Südafrika: NOAH - Stärkung der Selbsthilfe für ältere Menschen
Mit Spaß in der Alten-WG
In Südafrika dreht sich fast alles um die Jugend. Erfolgreiche Geschäftsleute, unterprivilegierte Homeland-Kinder und Jugendbanden bestimmen das Bild. Über das Leben der älteren Generation ist wenig bekannt. Viele alte Menschen leben in Armut und am Rande der Gesellschaft. Noah, „Neighbourhood Old Age Homes“, will das ändern. Das Senioren-Modellprojekt in Kapstadt setzt dabei auf Nachbarschaftshilfe und betreutes Wohnen.
Wo sie einmal sterben möchte, steht für Winnie Kaleni außer Frage. Täglich besucht die alte Dame das Caritas-Nachbarschaftszentrum für ältere Menschen in ihrem Township Khayelitsha in Kapstadt – solange sie noch mobil genug ist. Und wenn es dann einmal so weit ist und die Kräfte nachlassen, gibt es für sie nur eins: „Da drüben und sonst nirgends“, unterstreicht sie und deutet energisch auf das Nebengebäude des Nachbarschaftszentrums, wo Noah betreutes Wohnen für Hilfsbedürftige anbietet.
| Video Clip: Winnie Kaleni und Thembeka Gecelo berichten aus dem Zentrum für ältere Menschen in Khayelitsha in Kapstadt |
Soweit aber ist es für Winnie Kaleni noch nicht. Die 66-Jährige lebt zusammen mit ihrer Schwester in einer Hütte im Township.
Ihr ganzes Leben hat sie als Hausmädchen von der Hand in den Mund gelebt, bis sie wegen einer schweren Krankheit nicht mehr
weiterarbeiten konnte. Im Nachbarschaftszentrum ist Winnie Kaleni förmlich aufgeblüht: Hier sammelt sie alle Kräfte und engagiert
sich im Organisationskomitee des Hauses.
Home, Health and Happiness: Geborgenheit, Gesundheit und Glück lautet frei übersetzt das Motto von Noah, der Caritasorganisation
für bedürftige alte Menschen. Von Karaoke bis zum Theaterspielen, von Gesprächsgruppen über die Probleme der Senioren bis
zu Ausflügen in und um Kapstadt reichen die Angebote.
Neulich zum Beispiel organisierte Noah eine Besichtigung der Gefängnisinsel Robben Island, wo Nelson Mandela mit vielen anderen
politischen Häftlingen des Apartheidregimes inhaftiert war. Für Noah gehören solche Themen zum Programm: Das Projekt versteht
sich seit seiner Gründung vor 28 Jahren auch als antirassistische Menschenrechtsorganisation, die bedürftige alte Menschen
darin stärkt, für sich und ihre Rechte einzustehen. 1981, als Noah mit seinen Wohngruppen und Nachbarschaftszentren für Menschen
jeder Hautfarbe startete, war dies noch ein illegales Altenprojekt. Es war die Zeit, als rigide Rassengesetze herrschten.
Und selbst heute, in der vielbeschworenen Regenbogennation, ist das Zusammenwohnen und -leben von Weißen und Schwarzen noch
keine Selbstverständlichkeit. Noah hat neben den beiden Nachbarschaftszentren zwölf Alten-Wohngemeinschaften in acht verschiedenen
Stadtteilen Kapstadts gegründet. In den Häusern leben jeweils bis zu neun ältere Menschen zusammen, die das gemeinschaftliche
Wohnen eigenständig organisieren. Wann immer aber Hilfe benötigt wird, stehen ihnen die Mitarbeitenden von Noah mit Rat und
Tat zur Seite.
Auch bei gesundheitlichen Problemen, denn zu den regelmäßigen Besuchen gehört auch die Pflege und medizinische Versorgung
der Bewohner. Im zentral gelegenen Stadtteil Woodstock leitet NOAH zusätzlich eine geriatrische Ambulanz. Eine kleine Klinik,
die sich auf die gesundheitlichen Bedürfnisse alter Menschen spezialisiert hat; vor allem – aber nicht nur – für die Bewohnerinnen
und Bewohner der Noah-Häuser. Winnie Kaleni weiß diesen Service aus eigener Erfahrung sehr zu schätzen. Denn die Sozialpolitik
Südafrikas hat in erster Linie die Jugend im Fokus – und die massiven Probleme HIV/Aids, Arbeitslosigkeit und hohe Kriminalitätsrate.
Alte fallen da oft durch alle Raster.
Gleichzeitig aber sind es die Alten, die so viele der sozialen Probleme des modernen Südafrika schultern: Auf ihnen, die im
Unrechtsregime der Rassentrennung aufgewachsen sind und für den Aufbruch in ein neues Zeitalter gekämpft haben, lastet häufig
die Verantwortung für ihre Kinder und Enkelkinder. 60 Prozent der Waisenkinder wachsen bei ihren Großeltern auf.
Das größte Anliegen für die resolute Winnie Kaleni ist daher die Stärkung der Hilfsangebote für Senioren. „Hier bei Noah geht
es uns gut, aber es gibt viel zu wenige solcher Häuser! Meine Schwester, meine Freundinnen und Nachbarn: Alle wollen sie auch
hierher kommen, aber es gibt einfach nicht genug Platz.“
Von Monika Hoffmann
Juli 2010

