Politische Statements  

Jahrespressekonferenz 2011

Redebeitrag von Dr. Oliver Müller, Leiter von Caritas international, anläßlich der Pressekonferenz "Jahresberichts 2010" am 29. Juni 2011

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

es waren außergewöhnliche, auch außergewöhnlich bewegende Bilder, mit denen wir vergangenes Jahr konfrontiert worden sind: Die verheerenden Waldbrände in Russland, die biblischen Überschwemmungen in Pakistan und die grauenhafte Zerstörung des Bebens in Haiti sind uns allen noch gut vor Augen. Selten zuvor gab es so viel Aufmerksamkeit für Katastrophen wie 2010.

Als Katastrophenhilfswerk sollten wir uns aber nicht mit einem oberflächlichen Blick begnügen. Denn jenseits der Fernsehscheinwerfer offenbart ein zweiter Blick auf das Katastrophenjahr 2010 manche Überraschung. So fallen uns bei der Frage nach der größten Naturkatastrophe vermutlich die Flut in Pakistan und das Erdbeben in Haiti ein, die sich tief in unser Gedächtnis eingegraben haben. Tatsächlich jedoch war es die Flut in China vom August 2010. Eine Katastrophe, von der vermutlich kaum jemand von uns Notiz genommen hat. 130 Millionen Menschen waren betroffen. Trotz dieser gigantischen Zahl war die Not der Menschen allenfalls eine Randnotiz. Ein anderes Beispiel: Die Hungerkrise im Niger. Es waren doppelt so viele Menschen von der Dürre betroffen wie vom Erdbeben in Haiti. Zu einer Schlagzeile hat die Krise es dennoch nur bei der KNA gebracht. Dabei gehören beide Katastrophen – gemessen an der Zahl der Betroffenen - zu den vier schwersten humanitären Krisen des vergangenen Jahres.

Es sind stille, schleichende und damit vergessene Katastrophen. Früher zählten wir Hungerkrisen in entlegenen Landstrichen von Somalia zu den vergessenen Katastrophen. Heute ist auch die größte Naturkatastrophe des Jahres schon eine vergessene Katastrophe. Vergessen übrigens nicht nur für die Medien, sondern manchmal auch für die internationalen Geldgeber. Das zeigt ein Blick auf die Zahlen: Danach konzentrierten sich laut UN im vergangenen Jahr 96,56% aller weltweit für die 54 größten Katastrophen zur Verfügung gestellten öffentlichen und privaten Gelder auf Haiti und Pakistan. Was eben auch bedeutet, dass nur 3,54% der Mittel für die 52 anderen Katastrophen zur Verfügung standen.

Die Zahlen zeigen: Es gibt kaum noch ein Mittelmaß zwischen den Extremen. Und es ist paradox: Es gibt vielleicht so viel Berichterstattung über Katastrophen wie nie zuvor, aber trotzdem geraten 98% der Katastrophen in Vergessenheit, weil sie für nicht spektakulär genug gehalten werden. Die Folgen dieser Entwicklung sind messbar: Für jedes Opfer der Flut in China standen 0,001 Dollar zu Verfügung, für jedes Erdbebenopfer in Haiti 948 US-Dollar. Dieses Ungleichgewicht kann uns nicht egal sein. Hilfe darf nicht mit Spektakel verwechselt werden. Hilfe muss sich an der Not der Menschen orientieren – einzig und allein. Wir dürfen über der Beschäftigung mit dem spektakulären Erdbeben und der aufsehenerregenden Überschwemmung nicht vergessen, dass es alltägliche, strukturelle Not gibt, die mit entsprechendem Einsatz vermeidbar wäre. Wir müssen das eine tun, nämlich die akute Not der Katastrophenopfer lindern, ohne das andere zu lassen, nämlich strukturelle Krisen wie die Hungernot im Niger zu bekämpfen.

Aus meiner Sicht lassen sich aus dem zuvor Gesagten zwei Dinge lernen: Wir als Hilfswerk müssen dringend Wege finden, um auch die vergessenen Katastrophen noch stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Und die öffentlichen Geldgeber sollten zweitens ihre Hilfsgelder noch stärker antizyklisch einsetzen, also dort bereitstellen, wo Medien und Weltöffentlichkeit nicht hinschauen. Das tut beispielsweise die EU, die zumindest 17 Prozent ihrer humanitären Hilfe für 12 vergessene Katastrophen einsetzt.

Eine ähnliche Verantwortung trifft die öffentlichen Geldgeber bei der Katastrophenvorsorge, für die ebenfalls – wie für die vergessenen Katastrophen – nur schwer private Spenden zu mobilisieren sind. Vermutlich ist niemals zuvor so eindrücklich die Bedeutung der Katastrophenvorsorge vor Augen geführt worden wie 2010 in Haiti: 700 Menschen sind dort vergangenes Jahr bei Hurrikanen ums Leben gekommen. Viele dieser Menschen könnten noch leben, wie das Beispiel Kuba zeigt, das für seine gut organisierte Katastrophenvorsorge bekannt ist. Dort kamen bei vergleichbaren Rahmenbedingungen nur sieben Menschen ums Leben.

Auch beim Erdbeben vom 13. Januar 2010, das zeigen Vergleiche, hätten viele Menschenleben gerettet werden können. Schon direkt nach der Katastrophe in Haiti stellten sich viele Katastrophenhelfer die Frage, ob es tatsächlich so schlimm hätte kommen müssen, ob wirklich 250.000 Menschen sterben mussten. Denn es war bekannt, dass 1985 ein deutlich stärkeres Beben in Mexico City 100 Mal weniger Opfer forderte. Als hätte die Erde dieser Erkenntnis noch einmal mit aller Macht Nachdruck verleihen wollen, erschütterte kurze Zeit später Chile ein Beben mit der vielfachen Kraft des Erdbebens von Haiti. Doch der Stärke des Bebens zum Trotz kamen in Chile – dank eines höheren Lebensstandards im Allgemeinen und besserer Baustandards im Besonderen – nur 300 Menschen ums Leben.

Dieser Vergleich zeigt deutlich die fatalen Folgen der Vernachlässigung der Katastrophenvorsorge einerseits und der Armut in Haiti andererseits. Es ist wesentlich auf die allgemeine Armut zurückzuführen, dass in Haiti nicht erdbebensicher gebaut wurde. Die Baumängel sind so gravierend, dass der Begriff Naturkatastrophe eigentlich verschleiert, welche Bedeutung der Faktor Mensch für die furchtbaren Folgen des Erdbebens hat. Unser Baufachmann hat nach der Katastrophe gesagt: „Erdbeben töten keine Menschen. Es sind die einstürzenden Gebäude, die die Menschen töten.“ Ich glaube, treffender kann man es nicht sagen. Es bestätigt sich der Satz: Erst Armut macht Katastrophen katastrophal. Und es bestätigt sich die Erkenntnis, dass jeder in der Katastrophenvorsorge eingesetzte Euro langfristig ein Vielfaches an Nutzen bringt.

Erlauben Sie mir noch einen letzten Blick auf das Jahr 2010, das einem ganz besonders eindringlich die Frage nahelegt: Was hat unsere Hilfe bewirkt? Erreichen wir die gesetzten Ziele? Zeigt unsere Hilfe langfristig Wirkung? Jeder Spender hat das Recht, auf diese Fragen eine präzise Antwort zu bekommen: Externe Evaluationen helfen uns dabei – auch in Haiti und Pakistan. Wir haben zu diesem Zweck im vergangenen Jahr einen neuen “Leitfaden Evaluation” in Kraft gesetzt, mit dem sichergestellt werden soll, dass die Spendengelder die bestmögliche Wirkung erzielen. Wir schätzen dieses Instrument sehr.

Aber ich möchte auch davor warnen, diese Art der Wirkungsmessung zum Allheilmittel zu erheben. Würden wir das tun, bestünde die große Gefahr, dass die Not- und Entwicklungshilfe auf leicht messbare Größen verengt wird. Um ein Beispiel zu nennen: Die Frage, ob in Pakistan mit den Spendengeldern 10.000 Häuser in der angestrebten Zeit für die identifizierte Zielgruppe gebaut wurden, ist leicht in Zielgrößen zu fassen und anschließend zu messen. Unser Anspruch an die Hilfe ist aber ein anderer: Unser Ziel ist es, die betroffenen Menschen in die Lage zu versetzen, ihr Schicksal wieder in die eigenen Hände nehmen zu können und die Not so langfristig zu überwinden. Das sind politische Ziele, die nicht oder nur schwer messbar sind. Entwicklung, wie wir sie verstehen, ist nicht in erster Linie materieller Art. Maßstab für die gelungene Umsetzung unserer Hilfsprojekte in Haiti, Pakistan und anderswo wird deshalb immer das Urteil derer sein, denen die Hilfe zugute kommt – die externe Evaluation kann und soll immer nur ein Hilfsmittel sein.

Vielen Dank!

Dr. Oliver Müller
Leiter von Caritas international