Mittelamerika  

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Haiti: Vincent de Paul - Ein Zuhause für die Schwächsten

Der Wiederaufbau des zerstörten Heims für alte sowie behinderte Menschen und der Grundschule macht Fortschritte

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In der schwer vom Erdbeben zerstörten Stadt Léogâne unterstützt Caritas international den Wiederaufbau eines integrativen generationenübergreifenden Zentrums für alte und behinderte Menschen sowie eine Vor- und Grundschule. Das Projekt wird von dem Aktionsbündnis  "Südbaden hilft " getragen.

Binnen weniger Minuten zerstörte das Erdbeben das, was die die haitianische Ordensfrau Soeur Claudette in jahrelanger Arbeit aufgebaut hatte: Ein Heim für Senioren und Seniorinnen, für Menschen mit Behinderung  sowie eine Vor- und Grundschule.

Kurz nach dem Beben - Unterkunft in provisorischen Zelten
auf dem Gelände des Heims St. Vincent de Paul
Foto: Caritas international

Denn Léogâne lag unmittelbar im Epizentrum des Bebens, das Haiti am 12. Januar 2010 mit der Stärke 7,3 erschütterte. Mehr als ein Jahr nach dem Beben glich das Zentrum der 200.000 Einwohner Stadt noch immer einem Trümmerfeld. Fast 90 Prozent der vorhandenen Bausubstanz wurden zerstört. Auch auf dem parkähnlichen Gelände des Asiles blieb kein Stein auf dem anderen. Fast alle der 20 eingeschossigen Gebäude brachen zusammen, zwölf Heimbewohner kamen bei der Katastrophe ums Leben. Glücklicherweise waren die Schulkinder an diesem Nachmittag bereits nach Hause gegangen, denn auch sämtliche Klassenräume stürzten ein.

Caritas international entschied sich aus mehreren Gründen, das integrative generationenübergreifende Projekt zu unterstützen und den Wiederaufbau voranzubringen: Hier lebten die schwächsten und verwundbarsten Menschen, hier konnte ihnen - zunächst provisorisch -  schnell geholfen werden.  Hier waren die Betroffenen dank der Arbeit von Schwester Claudette gut untereinander organisiert. Hier kann mit dem Wiederaufbau des Zentrums den alten, kranken und behinderten Menschen eine lebenswerte Perspektive für die Zukunft inmitten einer zerstörten Stadt und einem weithin von sozialer Unsicherheit geprägten Umfeld geboten werden.

Heute ist von den Trümmern und den riesigen Steinhaufen nichts mehr zu sehen. In den ersten Monaten nach dem Erdbeben wurden zunächst praktikable Übergangslösungen für die 120 Bewohner/innen des Heims und die 400 Schulkinder geschaffen. Als erstes wurde die fehlende Küchenwand eingezogen, so dass – zumindest provisorisch – täglich gekocht werden konnte. Mehrere neue Holzhäuser mit Blechdach ersetzten die Zelte, in denen die Heimbewohner/innen in den ersten Wochen nach dem Beben schliefen.

Das ohnehin unzureichende Schulsystem Haitis wurde durch das Erdbeben extrem geschwächt. Über 4.000 Schulen wurden zerstört. Diese Situation war für Caritas international ein Grund, nach dem Bau der Übergangsunterkünfte dem Bau der Schule Priorität einzuräumen. Inzwischen sind sämtliche Schulbauten innerhalb des Zentrums St. Vincent de Paul vollendet. Südbaden hilft, das Bündnis aus der Stadt Freiburg, der Badischen Zeitung, dem SWR-Studio Freiburg und der Caritas, hat dafür in zwei Jahren 504.603 Euro gesammelt. Mit diesem Geld konnten die Arbeiten für den Kindergarten und Schulkomplex innerhalb des Gesamtprojektes komplett finanziert werden: der Neubau von Schule, Mehrzweckhalle, Cafeteria und der dazu gehörigen Einrichtung. [Badische Zeitung... ]

Neun Erzieherinnen kümmern sich derzeit um die drei- bis fünfjährigen Vorschüler, bei denen es - ähnlich wie bei uns im Kindergarten - vorrangig ums Spielen geht. Ebenso viele Lehrerinnen unterrichten die sechs bis achtjährigen Grundschüler/innen der ersten und zweiten Klasse in Schreiben, Rechnen und Englisch.

Wiederaufbau in drei Phasen

Für den Wiederaufbau des Zentrums wurden drei Bauabschnitte konzipiert. Zum ersten Bauabschnitt gehören vier Gebäude mit zehn Klassenzimmern, einem Lehrerzimmer und einer Bibliothek, dazu ein Speisesaal mit Küche, ein Gebäude mit sanitären Einrichtungen sowie eine Mehrzweckhalle, die auch den Heimbewohnern zur Verfügung steht.

Da die Gebäude sowohl erdbebenfest als auch hurrikansicher werden sollten, wurde bereits im Vorfeld strikt auf die Wahl des Baumaterials und eine gute bauphysikalische Vorbereitung geachtet: Ein Fachmann in Sachen Erdbebensicherheit, Prof. Seim von der Universität Kassel, prüfte alle Konstruktionspläne. Die Heidelberger Ingenieurin Doris Wasmeier untersuchte auf der Baustelle regelmäßig die verwendeten Materialien auf ihre Qualität.

Nachdem die Abschlussfeier mit Zeugnisvergabe 2010 unter freiem Himmel bei heftigen Regenfällen abgesagt werden musste, feierten Eltern und Kinder das Schulabschluss-Fest 2011 in der neuen Mehrzweckhalle.

Kinder singen beim Abschlussfest
Abschlussfest in der Mehrzweckhalle
Foto: Caritas international

Schwester Claudette, die Schulleiterin, hatte liebevoll die Kostüme vorbereitet und schenkte damit den Schülerinnen und Schülern - aus überwiegend sehr armen Familien - einen ganz besonderen Tag. Die Vorschüler/innen im Alter von sechs und sieben Jahren hatten ein umfangreiches Programm vorbereitet. Ein Theaterstück und Tänze füllten das Fest mit großer Freude und Dankbarkeit.  Damit war der Bauabschnitt EINS des Gesamtprojekts zum Schuljahresende abgeschlossen.

In einem Land wie Haiti - in dem schon vor dem Erdbeben nur jedes zweite Kind eine Schule besucht hat und über die Hälfte der Bevölkerung nicht lesen und schreiben können, ist der Schulbesuch etwas Besonderes. Oft kann nur ein Kind aus einer Familie zur Schule gehen. Denn obwohl die Schulgebühren im Zentrum mit 2.000 Gourdes pro Trimester - umgerechnet etwa 25 Euro - geringer sind als an anderen Schulen, können viele Eltern diese Summe nicht aufbringen. Ihnen bietet das Zentrum die Möglichkeit, das Schulgeld durch die Mitarbeit in der Küche oder auf dem Feld zu verdienen.

Eine Chance, die viele Eltern gerne annehmen. Obwohl sie nie selber eine Schule besucht haben, ist das Bildungsbewusstsein in der haitianischen Bevölkerung tief verankert. Viele Eltern wünschen sich sehr, dass ihre Kinder die Möglichkeit haben zu lernen, denn die Hoffnung auf ein besseres Leben hängt oft von der Bildung ab.

Doris Wasmeier, eine Bauingenieurin aus Heidelberg, begleitet für Caritas international als Beraterin den Wiederaufbau. Durch den Neubau der Grundschule hat man auch die Kapazität der Schule vergrößert, so dass die Kinder hier ab dem nächsten Schuljahr bis zur vierten Klasse in die Schule gehen können.

Der zweite Akt

Im Bauabschnitt ZWEI werden derzeit die Schlafsäle für die alten und behinderten Bewohner/innen des Zentrums errichtet, eine Küche, eine Wäscherei, sowie Stallungen. Bevor dann im Bauabschnitt DREI die Gebäude für die Ordensschwestern in Angriff genommen werden, sollen auch noch die Außenanlagen für die Bewohner und Kinder gestaltet werden.  

Insgesamt sollen auf dem Gelände des Asiles 30 neue Gebäude errichtet werden. Doris Wasmeier ist klar, dass auch sie mit den Schwierigkeiten zu kämpfen haben wird, die den Wiederaufbau in Haiti insgesamt behindern: Zu wenig ausgebildete Baufachleute, eine korrupte und nicht funktionierende staatliche Infrastruktur. Dazu kommen die extremen Wetterbedingungen: Überflutungen während der Regenzeit und Hurrikans im Winter. Trotzdem ist die katastrophenerprobte Ingenieurin zuversichtlich, dass der Spagat zwischen erdbebensicher und hurrikanfest gelingen wird.

Die Bewohnerinnen des Heims St. vincent de Paul
Foto: Caritas international

In einer Gesellschaft, der es am Allernötigsten fehlt, ist ein Heim dieser Art einzigartig. Viele arme Familien sind nicht in der Lage, ihre alten oder behinderten Angehörigen zu versorgen. Diese Situation hat sich durch das Erdbeben, bei dem viele Menschen Arme und Beine verloren haben, noch verschärft.

Mit dem Ausbau und der Vergrößerung des Zentrums kommt das Projekt dem gestiegenen Hilfsbedarf dieser Menschen entgegen. Ein Schwerpunkt der Partnerschaft zwischen dem Asile Vincent de Paul und "Südbaden hilft" liegt in der fachlichen und methodischen Begleitung des Alten- und Behindertenzentrums mit dem Ziel einer integrativen Alten- und Behindertenpflege.

November 2011

 

Delegation besucht das Heim in Haiti

Mitte Juli 2011 ist eine Delegation von „Südbaden hilft“ nach Haiti aufgebrochen, um sich vor Ort ein Bild von den Fortschritten der Caritas-Projekte zu machen. Zu der Delegation gehörten Dr. Dieter Salomon (Oberbürgermeister Stadt Freiburg), Thomas Fricker (stellvertretender Chefredakteur Badische Zeitung), Harald Kiefer (stellvertretender Redaktionsleiter SWR-Fernsehen Freiburg) sowie Prälat Dr. Peter Neher (Präsident des Deutschen Caritasverbandes) und Dr. Oliver Müller (Leiter Caritas international). Bislang sind in der Region Südbaden von Schulen, Vereinen, Firmen und vielen Einzelpersonen 480.000 Euro gesammelt worden.

Interview mit Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon in der Badischen Zeitung vom 23.7.2011 [mehr...]

Eine Ordensschwester kämpft gegen die Erdbebenfolgen: Reportage über den Besuch des Südbaden hilft - Projekts im Asile Vincent de Paul in Léogâne in der Badischen Zeitung vom 23.7.2011 mehr...]

Hundert Baufachleute eines haitianischen Bauunternehmens sind jeden Tag auf der Großbaustelle im Asile Vincent de Paul in Léogâne im Einsatz.