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Mit Kreativität Grundlagen für die Kommunikation legen

Interview mit Issaschar Dror, dem Programm-Direktor des Jaffa Instituts

Über die Sozialarbeit mit Migrantenkindern in Tel Aviv  sprach Christopher Hoffmann mit dem Direktor des Jaffa Instituts, Issaschar Dror.

Issaschar Dror, Direktor des Jaffa Instituts
Issaschar Dror, Direktor des Jaffa Instituts

Herr Issaschar Dror, Sie engagieren sich für eine oftmals vergessene Zielgruppe: Insgesamt gibt es in Israel 30.000 Kinder mit Migrationshintergrund - teilweise aus Gastarbeiterfamilien, teilweise auf der Suche nach Asyl. Was sind deren größte Probleme im alltäglichen Leben?

Zunächst haben die Familien mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen: Vor drei Jahren klopften die israelischen Behörden an ihren Türen und wiesen die männlichen Gastarbeiter, die sich illegal in Israel aufhielten, wieder in ihr Heimatland aus. Zurück blieben die Frauen mit ihren Kindern. Um ihren Nachwuchs ernähren zu können arbeiten die Alleinerziehenden oftmals zwölf Stunden am Tag als Reinigungskraft oder Haushaltshilfe, weil sie ohne berufliche Qualifikation und Hebräischkenntnisse nur sehr geringe Löhne erhalten. Die Kinder sind deshalb nach der Schule den ganzen Nachmittag auf sich alleine gestellt und haben keine Chance am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Der Staat garantiert lediglich eine Art Notversorgung: Dabei kommen rund 30 Kinder auf eine Aufseherin ohne Ausbildung. Für die Drei- bis Fünfjährigen ein desaströser Zustand. Den Kindern fehlt Zuwendung, ihre schulischen Leistungen brechen ein. Fremdheit führt zur Frustration.

Und sie werden aufgrund ihrer häufig anderen Hautfarbe und Kultur auch als Fremde wahrgenommen - es ist für die israelische Bevölkerung neu, dass eine so große Zahl von Migranten unter ihnen lebt.

Wie wollen Sie diese komplexe Situation der Kinder verbessern?

Wir beginnen ganz früh im Kindergartenalter. Hier können wir die Kleinsten von Beginn an fördern. Der Schlüssel für Integration und Selbstbewusstsein ist die Sprache: Damit geben wir den Kindern die Chance sich selbst zu integrieren, denn wir legen die Grundlage aller Kommunikation. Außerdem erfahren sie in unserem Programm viel über das kulturelle Leben in Israel: Wir bringen ihnen die Feiertage, die Bräuche und Lebensgewohnheiten nahe, damit sie sich als Teil der israelischen Gesellschaft wahrnehmen.

Ihre Methoden sind sehr kreativ: Kunst, Sport und Musik spielen eine bedeutende Rolle im Konzert der Hilfsmaßnahmen. Nehmen wir beispielweise das "Musical Minds Program" - was können wir uns darunter vorstellen?

Musik öffnet den Zugang zu einer Welt ohne nationale Grenzen. Sie ist eine universale Sprache, die jeder versteht - ganz gleich welchen Bildungsgrad er aufweist. Und sie geht noch darüber hinaus: Sie weckt Emotionen und macht Menschen glücklich. Hier können sich auch Heranwachsende beweisen, die in Mathematik oder Hebräisch keinen Boden unter die Füße bekommen. Und daraus schöpfen sie dann neue Motivation und Selbstvertrauen - auch für die Schulbank. Denn sie erfahren: Auch ich kann etwas von meiner eigenen Kultur einbringen und damit Israel bereichern.

Unser Repertoire kennt keine regionale Grenzen: Es ist die Mixtur aus afrikanischen Rhythmen, arabischen Tänzen und russischer Folklore, die ein neues Gemeinschaftsgefühl kreiert. Denn wer seine eigenen kulturellen Wurzeln ausleben kann, wird auch toleranter gegenüber der neuen Kultur in Israel. Die Musicalaufführungen geben den Kindern Selbstbewusstsein und ein Ventil, um sich auszudrücken und verstanden zu werden. Insbesondere für Kinder mit besonderes hohem sozialem Risiko eine Brücke für Selbsterfahrung und Wertschätzung.

Neben ausgebildeten Sozialarbeitern arbeiten sie mit zahlreichen freiwilligen Studenten zusammen: Welche Vorteile hat dies und was ist der Motor für das soziale Engagement dieser jungen Israelis?

Speiel und Spaß: Kinder in Israel
Dynamische Studenten nehmen sich der benachteiligten Kinder mit einem ganzheitlichen Ansatz an - Spiel, Sport und Spaß darf dabei nicht fehlen

Es ist ein gegenseitiges Geben: Die Schüler lernen jenseits der Schüler-Lehrer-Rolle eine neue Gruppe der israelischen Gesellschaft kennen. Mit den Studenten spielen sie Basketball oder gehen gemeinsam zum Kino - Freundschaften entstehen, auch über das Projekt hinaus. Die meisten Freiwilligen studieren Sozialarbeit. Sie werden zur Bezugsperson für die jungen Migranten und helfen ihnen aus der Isolation - gleichzeitig wachsen sie selbst in der Begegnung. Und nicht zu vergessen: Ohne ihren Einsatz könnten wir aufgrund des begrenzten finanziellen Budgets lange nicht so viele Kinder und Jugendliche erreichen.

Es scheint, als habe Ihre Arbeit auch in der Wahrnehmung des Problems durch den Staat etwas verändert: In Zukunft will sich die Stadtbehörde von Tel Aviv dem Problem annehmen - wie kam es zu dieser Wende?

Das war nicht einfach und ist ein langer Prozess. Wir haben den Behörden klar zu machen versucht, dass die israelische Regierung nach den Abschiebungen nun die Verantwortung für die hiergebliebenen Familienmitglieder übernehmen muss. Wir vertreten keine politische Position, aber wir halten an einem Grundsatz fest: Wer Entscheidung trifft muss auch für die Konsequenzen einstehen. Caritas international hat sich der Kinder und Jugendlichen angenommen und war im ersten Jahr unser alleiniger Partner - für die Zukunft hat die Regierung nun finanzielle Hilfen zugesagt. Wir konnten mit dem Argument überzeugen, dass Prävention und frühe Förderung eine sinnvolle Staatsausgabe ist: Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem wir den jungen Menschen zu einem guten Start ins Leben verhelfen können.

Lassen Sie uns am Schluss ein Szenario für 2025 entwerfen: Haben sie die Hoffnung, dass die Integration für Migrant/innen in Israel zukünftig einfacher wird?

Sozialarbeiter müssen immer Hoffnung haben. In 15 Jahren werden die Kinder von heute junge Erwachsene sein - und sie werden sich nicht mehr von ihren israelischen Altersgenossen unterscheiden. Die erste Generation von Einwanderern hat es immer besonders schwer - ich bin optimistisch, dass sich ihre Kinder 2025 vom Moment ihrer Geburt an zu Hause fühlen können.

 

 


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