Naher Osten/ Nördliches Afrika  

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Irak: Für die Integration von Menschen mit Behinderungen in die irakische Gesellschaft

"Eltern zu Lehrern, Häuser zu Schulen"

Seit 2005 unterstützt Caritas international im Irak behinderte Kindern und ihre Familien bei der Eingliederung in die Gesellschaft. Als Teil des Programms steht ihnen in Bagdad ein Zentrum offen, wo Jungen und Mädchen mit geistigen Behinderungen gemeinsam mit ihren Angehörigen von spezialisierten Fachkräften betreut werden. Im Interview erklärt die Programm-Managerin Ahlam Daniel Youkhana, 48 Jahre alt, wie die Förderung funktioniert und welchen Herausforderungen behinderte Kinder und ihre Familien im Irak begegnen.

Von Gabriela Keller 

Wie würden Sie die Situation behinderter Kindern im Irak beschreiben?

Der Irak ist ein Land, in dem der Anteil der behinderten Kinder jeden Tag steigt. Zum einen verursachen Bombenexplosionen immer wieder körperliche Behinderungen. Außerdem leben große Teile der Bevölkerung in extremer Armut. Viele Kinder sind nicht ausreichend ernährt und gesundheitlich versorgt. Das macht sie anfällig für Entwicklungsstörungen und Krankheiten, die schwere bleibende Schäden hinterlassen können. Hinzu kommt, dass während des Krieges Bomben mit angereichertem Uran im Irak abgeworfen wurden – die Rückstände führen zu Behinderungen von Neugeborenen. Diesem Anstieg steht ein Mangel an Einrichtungen gegenüber, die sich um die Betroffenen kümmern.

Welche Formen von Unterstützung gibt es für Familien mit behinderten Kindern überhaupt, etwa von staatlicher Seite?

Es gibt zwar einige Hilfsorganisationen im Irak, einige davon sind staatlich, andere zivilgesellschaftlich. Doch den Angestellten fehlt die fachliche Ausbildung, um die Entwicklung der Kinder wirksam fördern zu können. Zudem gibt es keine Einrichtungen, die sich um die Familien kümmern, sie im Umgang mit ihren Kindern schulen und bei ihrer Integration in die Gesellschaft zu unterstützen. Caritas international ist die einzige Organisation, an die sich Angehörige von Kindern mit Behinderungen wenden können.

Gibt es im Irak spezielle Schulen für behinderte Kinder?

Nein. Die meisten Schulen weigern sich, behinderte Kinder aufzunehmen. Einige bieten spezielle Klassen, dort aber werden alle Betroffenen zusammengefasst – ganz unabhängig ihren individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen – und von nicht im Umgang mit behinderten Schülern ausgebildeten Lehrern unterrichtet.

Welchen gesellschaftlichen Schwierigkeiten sind die Familien von behinderten Kindern konkret ausgesetzt?

In der Regel bedeutet ein behindertes Kind Schande für die Familie. Es gibt kaum Orte, an dem sie sich die Eltern mit ihrem Kind willkommen fühlen. Daher werden die Angehörigen oft menschenscheu, sie brechen ihre Beziehungen zur Außenwelt ab und gleiten in die Isolation ab. In anderen Fällen passiert es, dass Eltern behinderte Kinder zu Hause verstecken und einsperren, weil sie Angst vor der Reaktion ihres Umfeldes haben.

Wie sind Sie selbst zur Arbeit mit behinderten Kindern gekommen?

Mein Interesse ist von einer persönlichen Erfahrung ausgelöst worden: Meine Tochter ist kurz nach ihrer Geburt am plötzlichen Kindstod gestorben. Ich war zutiefst erschüttert und habe mich selbst in einer Art innerem Monolog gefragt: Was ist der Wert von Leben? Wenig später bin ich in der Kirche auf die Gruppe "Liebe und Glück" gestoßen, die mit behinderten Kindern arbeitet. Ich habe gesehen, dass die Mitglieder anderen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ich beschloss also, mich der Gruppe anzuschließen. Im Jahre 2005 wurde ich angefragt, ob ich bei Caritas international die Leitung für das Programm für behinderte Kinder und ihrer Familien übernehmen wollte. Als Teil gehörte das Zentrum in Bagdad hinzu. Ich hatte an der Universität Verwaltung studiert und fand hier eine gelungene Verbindung zwischen Ausbildung und Herzensanliegen. Ich habe diese Anfrage als Zeichen Gottes gesehen: Das Thema bewegte sich damit von der örtlichen, kirchlichen auf eine allgemeine, gesellschaftliche Ebene.       

An wen genau wendet sich das Zentrum?

Wir kümmern uns um Kinder mit Sprach- und Lernstörungen, Down-Syndrom und anderen geistigen Behinderungen. Derzeit nehmen 96 Kinder an dem Programm teil. Doch wir sind keine Schule und können nur Jungen und Mädchen aufnehmen, die von mindestens einem Elternteil begleitet werden. In der Regel kommen die Familien an zwei Tagen pro Woche.

Welche Reaktionen bekommen Sie von den Familien?

Für die Familien ist dieses Zentrum eine Art Schutzraum, ein sicherer Ort, an den sie sich retten können. Viele erfahren hier zum ersten Mal Anerkennung und Unterstützung. Sie verlieren ihre Scham und Scheu. Sie können sich hier in aller Ruhe mit ihren Kindern beschäftigen und sich ein umfassendes Wissen über ihre Behinderungen aneignen.

Wie wird die Unterstützung in dem Zentrum praktisch organisiert?

Unser Schwerpunkt liegt darauf, die Angehörigen in unseren Kursen im Umgang mit den Kindern anzuleiten und ihnen zu zeigen, wie sie sie selbst unterrichten und fördern können. So sollen Eltern zu Lehrern, Häuser zu Schulen werden. Zudem bieten wir den Familien Gruppentreffen, in denen sie sich austauschen und vernetzen können. Das Ziel ist, sie so weit zu stärken, dass sie sich danach in die Gesellschaft integrieren und ihre Erfahrungen und Kennnis an andere weitergeben können, die in der selben Situation sind. Zusätzlich wollen wir ganz allgemein den Stand der sozialen Bildung in der irakischen Bevölkerung verbessern. 

Das klingt nach einer ehrgeizigen Zielsetzung. Wie wollen sie das erreichen?

Wir haben zum Beispiel in unserem Zentrum gerade eine Bibliothek eröffnet. Dort haben wir alle möglichen Fachbücher zum Thema Behinderung zusammengetragen, die wir teilweise aus Syrien und Ägypten besorgt haben. Einige Eltern helfen uns als Freiwillige, die Bücher zu Broschüren zusammenzufassen. Diese werden später als praktische Ratgeber an die Familien verteilt. Zusätzlich steht die Bibliothek auch Studenten und Wissenschaftlern offen. Die Universitäten sind während des Krieges geplündert worden, die Bestände ihrer Bibliotheken sind seither nicht wieder aufgefüllt worden und deswegen sehr begrenzt. Wir wollen Wissenschaftlern die Möglichkeit eröffnen, sich auf das Thema Behinderung zu spezialisieren und selbst Forschungsarbeit zu leisten.

Nichts desto trotz sind die Kapazitäten des Caritas-Zentrums begrenzt. Abgesehen von der Verbesserung der Lebensbedingungen für individuelle Familien - wie schätzen sie die gesellschaftlichen Auswirkungen des Programms ein?

Trotz der geringen Anzahl der Hilfsempfänger kann dieser Ort ein Zentrum einer Art sozialer Aufklärung sein und die Soliarität innerhalb der Bevölkerung stärken. Wir vertreten den Standpunkt, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat. Zwar wenden wir dieses Bewusstsein auf Menschen mit Behinderungen an, doch man kann es leicht auf andere soziale Gebiete, wie etwa die Unterschiede zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen, anwenden. Es geht ganz grundsätzlich um Toleranz und ein friedliches Miteinander. Die Gemeinschaft der Familien, die in unserem Zentrum zusammenkommt, ist wie ein Mikrokosmos der irakischen Gesellschaft. Alle Konfessionen sind darunter vertreten. Hier sind alle Menschen gleich, sie sitzen beieinander und spielen mit ihren Söhnen und Töchtern. Darüber vergessen sie alle religiösen Differenzen, weil es hier nur um die Kinder geht.

Dezember 2009


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