Tansania: Förderung von Kindern mit Behinderung
Anna Mollel
Porträt der ehemaligen Leiterin im Zentrum Haduma ya Walemavu in Tansania, die jüngst für den „World’s Children’s Prize“ 2012 nominiert wurde.
Anna Mollel wurde 1952 in Olokjj, in der Nähe von Arusha im Norden Tansanias als drittes Kind ihrer Mutter geboren. Der Vater
hat zusammen mit seinen neun Frauen 45 Kinder.
Als Anna sechs Jahre alt war, besuchte sie die Bush School und half ihrem Vater nach der Schule bei der Viehzucht. In dieser
Zeit hatte Anna ein Schlüsselerlebnis, das ihr weiteres Leben bestimmen sollte:
In der alten Maasai-Kultur wurden behinderte Kinder direkt nach ihrer Geburt getötet. Anna empfand das schon als Kind als Unrecht, als
Akt der Grausamkeit und des mangelnden Mitgefühls. In ihrer Nachbarschaft lebte ein körperlich behindertes Mädchen namens
Naurei. In den Augen der Schulkinder war Naurei ein Zwerg. Sie konnte nicht richtig laufen und niemand spielte mit ihr. Naurei
heißt in der Sprache der Maasai soviel wie: "etwas, das Menschen fürchten". Und die Kinder fürchteten sich vor Naurei. Anna
aber meinte, dass Naurei trotz ihrer Behinderung genauso das Recht habe, mit anderen Kindern zu spielen, wie alle anderen.
Immer wenn Naureis Mutter das Haus verlassen hatte, kam Anna als einzige zu Naurei, um mit ihr zu spielen.
Heute sind Naurei und Anna Frauen in den Fünfzigern - und: sie sind noch immer befreundet.
Als Jugendliche rebellierte Anna zum ersten Mal gegen ihren Vater: Der hatte beschlossen, sie solle nun heiraten und mit der
Schule aufhören. Dank der Unterstützung ihrer Mutter - die dafür von dem Vater geschlagen wurde - konnte sie die Schule fertig
machen und eine Ausbildung als Krankenschwester beginnen.
Auch dieses Erlebnis bestärkte Anna in ihrem Mitgefühl für unterdrückte Menschen und ihrem unverbrüchlichen Gerechtigkeitssinn.
1990 begann Anna Mollel in dem neuen Behindertenprojekt Huduma ya Walemavu der Diözese Arusha als Assistentin der Leiterin
zu arbeiten. Bald wurde das Projekt mit dem Heim für behinderte Kinder und der Organisation von Operationen (mehr dazu unter
"Das Projekt" ) auf ihre Initiative hin erweitert. Sie initiierte die professionelle Aufklärungsarbeit zu Behinderungen in der Maasai-Bevölkerung.
Ein Team von Mitarbeitern fährt seither von Dorf zu Dorf, schult die lokalen Heiler und Hebammen, spricht mit den Familien
der Behinderten, klärt auf und unterrichtet in Methoden der Diagnostik und der Pflege für Behinderte.
Doch neben allem persönlichen Engagement für die Behinderten selbst, hat Anna Mollel auch die politische und öffentliche Dimension
des Problems nicht vergessen: Couragiert kämpft sie mit ihrem Team für die Rechte der Behinderten in der tansanischen Gesellschaft.
Von 2000 bis 2008 war Anna Mollel Leiterin des Projekts Huduma ya Walemavu. Sie ist inzwischen pensioniert und hat die Leitung
an ihre Nachfolgerin Mireile Kapilima übergeben. Weiterhin aber engagiert sich Anna Mollel ehrenamtlich für das Behindertenzentrum.
Die engagierte Caritas-Mitarbeiterin Anna Mollel aus Tansania wurde als eine von drei Anwärter(inne)n für den „World’s Children’s
Prize“ 2012 nominiert. Dieser von der schwedischen Stiftung „World’s Children’s Prize Foundation“ verliehene Menschenrechtspreis
gilt als eine Art alternativer Nobelpreis für Menschen, die sich besonders für die Rechte von Kindern einsetzen.
Januar 2012

