Irak: Well Baby-Programm
Ein wenig Hoffnung für die Schwächsten in einem geschlagenen Land
von Gabriela Keller
Das Well-Baby-Programm von Caritas international versorgt unterernährte Kinder im Irak mit Lebensmitteln und ärztlicher Betreuung. Ihre Mütter werden gleichzeitig in den Themen Ernährung und Gesundheit geschult. Die Familien sind dringend auf die Unterstützung angewiesen: Jedes zehnte Kind im Irak stirbt, bevor es fünf Jahre alt wird.
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| Zaher Zamal und Zahra vor ihrem "Haus". Die Familie wurde aus ihrer Heimat in der Provinz Diyala vertrieben und lebt seither am Bagdader Stadtrand in einem Verschlag aus Holzbrettern und Panzerschrott |
| Foto: Caritas international |
Eine schmale, blasse Frau eilt durch die Straßen von Zafaraniya, einem ärmlichen Vorort am südlichen Stadtrand von Bagdad. Dicht hinter ihr läuft ein dürres Mädchen mit braunen Locken und versucht mühsam, mit ihrer Mutter Schritt zu halten. "Wir sind nicht gerne draußen unterwegs. Diese Gegend ist nicht sicher", sagt Zaher Zamal. Die 38-Jährige zieht ihren Tschador enger um sich, als sie die Tür eines niedrigen Wohnblocks öffnet. Ihre Tochter Zahra folgt ihr hinein, die Sohlen ihrer rosa Plastikschlappen klatschen leise auf dem Fliesenfußboden.
Kein Schild weist darauf hin, dass im Erdgeschoss eines der zehn Sozialzentren liegt, die Caritas international im Irak unterhält. Immer wieder erhalten Mitarbeiter der Hilfsorganisation Todesdrohungen - Aufmerksamkeit zu erregen, kann sie in Lebensgefahr bringen. In den Zentren wird unter anderem das Programm "Well Baby" angeboten, das sich an unterernährte Kinder unter acht Jahren sowie schwangere und stillende Frauen richtet. Zaher Zamal und ihre Tochter mischen sich in die Menschenmenge im Wartezimmer. Das Gesicht der Sechsjährigen ist von einem Ernst geprägt, für den sie viel zu jung ist. "Sie spricht kaum, leidet an Kopfschmerzen und weigert sich oft zu essen", schildert ihre Mutter. "Manchmal hatten wir tagelang nichts außer ein bisschen Reis. In dieser Zeit hat sie ihre Lebhaftigkeit verloren."
Die Sicherheitslage im Irak hat sich in den vergangenen zwei Jahren zwar deutlich verbessert. Daran, dass der Lebensstandard der Bevölkerung weiter sinkt, während die öffentliche Versorgung zusehends zerfällt, hat sich jedoch kaum etwas geändert. Mittlerweile sind 20 Prozent aller Kinder unterernährt. Jedes zehnte Kind stirbt, ehe es fünf Jahre alt wird.
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| Iman Shamaoun, die Programm-Managerin |
| Foto: Caritas international |
Als Teil der Hilfsleistungen aus dem Well-Baby-Programm erhalten die Kinder einmal im Monat einen Lebensmittelkorb. "Der Inhalt ist von einem Team aus Medizinern und Ernährungswissenschaftlern so abgestimmt worden, dass er einen hohen Gehalt von Proteinen, Kalorien und Vitaminen hat", erklärt Iman Shamaoun, die Programm-Managerin. "Wir gehen das Problem auf ganz unterschiedlichen Ebenen an: Wir sichern den Zugang der Kinder zu hochwertiger Nahrung, sorgen für eine umfassende medizinische Betreuung und verbessern gleichzeitig das Bewusstsein der Mütter für die Themen Ernährung und Gesundheit." So lernen die Frauen, welche Nährstoffe und Vitamine ihre Kinder brauchen, welche Impfungen nötig sind und wie sie bestimmten Krankheiten vorbeugen können. In Kochkursen bekommen sie gezeigt, wie man mit günstigen Zutaten nahrhafte Gerichte zubereitet.
Das Programm läuft über drei Monate. Kinder, die danach immer noch unterernährt sind, werden drei weitere Monate gepäppelt. "Unsere Mittel sind begrenzt. Oft geht die Zahl der Antragsteller über unsere Kapazitäten hinaus", sagt die 32-Jährige, "in diesen Fällen versuchen wir, Kontakt zu den Familien zu halten und sie zu einem späteren Zeitpunkt aufzunehmen."
Auch die Sicherheitslage setzt der Arbeit von Caritas international nach wie vor Grenzen. Die Terroranschläge sind zurückgegangen, ganz aufgehört haben sie nicht. Viele Bedürftige erreichen die Sozialzentren nicht, weil der Weg dorthin zu gefährlich ist. Normalerweise liegt die Zahl der Hilfsempfänger monatlich bei 6000. Nachdem bei einem Doppelanschlag im Zentrum von Bagdad Hunderte von Menschen starben, sank die Zahl im Oktober auf rund 5400.
Zaher Zamal lässt sich auf einen Plastikstuhl sinken und zieht ihre Tochter auf ihren Schoß. Die schiitische Familie stammt aus Diyala, einer Provinz nordöstlich von Bagdad. "Wir haben in einer sunnitischen Gegend gewohnt. Im Juni 2006 kamen Terroristen von Al Qaida und haben unser Haus in die Luft gesprengt", erzählt sie mit heiserer Stimme. Die Familie floh und ließ sich am Rande der Hauptstadt Bagdad nieder. Die vier leben von fünf US-Dollar, die Zaher Zamals Mann als Lastenträger am Tag verdient, wenn er Arbeit findet. Oft findet er keine.
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| Shadha Jabar mit Hassan |
| Foto: Caritas international |
Ringsum drängen sich Dutzende Mütter mit erschöpften Gesichtern. Shadha Jabar, zierlich, mit sorgfältig geschminkten Augen und eng anliegendem Schleier, sitzt in einer hinteren Ecke des Wartezimmers. Der kleine Junge auf ihrem Schoß hält Arme, Beine und Hals in unnatürlichen Winkeln verrenkt. "Er sitzt gerne neben dem Fernseher und hört sich Sendungen an", erzählt seine Mutter, mehr kann der Fünfjährige nicht tun. Er ist blind, kann er weder laufen noch Gegenstände greifen. Er war schon bei seiner Geburt unterernährt, sein Immunsystem geschwächt. 40 Tage später bekam er eine Grippe. Die Infektion löste eine Gehirnentzündung aus und ließ das Kind behindert zurück. Shadha Jabars Mann ist Polizist, doch von seinem schmalen Gehalt kann sie die Medikamente nicht bezahlen, es reicht ja nicht einmal für ausreichend Lebensmittel. Ohnehin konnten die Ärzte in den unzureichend ausgestatteten staatlichen Krankenhäusern Hassan keine Behandlung bieten. "Ich würde den Irak am liebsten verlassen", sagt Shadha Jabar, "wir haben in diesem Land keine Lebensgrundlage mehr."
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| Shirin Hanna, die Ärztin im Caritas-Zentrum |
| Foto: Caritas international |
Im Nebenzimmer untersucht Shirin Hanna die Kinder. Die Ärztin sitzt hinter ihrem Schreibtisch und hält ihr Stethoskop auf die Brust eines Jungen, der an Atembeschwerden leidet. "Viele Kinder, die hierher kommen, sind in einem sehr schlechten Zustand. Ihr Wachstum ist wegen chronischer Unterernährung gehemmt, Gehirn und Nervensystem haben sich nicht richtig entwickelt", erklärt die Medizinerin, während sie der Mutter ein Rezept reicht. Dann rücken Zaher Zamal und ihre Tochter Zahra auf, die Ärztin überprüft Atmung, Herzschlag und Reflexe. Der Gesundheitszustand des Mädchens ist stabil, doch ist es immer noch viel zu dünn. Zahra drückt ihr einziges Spielzeug an sich – eine Plastikpuppe, der Arme, Kleidung und ein Auge fehlen.
Suhad Yussef, die Sozialarbeiterin im Caritas-Zentrum, hat sie dem Mädchen geschenkt. Die 37-Jährige nimmt Neuankömmlinge in Empfang, bedrängt von Frauen, die sich rings um ihren Schreibtisch schieben. Suhad trifft sich mit jeder Mutter zu Einzelgesprächen, sie berät die Frauen bei ihren familiären Problemen und verschafft sich bei Hausbesuchen ein Bild von den Lebensumständen. Die Zielsetzung des Well-Baby-Programms geht weit über die bloße Bereitstellung von Lebensmitteln für unterernährte Kinder heraus: Zusätzlich stellt das Caritas-Zentrum einen sozialen Raum bereit, wo sich Frauen mit unterschiedlichem ethnischen und konfessionellen Hintergrund zu Gesprächen und Erfahrungsaustausch treffen. Außerdem werden ihnen Workshops geboten, in denen sie Nähen oder Haareschneiden lernen, um ihnen Selbstbewusstsein und die Fähigkeiten für eine spätere Erwerbstätigkeit zu vermitteln. "Wir verfolgen einen sehr ehrgeizigen Ansatz: Wir wollen einen Beitrag zum Aufbau einer friedlichen Zivilgesellschaft leisten. In unseren Zentren kommen Araber und Kurden, Sunniten, Schiiten und Christen zusammen", sagt Iman Shamaoun, die Programm-Managerin. "Und das ist anderswo im Irak nicht so einfach möglich."
November 2009

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