AFRIKA  

Spende

Tansania: Förderung von Kindern mit Behinderung

Anna Mollel

Anna Mollel

Porträt einer Caritas-Mitarbeiterin im Zentrum Haduma ya Walemavu in Tansania

Anna Mollel wurde 1952 in Olokjj, in der Nähe von Arusha im Norden Tansanias als drittes Kind ihrer Mutter geboren. Der Vater hat zusammen mit seinen neun Frauen 45 Kinder.

Als Anna sechs Jahre alt war, besuchte sie die Bush School und half ihrem Vater nach der Schule bei der Viehzucht. In dieser Zeit hatte Anna ein Schlüsselerlebnis, das ihr weiteres Leben bestimmen sollte:

In der alten Maasai-Kultur wurden behinderte Kinder direkt nach ihrer Geburt getötet. Anna empfand das schon als Kind als Unrecht, als Akt der Grausamkeit und des mangelnden Mitgefühls. In ihrer Nachbarschaft lebte ein körperlich behindertes Mädchen namens Naurei. In den Augen der Schulkinder war Naurei ein Zwerg. Sie konnte nicht richtig laufen und niemand spielte mit ihr. Naurei heißt in der Sprache der Maasai soviel wie: "etwas, das Menschen fürchten". Und die Kinder fürchteten sich vor Naurei. Anna aber meinte, dass Naurei trotz ihrer Behinderung genauso das Recht hat, mit anderen Kindern zu spielen, wie alle anderen. Immer wenn Naureis Mutter das Haus verlassen hatte, kam Anna als einzige zu Naurei, um mit ihr zu spielen.

Heute sind Naurei und Anna Frauen in den Fünfzigern - und: sie sind noch immer befreundet.

Als Jugendliche rebellierte Anna zum ersten Mal gegen ihren Vater: Der hatte beschlossen, sie solle nun heiraten und mit der Schule aufhören. Dank der Unterstützung ihrer Mutter - die dafür von dem Vater geschlagen wurde - konnte sie die Schule fertig machen und eine Ausbildung als Krankenschwester beginnen.

Auch dieses Erlebnis bestärkte Anna in ihrem Mitgefühl für unterdrückte Menschen und ihrem unverbrüchlichen Gerechtigkeitssinn.

1990 begann Anna Mollel in dem neuen Behindertenprojekt Huduma ya Walemavu der Diözese Arusha als Assistentin der Leiterin zu arbeiten. Bald wurde das Projekt mit dem Heim für behinderte Kinder und der Organisierung von Operationen (mehr dazu unter "Das Projekt"  ) auf ihre Initiative hin erweitert. Sie initiierte die professionelle Aufklärungsarbeit zu Behinderungen in der Maasai-Bevölkerung. Ein Team von Mitarbeitern fährt seither von Dorf zu Dorf, schult die lokalen Heiler und Hebammen, spricht mit den Familien der Behinderten, klärt auf und unterrichtet in Methoden der Diagnostik und der Pflege für Behinderte.

Doch neben allem persönlichen Engagement für die Behinderten selbst, hat Anna Mollel auch die politische und öffentliche Dimension des Problems nicht vergessen: Couragiert kämpft sie mit ihrem Team für die Rechte der Behinderten in der tansanischen Gesellschaft.

Von 2000 bis 2008 war Anna Mollel Leiterin des gesamten Projekts Huduma ya Walemavu.

Die Situation behinderter Menschen in der Maasai Kultur

In der patriarchalisch strukturierten Maasai Gesellschaft sind Mobilität und Flexibilität seit alters her außerordentlich wichtig. In dem weiten Land, in dem die Maasai leben, müssen wegen der Viehzucht große Strecken zurückgelegt werden. Stärke und Gesundheit sind somit ein unverzichtbares Gut, um mit den Gegebenheiten zurecht zu kommen.

Die Maasai sind eine polygame Gesellschaft und in einer Familien leben oft mehr als 30 Kindern. Nach alter Tradition haben somit nur die ein Recht zu überleben, die stark genug für die Gemeinschaft sind. Körperlich oder geistig behinderte Kinder wurden früher direkt nach der Geburt oder in frühster Kindheit getötet. Noch heute werden die Mütter behinderter Kinder häufig aus der Gemeinschaft ausgestoßen und bleiben mit ihrem Kind allein.

Bemühungen, Behinderten irgendwelche besondere Behandlung angedeihen zu lassen, erscheinen in der Maasai Gesellschaft als sinnlos - schon gar, wenn die Behandlungen etwas kosten. Noch immer werden behinderte Kinder versteckt und isoliert, denn sie werden als Strafe für eine schlechte Tat oder als schlechtes Omen angesehen.

Dezember 2006

 


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