Redebeitrag von Prälat Dr. Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, anläßlich der Pressekonferenz zur Präsentation des Jahresberichts 2009 am 20. Juni 2010
Sehr geehrte Damen und Herren,
heute stellen wir Ihnen den Jahresbericht von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, vor. Auch
wenn wir uns dabei auf die Ergebnisse des Jahres 2009 beziehen, so ist es unmöglich, zwei aktuelle Ereignisse, die unsere
Arbeit heute und in den kommenden Jahren entscheidend mitbestimmen, unerwähnt zu lassen. Ich meine damit zum einen das verheerende
Erdbeben in Haiti und die heutige Entwicklungen sechs Monate danach, zum anderen aber auch die aktuelle politische Diskussion
um die künftige Strategie in Afghanistan.
Denn just heute findet in Kabul die internationale Afghanistan-Konferenz statt. Die Bundesregierung hat angekündigt, sich
noch stärker als zuvor an der Demokratisierung und Entwicklungsförderung in Afghanistan zu beteiligen. So hat sie zugesichert,
die Mittel für den zivilen Wiederaufbau von jährlich 250 Millionen Euro bis 2013 schrittweise auf 430 Millionen Euro zu erhöhen.
Wir begrüßen diesen Schritt, zumal das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) auch für
die Arbeit der nichtstaatlichen Hilfsorganisationen zusätzliche 10 Millionen Euro in Aussicht gestellt hat. Für sehr bedenklich
halten wir allerdings, dass die Vergabe dieser Gelder an sicherheitspolitische Bedingungen geknüpft werden soll.
Nichtregierungsorganisationen, die an den zusätzlichen Mitteln partizipieren wollen, müssen sich demnach künftig zum so genannten
„Konzept der Vernetzten Sicherheit“ bekennen. Vernetzte Sicherheit bedeutet, dass militärisches Handeln und ziviler Wiederaufbau
systematisch miteinander verzahnt werden und einer sicherheitspolitischen Gesamtstrategie folgen. Obwohl wir weiterhin dringend
auf Unterstützung für unsere Arbeit in Afghanistan angewiesen sind, können wir unmöglich auf diese Bedingung eingehen. Aus
unserer Verpflichtung als humanitäre Hilfsorganisation, aber auch aus unserem christlichen Selbstverständnis heraus können
sicherheitspolitische Erwägungen niemals der Maßstab für unser Handeln sein. Unsere Arbeit richtet sich ausschließlich nach
der Bedürftigkeit und der Notlage der Menschen. Darüber hinaus würden wir unsere über Jahre aufgebaute Glaubwürdigkeit und
die Glaubwürdigkeit unserer Partner aufs Spiel setzen, würden wir unser Handeln den Interessen der deutschen Außenpolitik
unterordnen. Vor allem aber würden wir unsere Helfer und alle Menschen, die in Afghanistan mit uns zusammenarbeiten und von
unserer Hilfe profitieren, einer unverantwortlichen Gefahr aussetzen. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zu legitimen Angriffszielen erklärt werden, sobald man in ihnen Ausführungsorgane
ausländischer Streitkräfte zu sehen glaubt. Wir appellieren daher an die Bundesregierung, die Verknüpfung von Hilfsmitteln
mit dem Konzept der Vernetzten Sicherheit aufzuheben und die seit langem bewährte Eigenverant-wortung und komplementäre Zielsetzung
der Hilfsorganisationen zu respektieren.
Das zweite Ereignis, das die Arbeit von Caritas international auf Jahre mitbestimmen und prägen wird, ist das verheerende
Erdbeben, das Haiti im Januar dieses Jahres erschütterte. Gerade in diesen Tagen, ein halbes Jahr nach dem Beben, gerät Haiti
wieder verstärkt in den öffentlichen Fokus. Für uns stand schon unmittelbar nach dem Beben fest, dass es für den Wiederaufbau
einen langen Atem braucht. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, im Einzelnen auf die vielen Projekte einzugehen, die
wir in Abstimmung mit dem weltweiten Caritas-Netzwerk und gemeinsam mit unseren Partnern planen und umsetzen, allen voran
den Pfarrgemeinden und Caritas-Organisationen im Land. Um Ihnen hierüber einen Überblick zu geben, haben wir Ihrer Pressemappe
diesen Halbjahresreport unserer Haiti-Hilfe beigelegt. Alles, was Sie dort lesen, verdanken wir der großzügigen Unterstützung
aus allen Teilen der Gesellschaft – ob durch Privatpersonen, Pfarrgemeinden, Schulen, Unternehmen oder Einrichtungen der Caritas.
Insgesamt sind allein für Haiti mehr als 18 Millionen Euro an Spenden bei uns eingegangen. Für diese große Solidarität möchte
ich mich bei allen Spen-derinnen und Spendern herzlich bedanken, nicht zuletzt aber auch bei Ihnen, die Sie durch Ihre Berichterstattung
viele Menschen zum helfen motiviert und mobilisiert haben.
Mit Blick auf das Berichtsjahr 2009 möchte ich jedoch gleichzeitig betonen, wie wichtig und notwendig die kontinuierliche
Unterstützung auch außerhalb sogenannter Jahrhundertkatastrophen wie Haiti ist. 2009 war ein Jahr der eher „stillen“, aber
nicht weniger zerstörerischen Katastrophen mit Wirbelstürmen und Überschwemmungen in Südostasien, in Mittelamerika und der
Karibik, einem verheerenden Erdbeben in Sumatra und Dürren in Ostafrika. Katastrophen, die viele Menschenleben gekostet und
großes Leid zurückgelassen haben, in der öffentlichen Wahrnehmung aber kaum oder nur kurz Beachtung fanden. Uns zeichnet aus,
dass wir auch bei diesen „stillen“ Katastrophen Hilfe leisten und uns in Weltregionen engagieren, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit
stehen. Unsere Arbeit richtet sich eben nicht nach der medialen Aufmerksamkeit, sondern nach der humanitären Notlage – unabhängig
von Religion, Nationalität und Weltanschauung.
Insgesamt hat das Hilfswerk der deutschen Caritas im vergangenen Jahr 846 Projekte in 84 Ländern gefördert. Das Gesamtbudget
der Hilfsleistungen betrug rund 41,6 Millionen Euro. Knapp 55 Prozent der Mittel flossen in Katastrophenhilfe- und Wiederaufbauprojekte.
Die restlichen 45 Prozent machten soziale Projekte für Kinder sowie alte, kranke und behinderte Menschen aus. Geografisch
lagen die Schwerpunkte unserer Arbeit in Afrika und Asien. Al-lein im Kongo wurden im vergangenen Jahr 47 Projekte mit einem
Gesamtbudget von über 3,6 Millionen Euro gefördert. Außerdem sind wir schwerpunktmäßig in Regionen tätig, aus denen sich andere
Organisationen in den vergangenen Jahren zurückgezogen haben, wenngleich der Hilfsbedarf weiterhin groß ist. Wie in Afghanistan,
wo wir im vergangenen Jahr 37 Projekte mit einem Volumen von 1,9 Millionen Euro durchgeführt haben. Herr Dr. Müller wird gleich
näher auch auf die schwierige, aber fruchtbare Arbeit in Afghanistan eingehen.
Besonders freut uns, dass wir den Anteil der Werbe- und Verwaltungskosten auf einem konstant niedrigen Niveau halten konnten.
Dieser Anteil betrug 8,3 Prozent der Ausgaben und liegt in der niedrigsten Kategorie, die das das Deutsche Zentralinstitut
für Soziale Fragen (DZI) vorsieht. Der Wert zeigt, wie verantwortungsvoll und effizient Caritas international die anvertrauten
Mittel verwendet. Dass unsere Grundsätze der Hilfe (Kooperation mit einheimi-schen Partnern und Stärkung der Schwächsten einer
Gesellschaft) Früchte tragen, hat sich nach dem Tsunami vor gut fünf Jahren und nach vielen anderen Katastrophen gezeigt.
Und davon bin ich überzeugt, sie werden auch in Haiti Früchte tragen.
Ich möchte Sie als Vertreterinnen und Vertreter der Medien dazu ermutigen, diese Arbeit des langen Atems durch eine aktive,
differenzierte, gerne auch kritische Berichterstattung zu begleiten. Bleiben Sie am Ball, so darf ich kurz nach Abschluss
der Fußball-WM sagen, auch wenn uns gerade keine „Jahrhundertkatastrophe“ erschüttert; auch wenn die Menschen, um die es geht,
in Regionen leben, in denen es keine bedeutenden Rohstoffvorkommen oder geopolitische Interessen gibt. Bringen Sie die dringenden
Anliegen dieser Menschen in unser Bewusstsein. Der Deutsche Caritasverband mit seinem Hilfswerk Caritas international unterstützt
Sie dabei mit einem spannenden Themenangebot, fundierten Hintergrundinformationen und Experten für alle Erdteile.
Prälat Dr. Peter Neher
Präsident des Deutschen Caritasverbandes
Juni 2010
