Südafrika: Hilfe für Straßenkinder und benachteiligte Jugendliche
Das Leben lernen: Eine Perspektive für Straßenkinder in Kapstadt
Der altehrwürdige Gebäudekomplex des Salesianerordens, der Caritas-Partnerorganisation im Zentrum der drei Millionen Stadt
Kapstadt, ist Dreh- und Angelpunkt offenen Kinder- und Jugendprojekte für Straßenkinder.
Wo Jugendliche eine echte Chance bekommen, aus der Gang auszusteigen; wo sie lernen, nach anderen Regeln zu leben als nach
dem Gesetz der Straße, wo die Kleinen lesen und schreiben lernen und zusätzlich etwas zu essen bekommen und wo sie sogar eine
Ausbildung machen können: Das hat sich unter den Straßenkindern Kapstadts längst herumgesprochen.
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| Straßenkinder in Kapstadt |
| Foto: Caritas international |
Ob 800 oder 1000 - wie viele Heranwachsende es genau sind, die sich in Kapstadt ohne Zuhause auf der Straße durchschlagen,
kann niemand sagen. Nur soviel steht fest: Sie stammen nahezu ausnahmslos aus der schwarzen oder der als „coloured“ bezeichneten
Armutsbevölkerung. Ihre Überlebensstrategien folgen harten Regeln. Um etwas zu essen zu haben, müssen sie betteln, stehlen
oder sich prostituieren. Und um das Elend auszuhalten, nehmen sie jede verfügbare Droge. Fast alle sind schon mit dem Gesetz
in Konflikt geraten.
Die Straßenkinder sind extremen Risiken ausgesetzt, ausgebeutet oder missbraucht zu werden. Sie trotzen den täglichen Gefahren
auf der Straße am leichtesten, wenn sie sich in Gruppen oder Gangs zusammenschließen. Die bieten ihnen einen gewissen Schutz.
Gleichzeitig jedoch folgen die Gruppen ihren eigenen Regeln. Fast immer herrscht in ihnen das Gesetz des Stärkeren.
Eine Chance, die Karriere auf der Straße zu beenden, möchten die Sozialarbeiter der Salesianer den jungen Obdachlosen in ihren
Projekten bieten. Die Streetworker sind für sie häufig die einzig verlässlichen Vertrauenspersonen.
Learn to Live
Etwa 280 Kinder unter 16 Jahren besuchen jedes Jahr die Straßenkinder-Schule der Salesianer. Der Unterricht in den Landessprachen Xhosa und Afrikaans vermittelt den Kindern das notwendige Basiswissen, damit sie später eine reguläre Schule besuchen können.
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| Im Hof des Salesianer Insituts in Kapstadt |
| Foto: Caritas international |
Die Teilnahme am Unterricht ist freiwillig. Denn sehr viel wichtiger als der Lehrstoff selbst ist den Mitarbeiter/innen ein
Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und den Kindern. Mit bedingungsloser Akzeptanz gehen sie so weit wie möglich auf die Fähigkeiten
der Kinder ein. Und die sind häufig stark eingeschränkt. Viele von ihnen können sich kaum 10 Minuten lang konzentrieren, sie
schaffen es oft nicht, regelmäßig zu kommen oder die allgemeinen Regeln des Miteinanders der Gruppe einzuhalten.
Eine der großen Herausforderungen ist es, den Kindern soziale Verhaltensformen nahezubringen, die gesellschaftlich akzeptiert
und gefordert sind – ohne sie dabei zu disziplinieren. Auch innerhalb der Gangs gibt es ein soziales System und die Kinder
kümmern sich häufig verantwortlich um einander – aller Gewalt zum Trotz. Gemeinsam mit den Kindern versuchen die Sozialarbeiter/innen
herauszufiltern, welche dieser Regeln als solidarisches Verhalten auch in einem anderen sozialen Umfeld gültig sind. Häufig
erfahren sie dabei, dass sich ihnen ungeahnte Möglichkeiten öffnen, wenn sie einen anderen Blickwinkel einnehmen.
Frustration oder Aggression zu begegnen und auch zu akzeptieren gehört genauso dazu wie zu lernen, eigene Entscheidungen zu
treffen oder Strategien zu finden, Probleme oder Konflikte zu lösen: Wie schaffe ich es, ohne ein blaues Auge aus einem Streit
herauszukommen? Wie reagieren andere, wenn ich mich mal nicht konform verhalte? Und natürlich: Wie schütze ich mich und andere
vor HIV/Aids?
Life Skills, annähernd mit soziale Kompetenz übersetzt, nennt sich das „Unterrichtsfach“, das keineswegs trocken auf der Schulbank gelernt wird, sondern möglichst lebensnah,
mit Spielen, Sport, Musik, Rollenspielen, gemeinsamem Kochen und Spaß.
Die Vermittlung der Life Skills durchzieht alle Projekte im Institut der Salesianer und ist auch bei den älteren Straßenkindern
eines der wichtigsten Ziele, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen zu fördern.
Das Don Bosco Heim
Ältere Jugendliche zwischen 17 und 24 Jahren, die dem Leben auf der Straße endgültig den Rücken kehren wollen, finden Unterstützung im Don Bosco Wohn- und Ausbildungsheim, das in einem Trakt des Salesianer Instituts untergebracht ist.
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Video Clip: Fünf Jugendliche, die im Don Bosco Heim der Salesianer wohnen und hier eine Ausbildung machen, erzählen ihre Geschichte. |
Ein Jahr lang bereiten sich die jungen Männer in Wohngruppen auf ihren Ausstieg aus dem Leben auf der Straße vor. In den ersten
Jahren stand das Angebot auch für Mädchen offen. Der Großteil der jugendlichen Obdachlosen allerdings ist männlich und für
die wenigen Mädchen, die in den Gruppen waren, kam es immer wieder zu erheblichen Schwierigkeiten mit den Jungen. Die Salesianer
haben sich daher entscheiden, nur getrennte Projekte durchzuführen.
Die Kurse verlangen den Jugendlichen einiges ab: Sie verpflichten sich freiwillig, gemeinsam vereinbarte Regeln des Zusammenlebens
einzuhalten und eine Berufsausbildung in der Schreinerei, der Blechnerei oder der Lederwerkstatt im Salesianer Institut zu
absolvieren. Die Sozialarbeiter/innen unterstützen die Jugendlichen bei der Jobsuche und helfen ihnen dabei, einen Platz zum
Wohnen zu finden.
Für die Jugendlichen, die oft eine jahrelange Karriere in einer Gang, mit Drogen oder Kriminalität hinter sich haben, setzt
der Ausstieg einen großen persönlichen Einsatz und hohe Motivation voraus. Der Erfolg aber spricht für sich: In den vergangenen
zehn Jahren haben etwa zwei Drittel aller Jugendlichen nach den Kursen einen festen Job angenommen und für sich eine neue
Lebensperspektive geschaffen.
Mai 2010



