"Wir brauchen eine humane Drogenpolitik"
Interview mit Wolfgang Hees, Lateinamerikareferent bei Caritas international
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Frage: Herr Hees, was versprechen Sie sich von der Drogenkonferenz?
Hees: Caritas international gehört zu den großen international agierenden Organisationen, die im Drogenbereich arbeiten. Wir verfolgen einen breit angelegten Ansatz, denn wir versuchen denen zu helfen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Dazu gehören Drogenabhängige genauso wie Kleinbauern. Ziel unserer Konferenz ist es, nicht nur unsere Arbeit besser zu koordinieren und Konzepte für die kommenden Jahre abzustimmen, sondern auch Einfluss zu nehmen. In wenigen Monaten wird in Wien die "UN Commission on Narcotic Drugs" zusammenkommen und dort werden die Weichen für die internationale Drogenpolitik der nächsten Jahre gestellt. Mit unserer "Erklärung von Berlin" möchten wir die Wiener Experten auf Probleme und neue Herausforderungen aufmerksam machen.
1998 hat die UN-Generalversammlung auf einer Sondersitzung zum Thema Drogen das Ziel der drogenfreien Welt ausgegeben. Gibt es gut zehn Jahre später Erfolge zu vermelden?
Nein, denn die Null-Toleranz-Doktrin hat sich als grandioser Fehlschlag entpuppt. Sowohl bei den Mengen als auch bei den Anbauflächen sind trotz aller Anstrengungen Zuwächse registriert worden. Zudem haben wir es in den Anbau- und Transitländern nicht nur mit einer ganzen Palette von negativen Folgen der repressiven Anti- Drogenpolitik zu tun, sondern auch mit steigendem Konsum. Wir brauchen eine neue, eine humanere internationale Drogenpolitik.
Darauf hat auch der für die Drogenproblematik zuständige Direktor im afghanischen Gesundheitssystem, Dr. Abdullah Wardak, in seinem Vortrag auf der Konferenz hingewiesen. In Afghanistan wird gerade erst ein Netz von Hilfseinrichtungen aufgebaut. Ist man in anderen Regionen schon weiter?
Ja, zum Beispiel in Lateinamerika. Aber generell fehlt es in vielen der so genannten Produzenten- und Transitländern an Hilfsangeboten für Abhängige.
Kann die repressive Drogenbekämpfungsstrategie das Problem lösen?
So lange Gewinnmargen von über 500 Prozent zu erzielen sind, wie derzeit im Drogenhandel, wird es sehr schwer, durch Repression das Problem zu lösen. Mit geschätzt 400 Milliarden US-Dollar Umsatz jährlich ist der Drogenhandel die Nummer Eins und in einigen Volkswirtschaften entfallen bis zu zehn Prozent der Wirtschafsleistung auf den Drogenhandel. Diese hohen Gewinnmargen führen dazu, dass Länder destabilisiert werden. Der Drogenkrieg hat faktisch nur dazu geführt, dass auf beiden Seiten kräftig aufgerüstet wurde. So wurde in Brasilien erst kürzlich ein Hubschrauber der Drogenfahndung mit einer Rakete abgeschossen, In Kolumbien finanzieren sich hingegen sowohl Paramilitärs als auch Guerilla über den Drogenhandel, wodurch der Bürgerkrieg weiter verlängert wird. Durchschlagende Erfolge haben auch auch die alternativen Anbauprogramme nicht gebracht, denn in vielen Regionen pflanzen die Bauern parallel zum Alternativprodukt weiter Koka an - weil die Pflanze schlicht lukrativer ist.
Welche Erfahrungen machen Sie in den Projektländern? Haben Sie den Eindruck, dass sich die Perspektiven verändern und nach Alternativen gesucht wird?
Ja, den Eindruck haben wir beispielsweise in Lateinamerika. Unsere Erfahrungen dort sind positiv. Allerdings sind es nicht immer unbedingt die Entwicklungen auf nationaler Ebene, die uns Mutmachen, sondern eher auf regionaler und lokaler Ebene. Auf der Ebene der Bundesstatten und der großen Städte hat sich vieles geändert. Dort ist man immer offener für die präventive Arbeit. So haben wir in Kolumbien derzeit eine ganze Reihe von Projekten, die lokal finanziert werden und wo wir vor allem als Berater gefragt sind. Die nationale Regierung beschränkt sich hingegen zumeist darauf mit harter Hand gegen den Anbau vorzugehen.
Haben Sie die Hoffnung, dass sich an den Parametern der internationalen Drogenpolitik bei der UN-Konferenz in Wien etwas Wesentliches ändern könnte?
Das Schlagwort der letzten UN-Drogendekade war eine "Welt ohne Drogen" und die damit einhergehende Maxime war "wir rotten die Sucht aus". Diese Maxime ist gescheitert, denn Drogen gehören zur Menschheit dazu und haben immer eine Rolle gespielt. Wir müssen Wege finden, wie wir verträglich für das Individuum und die Mehrheitsgesellschaft mit Drogen leben.
Januar 2009


