Kongo: Hilfe für Vertriebene und Opfer des Bürgerkriegs
Caritas hilft ehemaligen Kindersoldaten
von Alexander Buehler
Dem Dasein als Kindersoldat zu entfliehen, ist fast unmöglich. Gelingt es, benötigen die ehemaligen Kindersoldaten viel Zuwendung und Hilfe, um mit ihren Traumata leben zu können.
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| Einer von vielen Kindersoldaten in Kongo |
Der Junge schlenkert wild mit seinen Armen, wiegt seinen Kopf, rollt mit den Augen, dauernd bewegt er sich, vor und zurück
neigt er seinen Oberkörper. Noch vor wenigen Monaten war er ein Kindersoldat. Jetzt lebt der 13jährige übergangsweise auf
dem Gelände eines Waisenhauses in Goma.
Denn kaum war er dem Dasein als Soldat entflohen, holte ihn der Krieg im Ostkongo wieder ein. Das Übergangszentrum der Caritas,
in dem er in das zivile Leben re-integriert werden sollte, musste aufgrund der Sicherheitslage geschlossen werden, der Junge
wurde daraufhin zusammen mit anderen ehemaligen Kindersoldaten evakuiert.
Er hat schreckliches gesehen - und getan. Er war zwar nur ein Jahr lang Kindersoldat, doch was er da gesehen hat, reicht für
ein ganzes Leben. Alles begann, als er sonntags von der Kirche nach Hause ging. In der Region Masisi, in der sein Heimatdorf
liegt, dominierte gerade die Mörderbande FDLR, die 1994 den Genozid in Ruanda beging und seitdem im Kongo ihr Unwesen treibt.
Sie waren gerade dabei, sein Dorf zu plündern - und als sie ihn sahen, ergriffen sie das Kind und zwangen ihn, auf dem Rückweg
ihre Munition zu tragen.
Danach gaben die FDLR-Soldaten dem Kleinen eine "Schulung": "In ihrem Lager lernte ich mit der AK47 und dem Granatwerfer schießen",
sagt er. Und er war gut darin - so gut, dass er auf drei Kampfeinsätze mitgenommen wurde. Er bekam genau mit, was mit den
anderen Kindern passierte, die nicht so schnell lernten: Sie wurden eigenhändig von Oberst Brasose, dem Befehlshaber, erschossen.
Dieser Oberst war es auch, der den schmächtigen Jungen dazu zwang, weitere Kinder-Rekruten zu erschießen, die das "Training"
nicht bestanden hatten. Als er den anderen Kindern gegenüber stand, war es die nackte Angst ums eigene Überleben, die ihn
dazu brachte abzudrücken. Er wusste, dass ihm sonst das gleiche Schicksal drohte. Aber während der Junge das berichtet, ist
an seinem Gesicht keine Empfindung zu erkennen. Er erzählt es so unbeteiligt, wie ein anderes Kind von einer Schulhof-Rangelei
erzählen würde.
Der Mitarbeiter, der bei der Caritas Goma für die Kindersoldaten zuständig ist, beobachtet ihn sorgfältig. Er weiß, wie sehr diese Kinder mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen haben. Und doch kann die Caritas nur vier Übergangsheime für etwa 80 ehemalige Kindersoldaten in Nordkivu unterhalten - mehr geht wegen der unsicheren Lage nicht. Hier versucht man diese traumatisierten Kinder auf eine Rückkehr in das zivile Leben und in den Schoß ihrer Familien vorzubereiten. Sie lernen wieder Kind zu sein, indem sie spielen, Filme kucken, Musik machen, aber auch Pflichten wie das Reinigen von Zimmern übernehmen. Gleichzeitig gehen sie in die Schule oder lernen das Tischlerhandwerk und werden bei auffälligem Verhalten in Einzelgesprächen psychologisch begleitet. Die Caritas versucht auch, diesen Kindern eine Zukunft zu ermöglichen: Für über 2500 ehemalige Kindersoldaten zahlt die Caritas monatlich das Schulgeld, damit sie sich ein normales Leben aufbauen können.
Doch genau diese Übergangsheime werden immer wieder zur Zielscheibe von Soldaten. Erst am Montag wurde das in der Stadt Kanyabayonga (etwa 170 Kilometer nördlich von Goma) von Soldaten der Regierungsarmee FARDC auf ihrem Rückzug geplündert. Derart massiv bedrohten sie die ehemaligen Kindersoldaten, dass diese nach Goma in Sicherheit gebracht werden mussten. Denn wie alle bewaffneten Gruppen ist auch die kongolesische Armee auf der Suche nach den billigen Kindersoldaten, die schon eine gewissen Kampferfahrung haben und nicht viel Sold kosten.
Der Junge hatte Glück. Die Frau seines Obersten, dem er als Leibgarde diente, reiste ab und zu mit ihm nach Ruanda. Einmal fasste er sich ein Herz und erklärte ihr, dass er gerne in ein Caritas-Übergangslanger gehen würde, um zu seiner Familie zurückkehren zu können. Über einen Freund hatte er davon gehört - und sah darin seine Chance. "Sie hat mich wohl geliebt. Ich glaube, am liebsten wäre sie mitgegangen.", sagt er. Und dann zeigt sich ein Anflug von Zärtlichkeit auf seinem schmalen Gesicht. Denn diese Frau gab ihm wohl ein bisschen Wärme, zum Abschied steckte sie ihm sogar sechs US-Dollar für den Neuanfang zu.
Der Junge kann es kaum abwarten, bis er endlich wieder zurück zu seiner Familie kann, er glaubt, dass sie ihn trotz allem, was er an schrecklichem sah und selbst tun musste, wieder aufnehmen wird. Doch erst muss er ein Demobilisierungszeugnis der Caritas bekommen, sonst ist es zu gefährlich für ihn, sich in sein Heimatdorf durchzuschlagen. Denn im Moment ist seine Heimatregion fest in der Hand der Truppen des aufständischen Generals Nkunda - genau jener Gruppe also, gegen die er damals kämpfen musste. "Wenn ich das Papier nicht vorlegen kann, werden sie mich für einen Spion halten!" sagt er - und verschweigt, dass er dann erschossen würde. Später, als er wieder zu seinen Freunden verschwunden ist, erklärt der Caritas-Mitarbeiter traurig, dass durchaus das Risiko besteht, dass das Kind von den Truppen Nkundas wieder verschleppt und als Kindersoldat eingesetzt würde. Tatsächlich werden Schätzungen zufolge im Kongo etwa 30.000 Kinder dafür missbraucht - die Jungs tragen Waffen und kämpfen, Mädchen werden als Sex-Sklavinnen der Soldaten gehalten. Dennoch ist der Junge zuversichtlich, was seine Zukunft angeht, ein bisschen verlegen hat er erklärt, dass er gerne Lehrer werden möchte. Und mit dem Schulgeld, dass die Caritas ihm zahlt, kann sie ihm vielleicht helfen, sich diesen Traum zu erfüllen.
13. November 2008


