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Vom Randphänomen zur Epidemie

Schlaglichter zur HIV-Politik in Osteuropa

Die Welt-AIDS-Konferenz der Vereinten Nationen vom 16. bis 23. Juli 2010 in Wien widmet ihren Schwerpunkt Osteuropa und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Mit zeitlicher Verzögerung hat sich die Epidemie in Osteuropa ausgebreitet. Während die Infektionsgefahren zunächst verharmlost oder gar ignoriert wurde, stellt sich die Politik inzwischen den Herausforderungen der HIV/AIDS Prävention. Nicht immer jedoch mit befriedigendem Ergebnis, wie die Ausgrenzung von infizierten Drogennutzern zeigt.

Kein Sex im Sozialismus ?

Während HIV und AIDS in der westlichen Hemisphäre zu Beginn der 1980er Jahre Schlagzeilen machten, galt die Krankheit in der damaligen Sowjetunion als Randproblem, das allenfalls Ausländer betrifft. Nach dem ersten offiziellen AIDS-Todesfall im heutigen St. Petersburg fasste 1987 der Oberste Sowjet erstmals einen Beschluss zu HIV und AIDS und verfügte das massenhafte Testen von Blutspendern, Drogenabhängigen, Homosexuellen, Ausländern oder Menschen mit vermutetem „unsteten Lebenswandel“.

Innerhalb von zwei Jahren ließen die Gesundheitsbehörden 18,3 Millionen HIV-Tests durchführen - mit nur 80 positiven Testresultaten. Bis Ende 1995 wurden insgesamt 1.096 positive Testergebnisse gemeldet, davon unter 500.000 getesteten Drogennutzern nur zwei mit positivem Ergebnis. Die niedrige Infektionsrate veranlasste die Behörden, HIV als marginales Problem angesichts der dramatischen Umbrüche in der Region weitestgehend zu ignorieren. Zwar wurden Blutspenden durch Reihentests sicherer gemacht, HIV-Aufklärung und -Prävention jedoch blieben aus. Mit Blick auf die sexuelle Übertragung galt der „westliche“ Ansatz der Kondompropaganda als nicht anwendbar. Schließlich hatte sich eine sowjetische Tradition der „Familienplanung“ entwickelt, in der allein die Frau die Verantwortung trug – im statistischen Durchschnitt hatte jede Sowjetbürgerin zwölf Abtreibungen in ihrem Leben.

Angesichts der vermuteten Ferne des Problems war es ein Schock, als Mitte der 1990er Jahre plötzlich in verschiedenen Regionen des Landes Gruppen von Drogennutzern mit hoher HIV-Prävalenz getestet wurden. Betroffen waren vor allem Russland und die Ukraine, aber auch die russische Bevölkerung Estlands. In nur anderthalb Jahrzehnten stieg die geschätzte Zahl der HIV-Infizierten auf über 1,5 Millionen.

HIV und Spritzdrogen – eine explosive Verbindung

Woher kam diese extrem schnelle Ausbreitung der Epidemie? Der Grund liegt im hauptsächlichen Übertragungsweg: In Osteuropa nahm nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auch der Drogenkonsum epidemische Formen an. Vor allem junge Männer griffen im Freundeskreis zur Spritze, die die schnellste und stärkste Wirkung versprach. Drogen wurden in den Städten entlang der Drogentransitrouten gekauft und auch selbst hergestellt. Besonders Fatal: Zur Wirkungsverstärkung wurden die Drogen häufig gezielt mit Blut vermischt.

Die Injektion von infiziertem Blut ist die ‚effektivste’ Möglichkeit der Ansteckung mit dem HI-Virus. Ein Drogennutzer kann so den Virus innerhalb weniger Wochen nach der eigenen Infektion an eine ganze Gruppe weiter geben. Hinzu kommt beim Konsum illegaler Drogen die Angst der Drogennutzer vor Entdeckung, die sie schwer erreichbar macht für Maßnahmen der HIV-Prävention. Die individuelle Sucht bzw. die Suche nach Drogen bei beginnenden Entzugssymptomen führt zu riskantem Verhalten, von ungeschützter Beschaffungsprostitution bis hin zur Nutzung gebrauchter Spritzen – notfalls trotz des Wissens um eine HIV-Infektion.

Woran stirbst du?

Bis Ende 2009 wurden in der Russischen Föderation offiziell 79.353 Todesfälle HIV-infizierter Menschen registriert, in der Ukraine starben im selben Zeitraum 17.791 von insgesamt 161.119 registrierten HIV-Positiven.

Die Kombination von HIV und Drogensucht beeinflusst auch die Sterblichkeit. Die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten steigert zwar die Lebensdauer, diese Medikamente werden aber deutlich seltener an Drogenkranke gegeben, als aus medizinischer Sicht nötig wäre. Bei Drogennutzern entwickelt sich daher sehr viel schneller AIDS. Gleichwohl sind andere Todesursachen noch bedeutsamer: In den Jahren 2008 und 2009 starben nach offiziellen Angaben 26.749 HIV-positive russische Staatsbürger, allerdings nur 23 Prozent an AIDS, die anderen vor allem durch Überdosis, Selbstmord sowie andere Krankheiten. Wer drogenabhängig ist, weiß um die Risiken: Die Agentur für Drogen und Kriminalität (UNODC) der Vereinten Nationen vermutet 30.000 jährliche Todesfälle durch Überdosis in Russland. Was kann da zu HIV-Prävention motivieren?

Gender betrifft auch Männer

Osteuropa zwingt uns, die strukturelle Gefährdung von Frauen und Männern gesondert zu analysieren: Frauen unterliegen einem höheren Risiko, sich auf sexuellem Wege zu infizieren, während die Ansteckung von Männern eher über Spritzdrogen erfolgt.

Junge Männer werden häufig von ihrem Umfeld, der Peergroup, dazu gedrängt, wie ein „richtiger Mann“ riskant zu leben und haben statistisch gesehen eine geringe Chance, ihren 50. Geburtstag zu erleben. Die Lebenserwartung von Männern in der Russischen Föderation, in der Ukraine und in Belaruss liegt etwa zwölf Jahre unter der der Frauen - ein Unterschied, wie nirgends sonst auf der Welt. Von den jungen Männer, die sich einst als erste mit HIV infizierten, nach dem sie im Freundeskreis Drogen konsumiert hatten, sind heute viele an AIDS erkrankt, schwer abhängig und gezeichnet von einem Leben, das teils im Gefängnis verbracht wurde. Manche leben allein, vielen andere werden von ihren Müttern gepflegt.

In den letzten Jahren aber nimmt auch die Ansteckungsrate der jungen Frauen erschreckend zu – und mit ihnen auch die Zahl der Kinder, die von HIV-positiven Müttern geboren werden. In Russland und der Ukraine genießt die Prävention der Mutter-Kind-Übertragung politische Priorität. Fast alle schwangeren Frauen werden auf HIV getestet und bekommen gegebenenfalls antiretrovirale Medikamente. Während die Zahl der von HIV-positiven Müttern geborenen Kinder in beiden Ländern wächst, sinkt die Zahl der tatsächlich infizierten Kinder auf rund sechs Prozent. Diese Familien leben nicht nur mit dem HIV-Stigma, sondern auch mit dem Vorurteil, sich durch Drogen oder (Beschaffungs-)Prostitution infiziert zu haben.

Volle Menschenrechte auch für Drogennutzer

Die Zahl der Drogennutzer in Russland wird auf 1,5 bis über vier Millionen geschätzt, in einigen Städten sind 30 bis 50 Prozent HIV-positiv. Eine zentrale Forderung von Aktivisten und internationalen Organisationen betrifft die Umsetzung von „Harm Reduction“, Schaden mindernden Maßnahmen, in der Russischen Föderation. In der Ukraine und anderen Ländern werden solche Ansätze, wenn auch unter Schwierigkeiten, umgesetzt. Russland jedoch verweigert vor allem die Substitution, die ärztlich verordnete Vergabe von täglich einzunehmenden Ersatzstoffen, die die Entzugserscheinungen blockieren.

Die Gegner der Substitution kritisieren sie als unwissenschaftlich, Ersatz- Sucht oder reine Geldmacherei. Dagegen betonen die Befürworter den Schutz vor HIV- oder Hepatitis-Infektion und die mögliche medizinische, psychische und soziale Stabilisierung, die den Erhalt der Familie und die langfristige regelmäßige Einnahme der lebensrettenden ARV-Medikamente erleichtern. Volle Menschenrechte auch für Drogennutzer – diese Forderung der Zivilgesellschaft wird auch nach der Konferenz in Wien diskutiert werden und stellt in der Umsetzung große Herausforderungen an Praxis und Politik, die wir gerade erst zu verstehen beginnen.

Von Dr. Monika Rosenbaum, Beraterin zu HIV/AIDS in Osteuropa für Renovabis, Caritas international und das Missionsärztliche Institut Würzburg


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