60 Jahre internationale Caritasgemeinschaft
Interview mit Oliver Müller, Leiter von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbands für Not- und Katastrophenhilfe
Caritas Internationalis, der Dachverband aller weltweiten Caritas-Organisationen, wird in diesem Jahr 60 Jahre alt. Anlässlich der Generalversammlung des Verbands in Rom (22. -27. Mai) sprach Dr. Oliver Müller, der Leiter des Hilfswerks der Deutschen Caritas, Caritas international, mit Stefan Teplan über Erfolge, Chancen und Herausforderungen der internationalen Caritasfamilie
Stefan Teplan: Sie nehmen als Leiter von Caritas international diese Woche teil an der Generalversammlung von Caritas Internationalis in Rom. Einem Laien schließt sich der Unterschied dieser beiden Organisationen nicht leicht auf. Können Sie uns dies kurz erklären?
Oliver Müller: Caritas international ist das Hilfswerk der Deutschen Caritas - die Abteilung des Deutschen Caritasverbands, die humanitäre Hilfe und soziale Arbeit in vielen anderen Ländern leistet. So wie es eine Deutsche Caritas gibt, existiert aber noch in 164 anderen Ländern der Erde eine eigene nationale Caritas. Diese sind alle zusammengeschlossen in dem Dachverband, Caritas Internationalis, der seinen Sitz in Rom hat. Caritas Internationalis ist aber weit mehr als ein bloßer Zusammenschluss von einzelnen nationalen Caritas-Organisationen: Es ist eines der größten sozialen Netzwerke der Welt und eine große Familie.
Foto: Caritas international
Wie kommt dieser Familiengedanke zum Ausdruck?
In gemeinsamen Werten, die die Caritas-Arbeit ausmachen. Wir helfen aus christlicher Überzeugung auf der ganzen Welt Menschen in Not - unabhängig von deren ethnischer Herkunft, Religion, Nationalität oder Weltanschauung. Entscheidend ist allein das Leid der Betroffenen, die der Hilfe von außen bedürfen. Entscheidend auch ist für uns dabei, dass wir nicht etwas für, sondern mit dem Menschen machen: In der humanitären Hilfe und in sozialen Projekten unterstützen wir Marginalisierte und in Not Geratene mit ihnen zusammen, damit sie mehr Selbständigkeit bekommen und ihre Würde entfalten können. Wir fassen also den leidenden Menschen nicht als Objekt, sondern als Subjekt auf. Dies alles geschieht aus christlicher Überzeugung auf einer gemeinsamen Basis, für die eine gemeinsame Position und, in der Katastrophenhilfe, ein gemeinsamer Verhaltenskodex besteht.
Gibt es denn im Katastrophenfall auch eine Kooperation mehrerer nationaler Caritas-Organisationen?
Ja. Gerade Großkatastrophen sind der Bereich, in denen der Familiengedanke und die Zusammenarbeit der Caritas-Mitglieder besonders deutlich werden, weil das Caritas-Netzwerk sehr stark ist und enorm viel bewegen kann. Zu dieser Stärke trägt ganz wesentlich bei, dass wir vor Ort mit den lokalen Partnern zusammenarbeiten, die vor, während und nach der Katastrophe für die Menschen in Not da sind. Diese Zusammenarbeit und Solidarität der weltweiten Caritasbewegung ermöglicht eine wirksame und nachhaltige Unterstützung, die direkt bei den Betroffenen ankommt. Wir machen also nicht einfach ein Hilfsprojekt und gehen dann wieder weg. Die lokalen Partner bleiben ja ständig vor Ort und so erlaubt es das Caritas-Netzwerk, sehr langfristig zu denken.
Aber kann eine solche langfristige Hilfe nicht auch langfristig abhängig machen?
Wir wollen langfristige Abhängigkeiten vermeiden. Unser Engagement ist immer zeitlich befristet. Gleichzeitig bedeutet dies schon auch, dass wir mehrere Jahre mit einzelnen Partnern oder Projekten zusammenarbeiten. Realistisch betrachtet, eröffnen Kurzeinsätze nur in den wenigsten Fällen die Möglichkeit, dass die Dinge sich ändern. Das bedeutet: Wir denken langfristig, aber das Ziel muss Hilfe zur Selbsthilfe sein - eine Stärkung des Partners, damit dieser nach einem gewissen Zeitraum eigenständig und unabhängig arbeiten kann.
Mit welchen Methoden erreichen Sie dies?
Zum einen beziehen wir in die Projektplanung die Interessen, Kräfte und Möglichkeiten der Partner mit ein. Das schafft eine Nachhaltigkeit, die über die konkrete Hilfe hinausgeht. Zum anderen investieren wir viel in die Aus- und Fortbildung der lokalen Caritas-Mitarbeiterinnen und –mitarbeiter, damit diese in der Lage sind, eigenständig gute Lösungen zu erarbeiten. Und schließlich unterstützen wir andere Caritas-Organisationen dabei, über die konkreten Hilfsmaßnahmen hinaus die Anwaltschaft für die Armen und die Marginalisierten in ihrem Land zu übernehmen. Es ist ja weltweit keine Selbstverständlichkeit, dass es Verbände gibt, die die Sozialpolitik aktiv mitgestalten wie dies die deutsche Caritas tut. Da gibt es viele Fälle, in denen wir Caritasverbände – zum Beispiel in Bangla-Desch, Brasilien oder im Kongo - unterstützt und ihnen jahrelang geholfen haben, dass sie heute eine ganz wichtige Stimme in ihrem Land sind, wenn es um die sozialen Strukturfragen geht und sie den Politkern ins Gewissen reden, um eine Veränderung herbeizuführen. Das sind Stellschrauben, die wichtiger sind als hierzulande eine Resolution zu verabschieden, die an eine Regierung in einem bestimmten Land appelliert. Wichtig ist, dass es eine starke Caritas im Land gibt, die selbstbewusste und qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat, die die Kompetenz und den Mut haben, sich in sozialpolitische Fragen einzumischen.
Wenn Sie auf 60 Jahre Caritas Internationalis zurückblicken – worauf sind Sie besonders stolz?
Es gibt vieles, worauf wir stolz sein können, aber ich nenne einmal zwei Beispiele. Ich denke, die Caritas weltweit kann stolz sein, dass es gelungen ist, in vielen Gebieten, speziell in Kriegsgebieten, Hilfe zu leisten, wozu sonst wenige Organisationen in der Lage waren und sind. Dies wurde vor allem – denken Sie etwa an Angola, Sierra Leone oder Sri Lanka – durch eine starke unabhängige Caritas möglich. Stolz sein können wir auch darauf, dass wir es in besonders großen und schweren Katastrophen wie dem Tsunami in Asien 2004 geschafft haben, unsere Kräfte zu bündeln und mit hohen Summen koordiniert etwas zu bewegen, um den Opfern dauerhaft neue Perspektiven zu schenken.
Und wo sehen Sie, wenn Sie vorausschauen, noch große Herausforderungen?
Obwohl es eines der größten weltweiten Netzwerke ist, hat Caritas sein Potential noch immer nicht ausgeschöpft. Welch großen Einfluss die Caritas zur Beseitigung von Not überall auf der Erde hat, dass von ihr täglich Millionen von Menschen versorgt und betreut werden, ist in der Öffentlichkeit noch zu wenig bekannt. Ich sehe es als eine Herausforderung, dass wir den Namen Caritas als weltweiten Akteur und sozialen Arm der Katholischen Kirche noch bekannter machen.
Juni 2011

