Das heilige Land: Ein Land, zwei Nationen, drei Religionen
Essay von Conor O'Loughlin, Trocaire, Caritas Irland
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| Conor O?Loughlin |
| Foto: Trocaire, Caritas Irland |
Die Klagemauer - der heiligste Platz in Jerusalem - und, infolge einer seltsamen theologischen Entwicklung, die Mauer, die
die Al Aksa Moschee stützt, das drittgrößte Heiligtum des Islam.
Als ich den Sandsteinabhang hinunter schlendere, wird mir eine Papier-Kippa ausgehändigt. Ich warte nicht allzu lang, da ich mich
ein wenig voyeuristisch fühle. Auf der linken Seite gibt es einen Raum, der in den Felsen geschlagen ist. Mit einem mulmigen
Gefühl gehe ich hinein. Darinnen befinden sich Hunderte Männer, meist in konservative schwarze Gewänder gehüllt, mit Kippa
oder anderen traditionellen Kopfbedeckungen bekleidet. Viele beten an der Wand. Manche kritzeln etwas auf Hebräisch auf Papierschnipsel,
die sie eng zusammenrollen und in eine verfügbare Mauerritze stecken. Kleine Räume sind auf einer Seite der Kammer ausgehöhlt,
mit schwarzen Bücherregalen bestückt, voll von hebräischen Texten. Hier beten die Männer voller Leidenschaft vor schmalen
Pulten. Viele hören aufmerksam zu. Viele lesen in ihrer Thora und beten still; nur ihre Lippen verraten die innere Bewegung.
Ein alter Rabbi schläft in der Ecke.
Indem ich die fieberhafte Atmosphäre an diesem Ort beobachte, erinnere ich mich, (leider neige ich zur Vergesslichkeit) dass
auch das jüdische Volk einen alten und stolzen Anspruch auf dieses Land hat. Jedoch: Am heiligsten Ort des ganzen Judaismus
herrscht eine niederdrückende militärische Präsenz. Selbst hier.
Die AK-47s locker über ihre Schultern gehängt mischen sich Soldaten ungezwungen unter die Gläubigen. Ein nahegelegener T-Shirt-Laden
verhökert Hemden mit Slogans wie: "GUNS & MOSES", in groben Großbuchstaben aufgedruckt, und, unter einem Bild eines Kämpfers:
"Keine Sorge, Amerika. Israel steht hinter dir!"
Keine Frage: im muslimischen Teil dieses alten Viertels wird wohl die pro-palestinensische Propaganda kaum weniger ungezwungen
sein. Der Gegensatz von Krieg und Religion, so locker und schnoddrig vorgetragen, hindert einen, gelinde gesagt daran, das
gut zu finden.
Ich verlasse die Klagemauer und vergesse eine Weile, die Papier-Kippa abzunehmen. Als ich sie bereits in meiner Hand halte,
spüre ich sie noch wie ein Phantom auf meinem Kopf. Ich hätte sie gerne als ein Souvenir behalten, sie war aber schon durch
den Regen aufgeweicht.
Die Jerusalemer Altstadt ist in vier Quartiere aufgeteilt: Das jüdische, das muslimische, armenische und christliche Viertel.
Ibrahim, ein alter Juwelier im christlichen Viertel erzählt mir in seinem Geschäft, dass seit dem Beginn der Kämpfe an Weihnachten
der Tourismus in Jerusalem so gut wie ausgestorben ist.
"Nur noch Journalisten und Arbeiter kommen in mein Geschäft", sagt er, "und alle sagen, sie hätten kein Geld!" Ich erinnere
mich an eine Geschichte, die ich vorgestern in Bethlehem gehört hatte. Der Patriarch von Jerusalem sagte zu einer Gruppe von
Leuten, wie unendlich schwer die christliche Bevölkerung es findet, sich selbst behaupten zu müssen. 1948, während des "Unabhängigkeitskrieges",
wie ihn die Israelis nennen - die Palästinenser sagen 'Nakba' dazu - nahmen die Muslime gerade mal neun Prozent der Gesamtbevölkerung
der Stadt ein und fast alle anderen waren Christen.
Heute jedoch gibt es nur noch zwei Prozent Christen in ganz Palästina. Junge Christen erliegen schnell der Versuchung, gleich
nach Beendigung ihrer Ausbildung das Land zu verlassen. Viele haben Familien im Ausland, die diese Entscheidung begünstigen.
Aber, ebenso wie die Al-Aksa-Moschee von den Mohammedanern beansprucht wird, und wie die Juden ihren Anspruch auf die Klagemauer
aufrecht erhalten, gibt es, nur wenige Kilometer entfernt davon die Orte, an denen Christus geboren und gestorben ist. Ich
bin erstaunt darüber, dass Christen hier so gut wie unsichtbar sind und auch peinlich berührt davon, dass sie nur noch in
Schwärmen amerikanischer Touristen zu finden sind, in Jerusalem rund um die Grabeskirche oder in Andenkenläden im Suk. In
den unzähligen Zeilen politischer Analyse, die die Zeitungen in der ganzen Welt verbreiten, hört man so gut wie nichts von
den Christen.
Das ist zu leicht zu vergessen in der Geschichte von Israel und Palästina. Denn es ist ein Land, es sind zwei Nationen und
es sind drei Religionen.
Januar 2009

