Klimagipfel in Bali  

Mais im Tank - Hunger in der Dritten Welt?

Interview mit Wolfgang Hees, Mitarbeiter von Caritas international

Von Carolin Ott /Westdeutscher Rundfunk

Normalerweise produzieren Bauern Rohstoffe für Nahrungsmittel und Textilien oder ihre Produkte werden als Tierfutter verwendet. Allerdings lässt sich so gut wie alles, was bei uns auf dem Teller landet, auch in Biosprit umwandeln. Klingt erst mal praktisch, vor allem wenn man an die aktuellen Ölpreise denkt. Die Europäische Union möchte den Anteil von Treibstoffen aus landwirtschaftlichen Rohstoffen bis zum Jahr 2020 auf 10 Prozent erhöhen. Experten sehen das kritisch.

Wolfgang Hees, Caritas international
Wolfgang Hees, Caritas international

Wolfgang Hees ist Agrar- und Klimaexperte bei Caritas international. Für eine Woche war er beim Weltklimagipfel auf Bali und hat dort mit zahlreichen Experten aus den Bereichen Politik, Klimaforschung und Entwicklungshilfe gesprochen. Sein großes Anliegen: auf die Problematik von Biosprit aufmerksam machen.

Dabei ist er vor allem auf zwei Positionen getroffen: Einmal auf Vertreter von Ländern wie Brasilien, die viel Zuckerrohr für die Ethanolherstellung auf dem Weltmarkt verkaufen wollen und denen es wichtig war, dass Zuckerrohr in die Diskussion um CO2-Einsparungen aufgenommen wird. Auf der anderen Seite hat er mit Vertretern aus Ländern wie Südafrika gesprochen, die sagen: Wir haben ein Ernährungsproblem und deswegen können wir unsere Nahrungsmittel nicht zu Treibstoffen verarbeiten.

Begriff "Agrotreibstoff"
Als Agrotreibstoffe werden Biokraftstoffe bezeichnet, die aus landwirtschaftlichem Anbau stammen. Beispiele dafür sind Biodiesel oder Bioethanol, die aus pflanzlichen oder tierischen Ölen, beziehungsweise aus Biomasse hergestellt werden. Experten, Wissenschaftler und Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen sehen die Verwendung von Biokraftstoffen kritisch. Sie warnen davor, dass durch die Nutzung von Nahrungsmittelpflanzen für die Treibstoffproduktion der Regenwald und die Artenvielfalt bedroht werden. Außerdem kritisieren sie, dass Kleinbauern vertrieben werden und die Zahl hungernder Menschen durch die steigenden Grundnahrungsmittelpreise zunimmt.

1LIVE: Warum finden Sie es problematisch, Biosprit einzusetzen?

Wolfgang Hees: Gerade die EU und die Vereinigten Staaten versuchen, Teile von Benzin und Diesel durch nachwachsende Rohstoffe zu ersetzen. Das Hauptargument dafür ist, dass diese Rohstoffe CO2-neutral seien. Das ist einfach falsch, weil zur Produktion von Agrotreibstoffen ja auch Energie benötigt wird und die Klimabilanz dann oft sogar negativer ist als bei fossilen Treibstoffen. Das andere Problem ist eine große Konkurrenz zwischen Agrotreibstoffen und Nahrungsmitteln. Und da merken wir in unserer Projektarbeit, dass Nahrungsmittel teurer werden und dass das World Food Programm nicht mehr genug Geld hat, um seine Arbeit zu machen.

 Trotzdem ist die Nachfrage nach Biokraftstoffen hoch...

Für die Biokraftstoffe war 2005 das entscheidende Jahr, als US-Präsident Bush den New Energy Act ausgerufen hat. Da stellte sich die Frage: Was passiert mit den Agrarüberschüssen der Vereinigten Staaten? Und da ist man auf die Idee gekommen, diesen Mais in Ethanol umzuwandeln und als Treibstoff zu verbrauchen. Dazu kam natürlich die Krise in den Vereinigten Staaten, dass man gesehen hat, dass die Energiequellen im Nahen und Fernen Osten und in Venezuela nicht sicher genug sind. Zu dieser Zeit hat noch gar keiner davon gesprochen, dass Agrotreibstoffe gut für den Klimawandel sind, da ging es einzig und allein um die Frage: Was machen wir mit unseren Agrarprodukten, die wir auf dem Weltmarkt nicht mehr absetzen können? Und erst 2006 kam die Tendenz dazu, dass man gesagt hat: Das ist ja auch gut fürs Klima. Und dann hat man dieses Argument vorgeschoben.

Den Regenwald abholzen

 Aber das ist ja nicht der einzige Grund, warum Sie Agrotreibstoffe problematisch finden. Es geht ja auch darum, dass - einfach gesagt - Nahrungsmittel in Treibstoffe umgewandelt werden, während gleichzeitig Menschen hungern?

Wir haben ja auch in der deutschen Landwirtschaft gemerkt, dass die Nahrungsmittelpreise stark gestiegen sind im letzten Jahr, wir hatten seit 30 Jahren zum ersten Mal den Fall, dass Getreide während der Getreideernte teurer geworden ist. Wenn man jetzt berechnet, wie sich Grundnahrungsmittelpreise auf Leute auswirken, die ein geringes Einkommen haben, dann gibt es Berechnungen die sagen: Ein Prozent höhere Grundnahrungspreise bedeuten 16 Millionen Menschen mehr, die weltweit hungern müssen. Wir bekommen immer mehr Anfragen aus Ländern wie Haiti, Burundi, Südafrika und aus dem asiatischen Raum, ob wir Unterstützung bei der Ernährung der Bevölkerung leisten können. Ein ganz plastisches Beispiel aus Burundi, wo wir mit dem World Food Programm zusammen ein Aids-Programm finanziert haben: Dort musste sich das World Food Programm zurückziehen, weil die Versorgung der Patienten nicht mehr finanziert werden konnte. Dadurch konnte das Aids-Programm nicht mehr richtig durchgeführt werden und viele Menschen sind gestorben, weil man die Aids-Medikamente nur verabreichen kann, wenn die Menschen gut verpflegt sind.

Jetzt hat der Anbau von Rohstoffen ja nicht nur Auswirkungen auf die Ernährung in der Dritten Welt, sondern auch auf die Wirtschaft, da die Rohstoffe nicht nur in den USA oder Europa angebaut werden.

 Man muss ganz klar sagen: Wenn Europa sich selber mit Agrotreibstoffen versorgen wollte, dann müsste Europa dreimal so groß sein. Das heißt wir haben ganz klar die Notwendigkeit, diese nachwachsenden Rohstoffe zu importieren. Damit heizen wir natürlich den Bodenmarkt und die Produktion in den entsprechenden Ländern an. Dann gibt es zwei Prozesse, die man in den beiden größten Agrotreibstoffländern sehen kann. Zum einen haben wir in Indonesien eine extreme Zunahme von Regenwaldabholzung, um dort die afrikanische Palme anzubauen, die dann zu Palmöl verarbeitet wird. In Verbindung damit wird wahnsinnig viel CO2 freigesetzt, weil diese Regenwälder verbrannt werden und zum großen Teil auf Torfböden stehen, die vorher als CO2-Senker gedient haben. Einen anderen Prozess kann man in Brasilien beobachten, wo die besten Böden zur Zuckerrohrproduktion genutzt werden. Da verkaufen die traditionellen Viehzüchter ihr Land zu hohen Preisen, damit auf diesen guten Böden dann Zuckerrohr angebaut werden kann. Mit dem Geld, dass die Viehzüchter daran verdienen, gehen sie ihrerseits an den Amazonas und roden dort Regenwald, um dort dann wieder Vieh zu züchten.

Lobbyarbeit und CO2-Handel

Aber, wenn man sich die hohe Nachfrage nach Agrotreibstoffen anschaut, ist der Anbau von Rohstoffen nicht auch eine Chance für die Wirtschaft der Länder?

 Was die Handelsbilanz der Länder angeht, ist es schon eine Chance für die Länder. Da muss man allerdings sagen, dass es den reicheren Einkommensgruppen in diesen Ländern Gewinn bringt und diese Gewinne werden letztendlich nicht umverteilt. Es sind am Ende wieder nur die Großinvestoren, die von der Nachfrage nach Agrotreibstoffen profitieren.

 Bildet sich da gerade eine Art "Grüne OPEC"?

 Es wird so was geben. Die Interessensgruppen auf Bali haben versucht, an einem Strang zu ziehen, und die werden sich mit Sicherheit stärker zusammenschließen, um dann als Akteur gemeinsam aufzutreten. Da trägt es natürlich dazu bei, dass es in der EU den Vorschlag gibt, zehn Prozent des Treibstoffes durch nachwachsende Rohstoffe zu ersetzen. Das dient einmal der Lobbyarbeit und lohnt sich auf der anderen Seite auch beim CO2-Handel.

Einen Menschen für 1.000 km ernähren

Bedeutet das nicht eigentlich, dass wir hier unser Auto mit Biosprit füllen, um damit die Umwelt zu schützen, in Wirklichkeit aber dazu beitragen, dass Regenwald abgeholzt wird, Menschen ihr Land verlieren und im Zweifel sogar hungern müssen?

 Ich würde sogar noch weiter gehen. Man sorgt dafür, dass das Land noch ungerechter verteilt wird. Wir haben eine Landkonzentration. Leute werden vertrieben, und wir gehen davon aus, dass viele Menschen in Brasilien, Guatemala oder Kolumbien ausgebeutet werden und unter Bedingungen arbeiten, die denen der Sklaverei sehr ähnlich sind. Auf der anderen Seite sollte man das aber auch nicht alles nur schwarz-weiß malen. Es gibt auch Möglichkeiten, nachwachsende Rohstoffe sinnvoll in Betriebskreisläufe einzubringen, so wie das zum Beispiel mit Biogasanlagen hier in Deutschland funktioniert, wo Schweine- oder Rindergülle oder minderwertiges Getreide verwertet wird. Es gibt also auch Bereiche, bei denen man sagen kann, es ist sinnvoll, Rohöl zu produzieren. Aber der Boom, den wir jetzt haben, der läuft eindeutig auf Kosten der armen, kleinbäuerlichen Bevölkerung weltweit.

Sie haben von der Konkurrenz zwischen Agrotreibstoffen und Nahrungsmitteln gesprochen - haben Sie dafür ein Beispiel?

Es gibt eine Berechnung für Mais-Ethanol, also Mais-Benzin, wo man sagt: Mit 700 Kilogramm Mais kann man ungefähr 1.000 Kilometer Auto fahren. Und 700 Kilogramm Mais kann man dann wieder umrechnen auf die Ernährung einer Person. Natürlich würde man niemanden allein mit Mais ernähren, aber die Kalorieneinheit würde reichen, um einen Menschen ein ganzes Jahr lang zu ernähren.

 Dezember 2007. Mit freundlicher Genehmigung des Westdeutschen Rundfunks, 1live


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