Jahrespressekonferenz 2011
Redebeitrag von Prälat Dr. Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, anläßlich der Pressekonferenz zur Präsentation des Jahresberichts 2010 am 20. Juni 2011
Sehr geehrte Damen und Herren,
als Katastrophenhilfswerk ist der Ausnahmezustand für Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes,
ein täglicher Begleiter. Erdbeben, Dürren, Überschwemmungen und Wirbelstürme sind uns vertraute, unseren Alltag bestimmende
Ereignisse. Trotzdem war das Katastrophenjahr 2010 in vielerlei Hinsicht auch für Caritas international außergewöhnlich, wie
der Blick in unseren Jahresbericht zeigt:
• Für unsere Hilfsprojekte ist uns doppelt so viel Geld anvertraut worden von Spendern sowie öffentlichen und kirchlichen Finanzierern wie 2009: 86,6 Mio. €.
• Uns sind mehr als vier Mal so viele Privatspenden anvertraut worden wie 2009: 49,5 Mio. €
• Fast 75 Prozent aller Privatspenden sind uns für zwei Katastrophen zur Verfügung gestellt worden, nämlich Haiti und Pakistan. Absolut: 36 Mio. €.
• Die Verwaltungskosten konnten wir mit 7,7 % erneut sehr niedrig halten.
Das sind für uns außergewöhnliche Zahlen, die das große Vertrauen der Spenderinnen und Spender sowie der öffentlichen und
kirchlichen Geldgeber in unsere Arbeit belegen. Wir danken dafür ganz herzlich! Herr Dr. Müller wird Sie gleich noch ausführlicher
über die entsprechenden Ereignisse informieren, die hinter diesen Zahlen stehen.
der Präsident des Deutschen Caritasverbandes
Prälat Dr. Peter Neher (re) Foto: KNA
Erlauben Sie mir vorab jedoch einige Worte zu einem Aspekt unserer Arbeit, der von weniger öffentlicher Aufmerksamkeit begleitet
wird und oft eher im Verborgenen geschieht: Der Hilfe für Flüchtlinge und Migranten. Ein wichtiger Teil der uns 2010 zur Verfügung
gestellten Gelder ist in Hilfsprojekte geflossen, die Menschen beistehen, die in Afrika, Asien und Lateinamerika vor Krieg
fliehen mussten oder jenseits der Grenzen ihrer Heimat bessere Lebenschancen für ihre Familien suchen.
Sich dem Fremden helfend zuzuwenden, ist ein konstitutierendes Element der sozialen Arbeit einer Caritas der Kirche. Wer durch
Krieg, Unterdrückung, Hungerkatastrophen oder wirtschaftliche Not aus seiner Heimat vertrieben wird, verdient unsere volle
Unterstützung. Hilfe ist in solchen Situationen eine humanitäre Pflicht. Ich denke da beispielsweise an die Menschen, die
aktuell aus Afrika oder dem Nahen Osten fliehen. Diese Menschen haben Anspruch auf korrekte Behandlung; Menschenrechte und
Menschenwürde sind zu respektieren. Und zwar vor Ort in ihren Herkunftsregionen und selbstverständlich auch in Deutschland.
Caritas steht für Hilfe auf beiden Seiten. Zum Beispiel mit 144 Beratungsstellen für Flüchtlinge in Deutschland, aber auch
mit Migrantenzentren, die der Deutsche Caritasverband mit seinem Hilfswerk Caritas international in Marokko, Mauretanien,
Mali, Libanon und Griechenland unterstützt. Das ist eine stille Hilfe, die von den Regierungen eher geduldet als gefördert
wird. Dass diese Unterstützung der Flüchtlinge und Migranten auf beiden Seiten – im Inland wie im Ausland – von uns geleistet
werden kann, ist eine besondere Qualität der Caritas-Arbeit, die uns von anderen Organisationen unterscheidet.
Aber wir bleiben nicht bei dieser akuten Versorgung der Menschen stehen. Der Deutsche Caritasverband trägt mit seiner Auslandsarbeit
auch zum Aufbau sozialer Strukturen vor Ort bei. Durch unsere Unterstützung der lokalen Caritasverbände in über 70 Ländern
Afrikas, Asiens und Lateinamerikas werden dauerhaft soziale Strukturen geschaffen, die über den Tag hinaus den Menschen am
Rand der Gesellschaft – wie etwa Straßenkindern, alten Menschen und Menschen mit Behinderung – eine verlässliche Perspektive
für ihr Leben bieten. Diese Investitionen, die wir seit Jahrzehnten in lokale Strukturen und die lokalen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter tätigen, zeitigen keine kurzfristigen Erfolge, aber sie bringen dauerhafte Entwicklung und eine deutliche
Steigerung der Lebensqualität der Bevölkerung.
Warnen will ich allerdings ausdrücklich vor der immer noch weit verbreiteten Vermutung, dass sich durch Entwicklungsprojekte
Migration verhindern ließe. Diese lange gehegte Annahme, das haben Wissenschaft, OECD und auch Caritas-Studien in den vergangenen
Jahren belegt, ist nicht zu halten. Nicht zuletzt unsere eigenen Befragungen in Westafrika zeigen: Menschen migrieren dann,
wenn sie über ein Mindestmaß an Bildung und ökonomischen Reserven verfügen. Ein Beleg unter vielen ist dafür, dass ein Großteil
aller Migranten weltweit nicht aus den ärmsten Ländern stammt, sondern aus Schwellenländern wie den Philippinen oder Mexiko.
Umgekehrt kann aber auch mehr Migration zu mehr Entwicklung in den Heimatländern führen. 2010 haben die weltweit 190 Mio.
Migranten laut Weltbank etwa 325 Mrd. US-Dollar in Entwicklungsländer überwiesen. Die Summe der Rücküberweisungen, die großenteils
direkt den Lebensunterhalt der Familien in Afrika, Asien und Lateinamerika sichert, übersteigt damit um ein Vielfaches die
weltweit öffentlich geleistete Entwicklungshilfe. Die Daheimgebliebenen können aus den Überweisungen der Migranten etwa Schulgebühren
für die Kinder oder medizinische Versorgung in den lokalen Gesundheitszentren finanzieren. All dies sind Investitionen in
die Zukunft, in die nächste Generation und damit entwicklungsfördernd.
Um die positiven Effekte dieser Transfers systematischer zu nutzen, spricht sich die Caritas deshalb dafür aus, eine staatlich
geregelte, zeitlich begrenzte Migration zu ermöglichen. Diese Forderung wird gestützt durch eine Befragung von unserem Hilfswerk
Caritas international unter 3.278 Migranten in sechs Ländern Westafrikas, die ergeben hatte, dass nur eine Minderheit von
5 % der Befragten beabsichtigt, ihre Heimat endgültig zu verlassen. 91% der Befragten dagegen gaben an, nur für eine begrenzte
Zeit ins Ausland gehen zu wollen.
Sehr geehrte Damen und Herren! Anfangs sprach ich davon, dass die Hilfe für den Fremden ein konstituierendes Merkmal der sozialen
Arbeit einer Caritas der Kirche ist. Ich will aber nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass diese Haltung nicht nur von unseren
Caritas-Mitarbeitenden, sondern auch und gerade von der einfachen Bevölkerung in Afrika, Asien und Lateinamerika vielerorts
gelebt wird. 80 % aller Flüchtlinge weltweit werden von Entwicklungsländern aufgenommen. Ich will nur ein Beispiel nennen:
Liberia hat in den vergangenen Wochen bis zu 200.000 Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste aufgenommen. Liberia hat ein jährliches
Bruttoinlandsprodukt von 150 € pro Einwohner. Zur gleichen Zeit sorgt sich ein Teil der politischen Öffentlichkeit in Europa,
wo jedem Einwohner durchschnittlich 23.600 € zur Verfügung stehen, weil knapp 40.000 Migranten und Flüchtlinge aus Nordafrika
in Italien angekommen sind. Ich meine: Besorgt sollten wir nicht sein, weil Menschen zu uns kommen wollen. Besorgt sollten
wir sein, weil Menschen im Mittelmeer sterben. Und wir sollten uns vor Augen halten, dass nicht wir den Großteil der Flüchtlinge
und Migranten bei uns aufnehmen, sondern bettelarme afrikanische Staaten.
Ließe Europa mehr Zuwanderung zu, müssten weniger Menschen ihr Leben auf gefährlichen Überfahrten riskieren. Ließe Europa
mehr Zuwanderung zu, wäre das aber auch ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung der Heimatländer der Migranten. Überlegungen
zu temporärer Arbeitsmigration sollten deshalb aus unserer Sicht in Deutschland und Europa vorangebracht werden. Das wäre
ein wichtiger Schritt hin zur notwendigen Verknüpfung von sinnvoller Immigration und langfristigem Strukturaufbau in den Herkunftsländern.
Prälat Dr. Peter Neher
Präsident des Deutschen Caritasverbandes

