folgen tragen." Mit der gleichen Klarheit sagt er aber auch: "Ich brauche
sie. Ich hoffe, die Zeit heilt die Wunden."
In sein Schicksal fügt er sich nicht. 2005 verschwand Napoleon ohne eine Information zu hinterlassen aus San Pedro Sula. Wochenlang
versuchten die Caritas-Mitarbeiter ihn zu erreichen. Alle dachten an Selbstmord. Bis Napoleon sich aus den USA meldete. Auf
eigene Faust hatte er sich im Rollstuhl zu einem Chirurgen in die USA aufgemacht. Im Internet hatte Napoleon gelesen, dass
seine Rückenmarksverletzung womöglich heilbar ist. Das erwies sich als vergebliche Hoffnung. Auch die amerikanischen Spezialisten
konnten ihm nicht helfen.
Napoleon will trotzdem nicht aufgeben: "Ich weiß, dass es irgendwo Hilfe gibt. Ich werde es wieder versuchen."
Februar 2007


