Volle Tanks - leere Teller
Eine unbequeme Wahrheit
Von Dr. Oliver Müller, Leiter von Caritas international
Erdöl, das schwarze Gold, Schmierstoff unserer Industriegesellschaft, ist in absehbarer Zeit Geschichte. Die Zukunft soll
dem grünen Gold gehören: Biomasse. So sehen es die Propheten eines neuen Energiezeitalters. In Szenarien wird vorgerechnet,
dass die Erde ohne weiteres in der Lage wäre, unseren Hunger nach Energie aus nachwachsenden Rohstoffen zu stillen.
Damit wären wir zwei unsere größten Sorgen, den Klimawandel und die sich abzeichnende Energieknappheit, für immer los, ein
goldenes Zeitalter bräche heran. Selbst unsere größten Ressourcenverschwender, die Autos, ließen sich auf ewig weiter betreiben.
Agrotreibstoffe sollen es möglich machen. So verkünden es Politiker und Lobbyisten auf der ganzen Welt. Und das grüne Gold
soll sprudeln. Die Europäische Union möchte bis ins Jahr 2020 den Anteil von Agrotreibstoffen auf zehn Prozent erhöhen. Deutschland
ist dabei der Musterknabe. Bereits 1,13 Millionen Hektar Rapsflächen sind für die Agrodieselgewinnung im Anbau. In Deutschland
hat die seit Anfang 2007 geltende Pflicht zur Beimischung von 4,4 Prozent Agrodiesel zu einem Anstieg des Verbrauchs auf 856
000 Tonnen im ersten Halbjahr 2007 geführt. In den Vereinigten Staaten boomt derweil dank massiver staatlicher Förderung Ethanol,
das aus Mais gewonnen wird.
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| Protestaktion in Kolumbien gegen die Palmöl-Industrie |
Im Schwellenland Brasilien, das schon seit den 1970er-Jahren aus Zuckerrohr Ethanol gewinnt, sollen die Anbauflächen bis 2013 auf 18 Millionen Hektar verdreifacht werden - rund zehn Prozent der Ackerfläche. Indonesien und Malaysia setzen derweil auf Palmöl. Die Pläne der indonesischen Regierung sehen die Ausweitung der Anbauflächen um 200 000 Quadratkilometer bis ins Jahr 2020 vor. Dabei wird nicht nur auf den Absatzmarkt Europa, sondern auch auf Indien und China geschielt, die sich selber ehrgeizige Agrotreibstoffziele gesetzt haben. Der weltweite Agrodieselmarkt verspricht in den kommenden Jahren jährliche Wachstumsraten von märchenhaften 30 Prozent. Und selbst in Afrika gilt schon das geflügelte Wort von der "grünen Opec", zusammengesetzt aus Staaten wie Äthiopien, Mali oder Kamerun, die künftig auf dem Weltenergiemarkt eine dominierende Rolle spielen sollen.
Die Antreiber dieser Entwicklung sind die Vereinigten Staaten und die Europäische Union, die, aller Fördermaßnahmen zum Trotz, aus geographischen Gründen höchst ungeeignet sind für den Anbau von Energiepflanzen. Etwas besser sieht diese Bilanz in tropischen Gefilden aus. Doch dort stehen die benötigten riesigen Landflächen gar nicht zur Verfügung. In Lateinamerika hat der Verdrängungswettbewerb bereits eingesetzt - auf Kosten des Regenwaldes und auf Kosten von Kleinbauern, die Land und Lebensgrundlage verlieren. In Indonesien ist die Entwicklung noch bedrohlicher. Hier verschwinden die Urwälder im Rekordtempo. Die Folgen sind verheerend. Die durch die Entwaldung frei gesetzten Treibhausgase machen Indonesien, ein Entwicklungsland, heute zum drittgrößten Kohlendioxid-Emittenten weltweit. Die Nachhaltigkeit der Ölbaumplantagen, die den Regenwald ersetzen, ist gleich Null. Dazu macht die stark mechanisierte Plantagenwirtschaft Millionen von Menschen arbeitslos.
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| Die Abhängigkeiten steigen: Ohne Lebensmittellieferungen können viele nicht mehr überleben |
In Äthiopien, wo sich verschiedene europäische Firmen anschicken, im großen Stil Energiepflanzen anzubauen, hungern nach wie
vor vier Millionen Menschen. Weltweit sind es über 850 Millionen, und es ist zu befürchten, dass sich deren Zahl in den kommenden
Jahren nochmals drastisch erhöhen wird. Denn die 800 Millionen Autofahrer sind die weit finanzkräftigeren Kunden als Hungernde.
Diese Entwicklung ist bereits im Gang. Gerade in den Ländern der dritten Welt erhöhen sich die Preise für Grundnahrungsmittel
in weit höherem Ausmaß als hierzulande. Seit der Jahrtausendwende sind die Lebensmittel-Importkosten in den Entwicklungsländern
um 90 Prozent angestiegen. Für die ärmsten Länder, die bis zu 50 Prozent ihres Nahrungsmittelbedarfs mit Importen decken,
ist das eine katastrophale Entwicklung.
Es ist eine unbequeme Wahrheit: Agrotreibstoffe sind der falsche Weg. Denn sie machen alles nur noch schlimmer. Die Anreize,
die auch in der Europäischen Union geschaffen worden sind, befördern eine Entwicklung, die uns alle teuer zu stehen kommen
wird. Seien wir ehrlich und nennen die Dinge beim Namen. Wir stoßen mit unserem Lebensstil kollektiv an Grenzen. Es sind nicht
mehr nur die Grenzen des Wachstums, wie es der Club of Rome in den 1970er-Jahren formulierte, es sind Grenzen, die uns letztlich
die Natur setzt. Der Raubbau an Natur und Mensch muss aufhören. Agrotreibstoffe sind nichts anderes als eine Fortsetzung eben
dieser Ausbeutungspolitik. Das heisst nicht, gänzlich auf die Nutzung von Energie auf Pflanzen zu verzichten. Es gibt sehr
sinnvolle Anwendungen, etwa in Biogasanlagen, die sich durch hohe Energieeffizienz auszeichnen. Doch zur Aufrechterhaltung
unserer individuellen Mobilität ist jeder Maiskolben einer zuviel.
Es braucht auf mittlere und lange Sicht eine deutlich reduzierte individuelle Mobilität mit motorisierten Fahrzeugen. Das wird nicht ohne Folgen auf unseren Lebensstil bleiben. Es wird auch jene treffen, die täglich mit dem Auto zur Arbeit pendeln. Es wird auch bedeuten, die langen Transportwege zu verkürzen, den Fernhandel einzuschränken auf jene Produkte, die über den täglichen Bedarf hinaus Verwendung finden. Das globale Dorf wird schrumpfen auf ein gesundes, langfristig verträgliches Maß. Diese Maßnahmen werden uns näher zu unseren Wurzeln führen, zu einer auf regionalen Produkten und regionaler Produktion orientierten Wirtschaftsweise, zu einer Gesellschaft, die sich ihrer beschränkten Ressourcen bewusst ist. Das ist kein Unglück. Es ist, über kurz oder lang, der einzige Weg, der uns bleibt. Er gibt unseren Mitmenschen in den unterentwickelten Ländern die Chance zur maßvollen Entwicklung, die nicht die Kopie unserer Lebensweise sein kann, sondern die heraus führen muss aus Armut und Elend.
November 2007



