Uganda: Rückkehr in den Frieden
Das Projekt
Nach einem langen Bürgerkrieg sind nicht nur Tote zu beklagen. Der Neuanfang in Norduganda ist im zwischenmenschlichen Miteinander eine große Herausforderung. Aber auch ganz existentielle Dinge wie das Wissen über den Landbau gehen verloren.
Nach dem jahrzehntelangen Krieg zwischen Milizen und Regierung sind die sozialen Strukturen in Norduganda zerstört. Angst und Misstrauen innerhalb der Familien und zwischen den Klans sind weit verbreitet, da Täter und Opfer nebeneinander wohnen und häufig nicht voneinander zu unterscheiden sind. Während des Bürgerkrieges war fast die gesamte Bevölkerung gezwungen, in Flüchtlingscamps zu leben. Erst Mitte 2010 sind viele Camps geschlossen worden, rund 90 Prozent der Bevölkerung lebt nun wieder in Dörfern. Doch nach 20 Jahren Bürgerkrieg muss die soziale Struktur sich hier erst wieder entwickeln.
In den Camps waren die Menschen weitgehend zu Untätigkeit verdammt. Angst, Abhängigkeit und Hilflosigkeit prägten ihren Alltag. Dabei ging das traditionelle Wissen der Gesellschaft verloren: das Wissen um die landwirtschaftliche Arbeit, um Landbesitzverhältnisse, um Mechanismen der Konfliktbewältigung und um die sozialen Strukturen der Gesellschaft.
Die Mitarbeiter der Caritas Uganda erkannten, dass die aus den Camps zurückgekerhten Menschen Unterstützung im Aufbau einer funktionierenden Zivilgesellschaft brauchen. Nur ihre aktive Teilnahme an der Gemeindeentwicklung wird die sozialen Strukturen wieder festigen können.
Die Caritas nahm ihre Arbeit mit dem Ziel auf, in den Regionen Kitgum, Pader und Gulu eine starke, friedliche Gesellschaft zu schaffen, die ihre Probleme selbst bewältigt und sich um ihre schwächeren Mitglieder kümmert: um traumatisierte Menschen wie ehemalige Kindersoldaten, um Kranke, um Waisen, um Alte und um Menschen, die bei Überfällen der Rebellen verstümmelt worden sind.
Dorfkonferenzen helfen
Daher richteten die insgesamt 15 Sozialarbeiter der Caritas Uganda gemeinsam mit speziell ausgebildeten ehrenamtlichen Dorfhelfern in den Dörfern oder Gemeinden Dialogforen ein - über 160 Treffen werden in einem halben Jahr abgehalten. Unter Beteiligung möglichst vieler Gemeindemitglieder (bis zu 100 Dorfbewohner) werden auf den Dialogforen Probleme im Dorf identifiziert, diskutiert und gelöst. Es geht zum Beispiel um Alkoholismus, Landverteilung, häusliche und sexuelle Gewalt oder Probleme im Umgang mit den Kindern.
Die Alten übernehmen bei den Aussprachen wieder ihre Richterfunktion, die sie in den Flüchtlingslagern verloren hatten. Dies erwies sich als unverzichtbar für den Prozess der Versöhnung und für den sozialen Frieden.
In besonders problematischen Fällen können sich die Betroffenen bei der Caritas individuell beraten lassen. Die Caritas Norduganda hat insgesamt 85 Gemeindehelfer ausgebildet, die sie bei der Arbeit unterstützen. Sie sind die ersten Ansprechpartner innerhalb ihrer Dörfer.
Die Caritas-Mitarbeiter lenken bei diesen Treffen immer wieder den Blick auf die Lebenssituation der alten, kranken, behinderten, AIDS-infizierten Menschen oder alleinstehenden Kindern, die wieder in die Dorfgemeinschaft aufgenommen werden sollten.
Für 140 hilfsbedürftige Familien oder Einzelpersonen werden ehrenamtliche Unterstützergruppen gebildet, die mit den von der Caritas gestellten Baumaterialien einfache Unterkünfte errichten.
Über die Dorfkonferenzen initiiert die Caritas Norduganda auch kulturelle Aktivitäten wie Tanz, Musik, Sport oder Theater und soziales Engagement. Durch den Kontakt miteinander stellen sich die Bewohner den Spannungen. Das gemeinsame Handeln stärkt den Zusammenhalt und fördert die Aussöhnung. Es gibt zum Beispiel Spargruppen, die sich darum kümmern, dass ihre Mitglieder einen notwendigen Arztbesuch bezahlen können oder dass die Dorfgemeinschaft sich zusammen etwa einen Getreidesilo oder ein Moped anschafft. Die Mitarbeiter/innen der Caritas Norduganda sehen in diesen Gruppen eine große Chance, Konflikte zwischen Familien und Klans in den Dörfern und Camps aufzulösen.
Versöhnungszeremonien schaffen Frieden
Wie wichtig die Versöhnung ist, erleben die Caritas-Mitarbeiter Tag für Tag. Wo Opfer und Täter miteinander leben müssen und in den meisten Fällen - wie bei den Kindersoldaten - die Täter gleichzeitig auch Opfer sind, ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit besonders schwierig. Die meisten ehemaligen Kindersoldaten sind inzwischen Jugendliche oder Erwachsene. Sie haben keine Ausbildung und keine Lebensperspektive. Viele verzweifeln: Gewalt, Alkohol und Drogen bestimmen ihren Alltag.
Die grausame Kriegsvergangenheit zu verdrängen ist keine Lösung, denn die Verletzungen bleiben und Konflikte schwelen im Verborgenen weiter.
So errichten Dorfbewohner Mahnmale an Orten, an denen Massaker stattfanden, und Gedenktreffen helfen das Erlebte zu verarbeiten. Dazu gehören auch Zeremonien zur Wiedereingliederung von ehemaligen Entführten und heimkehrenden Miliz-Kämpfern. Die traditionelle Gesellschaft in Norduganda hat eigene Reinigungs- und Versöhnungszeremonien zur Beilegung von Konflikten. Sie stärken den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft und wirken der Ausgrenzung einzelner Gruppen entgegen.
Ausbildung und Sicherung des Lebensunterhalts
Die Gemeindehelfer und Sozialarbeiter der Caritas unterstützen die Menschen dabei, wieder eine funktionierende Gemeinschaft zu organisieren und sich den Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften. In den Dörfern und Camps initiieren die Gemeindehelfer den Zusammenschluss von Gruppen, die an Ausbildungskursen teilnehmen. Damit die Verteilung der Ausbildungschancen möglichst gerecht ist, achten die Caritas-Mitarbeiter/innen darauf, dass die Gruppen dabei so heterogen wie möglich sind und die gesamte Breite der Gemeinschaft umfassen: Frauen, Männer, ehemalige Kindersoldaten, Kriegsversehrte, Verwitwete und Waisen.
Die meisten dieser Gruppen lernen, wieder Landwirtschaft zu betreiben. Caritas organisiert innerhalb der Gruppen kleinere Kollektive, die lernen, gemeinsam Kartoffeln oder Erdnüsse zu pflanzen, Bienen zu züchten oder Ziegen und Rinder zu halten. Außerdem hat Caritas Märkte organisiert, auf denen besonders Bedürftige mit Gutscheinen Saatgut, landwirtschaftliche Geräte und Kleinvieh erstehen konnten.
Zusätzlich bietet die Caritas Norduganda Ausbildungskurse in anderen Berufen an: So können beispielsweise in Kitgum Jugendliche das Tischlerhandwerk lernen, eine andere Gruppe Jugendlicher hat mit Hilfe der Caritas ein kleines Restaurant eröffnet. Das nötige Startkapital kam als Kleinkredit von der Diözese.
Februar 2011
Die Caritas in Gulu (Norduganda) betreibt eine Website und stellt dort ihre Arbeit vor [mehr ...]

