Macht und Ohnmacht der Hilfe
Statement von Dr. Martin Salm zum Podiumsgespräch
"Humanitäre Hilfe - zwischen technischem Pragmatismus und politischem Handeln"
Vortrag auf der Konferenz von medico international in Frankfurt a.Main am 28.-29. März 2003
Die Ausgangsthesen der Veranstaltung sind: Hilfe legitimiert Kriege und verlängert Unterdrückung. Sie schadet, und sie ist
zudem Business und Selbstzweck für die Hilfsorganisationen. Worauf es mir heute ankommt, möchte ich an zwei konkreten Beispielen
aus der jüngeren Vergangenheit verdeutlichen.
Zunächst das Erdbeben in Nordwest-Indien in Januar 2001, eine, wie es zunächst scheint, unpolitische Naturkatastrophe. Die
massiven Zerstörungen, Zehntausende Tote und der Schock, der die Berichterstattung in unseren Medien in der hiesigen Bevölkerung
auslöste, provozierten eine große Welle des Mitgefühls. Dieses Mitgefühl sollte in keiner Weise gering geschätzt werden, ist
es doch eine wichtige Ressource unseres gesellschaftlichen Zusammenhaltes und auch der internationalen Solidarität.
Aber wer kannte wirklich die Verhältnisse vor Ort? Die Rolle der Hindu- Fundamentalisten, die im Bundesstaat Gujarat besonders
stark sind? Wer weiß hier, dass dort praktisch die Inspirationsgeber Hitlers mit seinem Arier-Rassenwahn und die Mörder Ghandis
an der Macht sind? Wer weiß zudem von der alle gesellschaftlichen Verhältnisse durchdringenden Kasten-Ordnung, die durch Gewalt
und ständige Marginalisierung gerade der Kastenlosen und der ethnischen Minderheiten geprägt ist? Die Spender, deren Mitgefühl
hier angesprochen wurde, müssen dies nicht wissen, die Medien könnten es wissen, aber die Helfer müssen es wissen. Die Hilfsorganisationen,
die erhebliche Ressourcen in die von Erdbeben erschütterte Regionalgesellschaft investierten, müssen die lokalen, sozialen,
politischen Machtverhältnisse kennen und berücksichtigen, wollen sie dem Anspruch gerecht werden, den von der Naturkatastrophe
noch zusätzlich gebeutelten Ärmsten der Armen wirklich aus dem Dreck zu helfen.
Die Realität der Hilfe in Indien sah in vielen Fällen anders aus. Hier ging es wie nach so vielen Großkatastrophen den meisten
Organisationen darum, schnell, anscheinend "effizient" und medienwirksam zu helfen. Das Ergebnis war, dass ein Gutteil der
Hilfe, denjenigen, die in der Gesellschaft ohnehin marginalisiert sind, nicht zugute kam und, dass viele Hilfsressourcen von
den lokalen Machtstrukturen zu ihrer weiteren Festigung genutzt wurden. Die Kastenlosen und die ethnischen Minderheiten gingen
in vielen Fällen leer aus.
Dies führt mich zu meiner ersten These: Eine gesellschaftspolitische Vision, solide Partnerschaften vor Ort und ein langer
Atem sind notwendige Voraussetzungen für jede sinnvolle Hilfe. Und sinnvoll kann nur bedeuten, dass Hilfe den ohnehin Marginalisierten
mehr zugute kommt als den Bessergestellten, und dass sie ihre Selbsthilfe und Selbstorganisation der Marginalisierten stärkt
und auch ihre politische Stellung in der Regionalgesellschaft verbessert.
Dies bringt mich zu meinem zweiten, sehr aktuellen Beispiel, dem Krieg im Irak. Es herrscht breite Empörung über den Krieg,
aber vorher war auch kein Friede. Denken wir nur an die vorangegangenen Kriege, die interne politische Lage im Irak und die
katastrophalen Folgen des zwölfjährigen UN-Embargos. Auch hier gilt: Dies muss nicht jeder im Bewusstsein haben, wohl aber
die Profis der internationalen Zusammenarbeit. Auffällig ist, dass nur sehr wenige darüber gesprochen haben, zu den wenigen
gehörten sehr prominent die Kirchen, die lange Jahre vergeblich für eine Aufhebung der UN-Sanktionen geworben haben.
Warum gerade die Kirchen? Dies liegt wohl nicht zuletzt daran, dass sie eine lokale Basis in der irakischen Gesellschaft haben.
Seit Jahren wurden hier als Antwort auf die katastrophale Lage der Bevölkerung Strukturen aufgebaut (gewachsen aus den lokalen
Gemeinden), die sich auf den angekündigten Krieg vorbereitet haben und die auch jetzt während der Bombardements helfen. Und
kein Kritiker der Humanitären Hilfe soll behaupten, dies sei jetzt unnötig für die Betroffenen oder es hätte irgendeine militärische
Relevanz!
Am Montag, den 31. 03. gibt die deutsche Entwicklungshilfeministerin eine Pressekonferenz zur "Humanitären Lage" im Irak.
Warum sie? Warum jetzt? Gerade die Entwicklungshilfe hätte sich zu Irak früher melden müssen!
Meine zweite These ist: Die humanitäre Hilfe wird - wenn die Katastrophe zur Medienkatastrophe wird - immer von der Politik gebraucht und missbraucht.
Das ist zu einem Phänomen unserer Mediendemokratie geworden und bei den Helfern scheidet sich die Spreu von Weizen dort, wo
sie sich von der Politik und für politische Ziele instrumentalisieren lassen.
Während der Bombardements telefonieren wir täglich mit unseren Partnern in Bagdad, Basra, Mosul und Kirkuk. Wir wissen: jedes
Telefonat wird abgehört, jede Aussage über die Lage vor Ort kann gefährlich sein für unsere Partner. Obwohl so viele TV-Teams
in Bagdad sind, werden wir keine Kontakte vermitteln, um die Helfer und die Hilfe für die Zivilbevölkerung nicht zu gefährden,
auch wenn die Medienschlacht um die humanitäre Hilfe im Irak längst begonnen hat. Und deswegen lautet meine dritte These:
Obwohl Hilfe über lokale Partnerstrukturen wirksamer ist als interventionistische Hilfe, wird sie von den Medien weniger dargestellt.
Hiesige Hilfsorganisationen, die über lokale Partner arbeiten wollen, müssen bereit sein, diesen komparativen Nachteil in
der Werbung zu akzeptieren, wollen sie seriös sein.
Zum Schluss: Alle Ausgangsthesen der Veranstaltung sind richtig, aber es gibt Unterscheidungen. Und für die Unterschiede zwischen
den Hilfsansätzen lohnt sich in die Konkurrenz zu gehen, in die Konkurrenz und die Konzepte von Hilfe.
Dr. Martin Salm

