Akzeptanz und Integration
Porträts aus den Projekten
Die Fallbeispiele aus den Projekten verdeutlichen, wie wichtig gemeinsames Lernen für Kinder mit Behinderungen gerade im ländlichen Raum ist.
Flutkindergärten / Tam, fünf Jahre alt
Der Bau von flutsicheren Kindergärten gehört seit einigen Jahren zu den Projektvorhaben der südvietnamesischen Diözese My
Tho, die von Caritas international unterstützt werden. Hier in der Provinz Tien Giang im Mekong Delta und in anderen ländlichen
Regionen mit armer bäuerlicher Bevölkerung hat es sich gezeigt, dass ein Großteil der Opfer bei schweren Überschwemmungen
Kleinkinder im Vorschulalter sind. Wenn die Fluten kommen, sind Eltern und größere Geschwister entweder noch auf dem Feld
oder aber damit beschäftigt, das Inventar ihrer ärmlichen Hütten zu bergen und zu sichern, damit nicht auch noch die letzten
Habseligkeiten der Familie davon schwimmen. Der Überraschungsmoment, ein unbedachter Augenblick, ein kleiner Fehltritt, und
das Kleinkind wird fortgerissen. Armut macht verwundbar für Katastrophen.
Die flutsicheren Kindergärten dienen während der jährlichen Flutmonate als ganztägige kostenlose Kindertagesstätten mit Verpflegung,
zu denen die armen Familien gerne ihre Kleinkinder hinbringen. Und in der übrigen Zeit des Jahres wird ein Vorschulprogramm
für die fünf - bis sechsjährigen angeboten. Dabei ist es ein Ziel, auch Kinder mit Behinderungen in die Vorschule zu integrieren.
So verfolgt der kleine körperbehinderte fünfjährige Tam aufmerksam die Worte der Erzieherin. Sie hat eine heilpädagogische
Qualifikation im Rahmen einer Fortbildung auf Provinzebene erworben, damit sie besser in der Lage ist, auf die Bedürfnisse
behinderter Kinder in ihrer Gruppe einzugehen. Zur Stütze hat Tam einen kleinen Tisch vor sich stehen, denn er kann aufgrund
seines schlaffen Muskeltonus nicht frei sitzen wie die anderen Kinder. Er kann auch nicht gehen. Aber er freut sich, dass
er mit den anderen Kindern zusammen spielen und etwas lernen kann. Und in ein paar Tagen kommt bestimmt auch sein bester Freund
Minh, der zur Zeit krank ist, wieder in den Kindergarten - Minh ist hörbehindert.
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Nhan, zwölf Jahre alt
Als wir schon in Sichtweite sind, aber noch ein gutes Stück entfernt in den Reisfeldern, läuft das Mädchen Nhan bereits aufgeregt
vor dem kleinen Häuschen ihrer Familie hin und her. Wir werden erwartet. Die zwölfjährige Nhan begegnet uns scheu und neugierig
zugleich, als wir schließlich mit dicken Lehmklumpen an den Schuhen vor der Schwelle der nach vorne offenen Hütte stehen.
Ihre Familie lebt wie alle hier vom Reisanbau und erwirtschaftet damit gerade mal das Allernötigste zum Überleben, dabei wird
jede Kraft zum Mithelfen gebraucht. Nhan ist das dritte von vier Kindern, ihr selber fehlt von Geburt an das rechte Auge,
und sie ist geistig behindert. Somit wurde sie als eine Belastung für ihre Familie und nicht als Hilfe angesehen. Bis die
Mutter durch Beratung und Anleitung der Schwestern des Zentrums für behinderte Kinder in Nuoc Ngot verstanden hat, dass Nhan
etwas lernen kann.
Es braucht zwar viel Zeit und geduldiges Trainieren, aber inzwischen kann Nhan sich selbst waschen und anziehen, und sie kann
der Mutter bei einfachen Arbeiten im Haushalt zur Hand gehen, wie zum Beispiel Gemüse zupfen oder schneiden. Die Mutter ist
stolz, dass sie diese Fortschritte ihrer behinderten Tochter erzählen kann, und Nhan selber freut sich so über unseren Besuch,
dass sie uns bereitwillig ein fröhliches Liedchen singt, das sie im Tageszentrum bei den Schwestern gelernt hat.
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Khanh, elf Jahre alt
Der elfjährige Khanh würde am liebsten immer bei den Schwestern im Tageszentrum sein. Hier wird er akzeptiert und er hat Spielgefährten,
die so sind wie er. Khanh ist geistig behindert und körperbehindert. Er kann nicht aufstehen oder gehen. Wenn er nicht im
Tageszentrum sein kann, weil ihn seine Mutter aufgrund der Entfernung nicht jeden Tag hin bringen kann, sitzt er den ganzen
Tag alleine zuhause.
Der Vater arbeitet weit weg in Ho Chi Minh-Stadt und kommt lange nicht nach Hause, die Mutter muss zur Feldarbeit, die fünf
Geschwister gehen vormittags zur Schule. Wenn sie von der Schule nach Hause kommen, gehen sie bald danach ins Dorf, um mit
anderen Kindern zu spielen, und lassen Khanh wieder alleine.
Sie sind mit ihrem behinderten Bruder überfordert, denn dieser verhält sich ihnen gegenüber aggressiv - vielleicht ein gelerntes
Schutz- und Abwehrverhalten, da ihn gesunde Kinder meistens ärgern? Im Tageszentrum bei den Schwestern und mit den anderen
behinderten Kindern ist Khanh jedenfalls kein bisschen aggressiv. Schwester Beatrice hat sich vorgenommen, die Familie künftig
zu besuchen, um Khanh in seinem familiären Umfeld zu fördern. Dabei will sie seine Geschwister miteinbeziehen, damit sie lernen,
ihren Bruder und seine Bedürfnisse besser zu verstehen, besser mit ihm auszukommen und Verantwortung für ihn zu übernehmen.
Außerdem haben die Schwestern vor, in der Gemeinde Thuy Yen, wo die Familie von Khanh lebt und wo es weitere Familien mit
behinderten Kindern gibt, für die der Weg nach Nuoc Ngot zu weit ist, ein Mini-Tageszentrum als Außenstelle einzurichten.
Vielleicht kann Khanh mit Hilfe der Förderung zuhause und im künftigen Mini-Zentrum dann auch lernen, den Rollstuhl, der bislang
nutzlos zuhause vor dem Eingang steht, aus eigener Kraft zu bewegen, um ein Stück Mobilität und Unabhängigkeit zu gewinnen.
Januar 2009



