Europa  

Spende

Russland: Friedensarbeit mit Jugendlichen

Situation

Gewalttätige Übergriffe russischer Jugendlicher auf Nicht-Russen haben in den letzten Jahren zugenommen. Es scheint, als seien nationalistische Einstellungen und Gewaltbereitschaft bei vielen Jugendlichen in der Russischen Föderation 'in Mode' gekommen. Ereignisse wie die Massenschlägereien meist jugendlicher Fußballfans Mitte Dezember 2010 in Moskau verstärken diesen Eindruck.

Russland

Für die vermehrt auftretenden gewalttätigen Angriffe gegen Menschen anderer Herkunft ist der erstarkende Nationalismus allein keine hinreichende Erklärung. Vielmehr kommen verschiedene auslösende Faktoren zusammen.

Das politisch und populistisch stabilisierte Zusammengehörigkeitsgefühl in der ehemaligen Sowjetunion ist kaum mehr existent. Es wich einem in vielen gesellschaftlichen Bereichen spürbaren Gegensatz 'wir' gegen 'sie'. Zunehmend wird unterschieden zwischen der eigenen Gruppe und denen, die nicht dazugehören. Der Konflikt 'Russen' gegen andere Bevölkerungsgruppen, wie Bewohner des Kaukasus ¹   oder afrikanische Studenten, bildet nur eine mögliche Variante.

Nationalistische Einstellungen haben im Gefolge von Tschetschenienkrieg und terroristischen Anschlägen wie im Januar 2011 am Flughafen Domodedovo Konjunktur. Besonders die Vorurteile gegen Menschen aus Mittelasien und aus dem Kaukasus, die abwertend 'Schwarze' genannt werden, haben zugenommen. Ressentiments und Ausländerfeindlichkeit ziehen sich durch alle Bevölkerungsschichten. Ein Beispiel dafür sind die Personenkontrollen von Polizisten und Sicherheitskräften, die 'Kaukasier'  besonders häufig und in größtmöglicher Öffentlichkeit streng kontrollieren.

Rollenspiel in der Friedensschule
Rollenspiel in der Friedensschule der Caritas
Foto: Caritas Saratow

Sogar auf staatlicher Ebene hat man den offen geäußerten und gewalttätigen Nationalismus inzwischen als Problem erkannt – nicht zuletzt mit Blick auf die anstehenden internationalen Sportgroßveranstaltungen: Schließlich werden nicht nur die olympischen Winterspiele 2014 am Fuß des Kaukasus stattfinden. Auch die Fußball-WM 2018 soll in Russland ausgetragen werden. Nationalistisch motivierte Gewalt russischer Fußballfans, so die Befürchtung, könnte die Sportereignisse gefährden.

Es gibt mittlerweile staatlich geförderte Toleranzprogramme an vielen Schulen. Die Wirkung dieser Bemühungen ist allerdings sehr begrenzt. Sie gehen kaum darüber hinaus, staatlicherseits Toleranz zu verordnen. Darauf regieren gerade manche 'rebellischen'  jungen Leute mit umso größerer Bereitschaft zu offener Aggression. Es gibt immer wieder Gelegenheiten, wo sich diese explosive Gemengelage entlädt, beispielsweise bei den Prügeleien und Ausschreitungen zwischen Fußballfans und Kaukasiern im Moskauer Stadtzentrum, die von nationalistischen Gruppierungen gezielt instrumentalisiert wurden. Diese Auseinandersetzungen haben allerdings bei Politik und Verwaltung die Einsicht gefördert, dass Jugendliche Gehör finden und ernst genommen werden wollen.

In ihrem Friedensprojekt fördert die Caritas Konfliktbewältigung bei Kindern und Jugendlichen. Die Caritas Südrussland betreut ein Bistum, das so groß ist wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Portugal zusammen und sich bis zum Kaukasus erstreckt. Diese Vielvölkerregion Russlands mit 45 Millionen Einwohnern lebt spätestens seit Beginn des Tschetschenienkrieges mit Gewalt und Terror, Flucht und Vertreibung.

Die etwa 22 Tausend Katholiken bilden hier eine kleine religiöse Minderheit und haben immer wieder selbst mit Anfeindungen zu kämpfen. Die Caritas sieht ihre Rolle und eine große Chance darin, durch die Entwicklung von innovativen und wirksamen Projekten wie ein Katalysator Prozesse in der Gesellschaft anzuregen.

Februar 2010

 


 

Anmerkung:

¹ )  Hilfen für zivile Opfer während des Kaukasus-Krieges im Jahr 2008 : Während des Kaukasuskriegs 2008 haben Caritas Georgien und die Caritas Wladikawkaz in Nordossetien Nothilfe für die zivilen Opfer des Krieges geleistet. Unter anderem hat die lokale Caritas in Nordossetien 15 Kliniken mit medizinischem Gerät, Verbandsmaterial und Medikamenten ausgestattet. Caritas Georgien hat die Flüchtlingslager rund um Tiflis und Kutaisi sowie in Gori mit Nahrungsmitteln, Decken, Kleidung und Hygieneartikeln versorgt und Nahrungsmittelhilfe geleistet. 

Die Caritas Wladikawkaz im russischen Teil Ossetiens hat im Jahr 2008 über 40.000 Flüchtlinge unterstützt. Eine besondere Bedeutung kam der Caritas Wladikawkaz bei der psychologischen Betreuung der Kriegsopfer zu. Die Caritas hatte bereits nach dem Geiseldrama von Beslan Projekte zur Traumaarbeit durchgeführt. Das psychologisch erfahrene Personal unterstützte im Krieg 2008 traumatisierte Flüchtlinge.

Caritas international hat zur Versorgung der Verletzten und Kranken 13 Tonnen medizinische Hilfsgüter mit Verbandsmaterial, chirurgischem Besteck und Medikamenten geliefert. Die Pakete dienen der medizinischen Grundversorgung für jeweils etwa 10.000 Verletzte und Kranke.

 


Weitere Infos zum Thema »Russland: Friedensschule«