Einfache Gleichungen gehen nicht auf
Ein Gespräch am Rande der Caritas Drogenkonferenz über das Versagen repressiver Drogenpolitik
Interview Ricardo Vargas, Internationaler Drogenexperte aus Kolumbien, der für das Transnational Institute in Amsterdam genauso wie für die Acción Andina tätig ist.
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Herr Vargas, obwohl in den letzten zehn Jahren mit großem internationalem Aufwand versucht wurde die Produktion von Kokain und Heroin einzuschränken, sind Angebot und Anbauflächen heute deutlich größer als vor zehn Jahren. Wie kommt das?
Vargas: Der Widerspruch steckt in der Strategie auf dem das Konzept der Drogenbekämpfung basiert. Der Grundgedanke ist recht einfach: durch die Verknappung des Angebots, hervorgerufen durch das manuelle Ausreißen und das Besprühen der Koka- oder Mohnpflanzen mit Unkrautvernichtungsmitteln, soll der Preis für Kokain und Heroin auf dem internationalen Markt merklich steigen. Die gestiegenen Preise sollen, so die Theorie, zu einer Senkung der Nachfrage und daraus resultierend auch zu einer Reduzierung des Konsums führen. Auf dieser Logik basiert auch der Plan Colombia, der ab dem Jahre 2000 in Kolumbien zum Einsatz kam. Diese einfache Gleichung ist aber nicht aufgegangen. Zum einen blieb das Angebot weit gehend stabil, zum anderen kam es auch nicht zu einer Dämpfung der Nachfrage. Die beiden zentralen Vorraussetzungen wurden also nicht erreicht. Eine Strategie, die sich fast ausschließlich auf die Reduzierung des Angebots konzentriert, hinkt, wenn man sich parallel keine Gedanken darüber macht wie die Nachfrage zustande kommt. Die ist konstant geblieben und an der Verfügbarkeit von Kokain hat sich nichts geändert wie die Fakten zeigen. Die Anbieter haben dynamisch auf die konstante Nachfrage reagiert und sich obendrein neue Konsumentenschichten in Lateinamerika selbst, sowohl in den Produktions- als auch den Transitländern, erschlossen.
Eine ernüchternde Dynamik ...
Ja, und sie ist nicht nur in Kolumbien, El Salvador oder Mexiko zu beobachten, sondern auch in Afghanistan, dem Iran, Indien, China oder Afrika.
Gibt es denn Alternativen zur repressiven Drogenpolitik mit all ihren Folgeschäden?
Nein, denn an den USA vorbei lässt sich keine internationale Drogenpolitik gestalten und die Strategie der USA orientiert sich am Verbot. Das ist die zentrale Leitlinie und am Rande dieser Leitlinie gibt es ein wenig Raum für alternative Projekte und für Prävention. Die Strategie der Schadensminimierung aus gesundheitspolitischer Perspektive spielt in der US-Drogenpolitik nur eine nachrangige Rolle. Fast alles orientiert sich an der Bekämpfung von Produktion und Transport, aber die Gegebenheiten in den Produktions- und Transitländern haben sich verändert, denn der Konsum in diesen Ländern steigt stetig. Interessant in diesem Kontext ist aber, dass es immer mehr Gemeinden gibt, die eigene Programme entwickeln, um dem Drogenelend und der Perspektivlosigkeit zu begegnen.
Ein Neuanfang auf Graswurzelebene?
Ja, so kann man es nennen, denn die Gemeinden werden zu Protagonisten einer anderen Drogenpolitik und organisieren sich. Das ist ein spannender Prozess und man sollte ihn unterstützten, denn es fehlt an Ressourcen, Krediten, wissenschaftlicher Unterstützung und vielem mehr.
Gibt es denn ausreichend politischen Willen in Kolumbien Gemeinden, die sich engagieren, die eine eigene Perspektive aufbauen wollen, mehr Autonomie und mehr Mittel zu gewähren?
Nein, ich kenne keine Abgeordneten der Regierungspartei, keine Mitarbeiter in Ministerien, die sich von der offiziellen Leitlinie entfernt haben. Was es gibt ist die Bereitschaft der US- Organisationen mit den Leuten auf lokaler und regionaler Ebene zu sprechen und deren Vorschläge zur Kenntnis zu nehmen. Am großen Rahmen ändert das allerdings nichts, aber Gesprächsbereitschaft ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Was erhoffen Sie sich von UN-Expertentreffen, der "Commission on Narcotic Drugs", die in wenigen Wochen in Wien tagen wird. Wird es eine Kehrtwende in der internationalen Drogenpolitik geben?
An der repressiven Leitlinie wird sich wenig ändern, aber es könnte zu Modifikationen kommen, die der Präventions- und drogentherapeutischen Arbeit mehr Spielraum einbringen könnten. Eine hundertachtzig Grad-Wendung halte ich aber für unrealistisch.
Wäre denn eine 180 Grad-Kehre leistbar - existiert ein kohärentes alternatives Drogenkonzept?
Nein, das ist ein Manko. Einzig die Schweiz hat eine öffentliche Hilfepolitik für Drogenabhängige entwickelt, aber sie verfolgt im Bereich der Nachfragereduzierung und des Drogenhandels die gleichen international verbindlichen Leitlinien. Ein umfassendes Konzept von Schadensreduzierung aus gesundheitspolitischer wie politischer und ökonomischer Perspektive gibt es nicht. Das ist eine echte Herausforderung, denn die Schäden der derzeitigen Strategie sind kaum zu übersehen. Dazu gehört die Destabilisierung des demokratischen Systems in Ländern wie Mexiko oder Kolumbien, die weit verbreitete Korruption, der Aufbau von Parallelstrukturen in Wirtschaft und Politik oder die Nichtahndung von unendlich vielen Menschenrechtsverbrechen.
Januar 2009

