Welternährungsgipfel in Rom
Dreitägige Konferenz vom 16. bis 19. November 2009
Noch nie haben so viele Menschen Hunger gelitten, wie derzeit. Ihre Zahl ist auf 1,02 Milliarden gestiegen, so die Welternährungsorganisation FAO, die zu dem Gipfel in Rom eingeladen hat. Das bedeutet, dass jeder siebte Mensch auf der Welt hungert.
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| Lebensmittelverteilung der Caritas Goma / Kongo |
Caritas Internationalis und CIDSE ( ein Zusammenschluss katholischer Entwicklungshilfeorganisationen) leiten auf dem Welternährungsgipfel
einen Workshop, der die Bedeutung der Kleinbauern-Förderung für die weltweite Nahrungssituation thematisiert. Lesen hier das
entsprechende Positionspapier (englisch).
Auf dem Welternährungsgipfel in Rom ist außer dem gastgebenden Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi ist kein Regierungschef
eines führenden Industriestaates anwesend. Dabei möchte der Generaldirektor der Welternährungsorganisation Jacques Diouf für
eine Umschichtung innerhalb der allgemeinen Entwicklungsausgaben werben. Dadurch könnten die 30 Milliarden Euro zur Verfügung
stehen, die jährlich benötigt werden, um den Hunger in der Welt wirksam zu bekämpfen.
Die Ursachen für die Notlage sind vielfältig: Die gestiegene Nachfrage nach Nahrungsmitteln in China und Indien ist eine davon.
Immer mehr Konsumenten in Schwellenländern können sich Fleisch und Milchprodukte leisten, für deren Produktion mehr Getreide
verfüttert werden muss. Ein weiterer Grund sind die sich verschlechternden Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft durch
den Klimawandel, deren Folge auch Dürren und Überschwemmungen sind. Am gravierendsten wirkt sich jedoch nach Ansicht von Experten
der Boom der Agrotreibstoffe aus, der vor allem durch die gestiegenen Energiepreise geschürt wird. [siehe hierzu auch: Volle Tanks-leere Teller...]
Die ursächlichen Zusammenhänge zwischen beiden Tatbeständen - Agrotreibstoffe hier, Hunger in der so genannten Dritten Welt
dort - sind kaum bestritten: Der Ölpreis ist hoch und wird voraussichtlich nicht wieder sinken. Das ist der Grund dafür, dass
der Anbau von erneuerbaren Energieträgern wie Raps und Palmöl, aus denen Ethanol bzw. Agrotreibstoff gewonnen werden kann,
immer lohnender wird.
Drehen an der Preisspirale
Da sich praktisch alles, was wir essen, auch in Treibstoff umwandeln lässt, entsteht also eine neue, fatale Konstellation: Je höher die Ölpreise steigen, umso attraktiver werden die Marktchancen für Agrotreibstoffe. Da sich jedoch höhere Preise für diese erneuerbaren Energieträger erzielen lassen, verdrängen sie die Nahrungsmittelproduktion. Auf eine einfache Formel gebracht, lässt sich feststellen: Verheizter Weizen bringt den Bauern mehr Gewinn als Brotweizen. Dadurch werden Nahrungsmittel knapp und damit teurer.
Für viele Bevölkerungsschichten in Asien, Lateinamerika und Afrika unerschwinglich teuer. Das haben die Unruhen aufgrund der Preissteigerungen im März in Kamerun und Burkina Faso gezeigt. Schätzungen zufolge sind bei diesen Aufständen mindestens 30 Menschen gestorben, manche Quellen sprechen sogar von 100 Toten. Seit Anfang April werden Unruhen aus Haiti gemeldet, wo vier Menschen ums Leben kamen, als sie gegen die hohen Lebensmittelpreise rebellierten. Auch in Ägypten, Indonesien, der Elfenbeinküste, Mauretanien, Mosambik und im Senegal regt sich in der jüngsten Vergangenheit Protest.
Was ist der Auslöser dieser Hungerrevolten? Zwei Beispiele: In Kamerun rebellierten die Massen, weil innerhalb von zwei Monaten die Preise für Grundnahrungsmittel um bis zu 65 Prozent gestiegen waren. In Haiti, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre, sind laut World Food Program1,7 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Aufgrund der dramatischen Steigerungen der Preise kann das WFP diese Lieferungen jedoch nicht mehr in dem gewohnten Umfang leisten.
Niemand müsste hungern
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| Quasi über Nacht wurden in dem Projekt für Aidskranke in Burundi die Lebensmittel knapp. Die Folge: Die Sterberate ist um das dreifache angestiegen |
In Lateinamerika und Asien sieht die Situation nicht viel besser aus, nur sind die Menschen dort bislang weitgehend ruhig geblieben. In Bangladesch beispielsweise, einem der ärmsten Länder der Welt, haben sich die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis, Mehl oder Speiseöl laut Angaben des nationalen Verbraucherverbandes in nur einem Jahr um bis zu 45 Prozent erhöht. In der gesamten Dritten Welt sind seit der Jahrtausendwende die Lebensmittel-Importkosten um 90 Prozent angestiegen. Wer mit weniger als 30 Euro im Monat auskommen muss, wie Hunderttausende von Rikschafahrern in Bangladesch, ist damit akut vom Hunger bedroht.
Denn für die ärmsten Länder, die bis zu 50 Prozent ihres Nahrungsmittelbedarfs mit Importen decken, sind die steigenden Lebensmittelpreise
katastrophal. Laut Welternährungsorganisation FAO leiden derzeit 854 Millionen Menschen chronisch an Hunger. Vor allem in
Afrika, aber auch im Nahen Osten, Zentralamerika und Teilen Südasiens hungern immer mehr Menschen. Die FAO warnt, dass 2,1
Millionen Menschen dringend Nahrungsmittelhilfe benötigen. Dabei könnte weltweit theoretisch jeder Mensch mit einer täglichen
Ration von 2.800 Kalorien versorgt werden. Dass das nicht gelingt, liegt schon heute unter anderem daran, dass ein großer
Teil der landwirtschaftlichen Fläche nicht für die Nahrungsmittelproduktion verwandt wird. Experten sagen voraus, dass der
Agrotreibstoff-Boom die Konkurrenz um knappe Anbauflächen zwischen Nahrungsmittel, Tierfutter und Pflanzung zur Energiegewinnung
noch weiter wachsen lassen wird.
Dass es sich dabei längst nicht mehr nur um eine abstrakte Gefahr handelt, zeigt die tägliche Projektarbeit von Hilfswerken
wie Caritas international. In Burundi beispielsweise versorgt Caritas heute das Zentrum "Neue Hoffnung für Aidskranke - Nouvelle
Esperance" in der Hauptstadt Bujumbura mit monatlich 70 Tonnen Lebensmitteln. Sie werden an Aids-Betroffene verteilt. Das
war notwendig geworden, weil das Welternährungsprogramm (WFP) sich Ende 2006 über Nacht aufgrund der eigenen Engpässe aus
dem Projekt zurückgezogen hatte. [siehe auch: Das Projekt Nouvelle Esperance...]
Biotreibstoff als Klimakiller
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| Palmöl ist ein Lebensmittel! Als "Biosprit" verheizt, fehlt es hier zur Ernährung |
Diese bedenkliche Entwicklung wird seitens der Wirtschaftsmächte zusätzlich geschürt. Vor allem die Europäische Union und die Vereinigten Staaten treiben die steigende Nachfrage nach Agrotreibstoffen mit politischen Maßnahmen voran. Die Europäische Union möchte bis ins Jahr 2020 den Anteil von Agrotreibstoffen auf zehn Prozent erhöhen. Deutschland ist dabei der Vorreiter. Bereits jetzt sind 1,13 Millionen Hektar Rapsflächen für die Gewinnung von Agrodiesel im Anbau. Die seit Anfang 2007 geltende Pflicht zur Beimischung von 4,4 Prozent Agrodiesel hat zu einem Anstieg des Verbrauchs auf 856 000 Tonnen im ersten Halbjahr 2007 geführt.
Die Kehrtwende von Umweltminister Sigmar Gabriel, die dazu führt, dass die Bundesregierung zumindest ihre Pläne stoppt, dem
Benzin künftig 10 Prozent des sogenannten "Bio"kraftstoffs beizumischen, ist ein richtiger und überfälliger Schritt. Wenig
überzeugend allerdings ist die Begründung, die auf die Unverträglichkeit des Agrotreibstoffes für deutsche Autos verweist.
Richtig wäre es gewesen, einzugestehen, wie klimaschädlich der Anbau von Energiepflanzen ist. Im Schwellenland Brasilien beispielsweise,
das schon seit den 1970er-Jahren aus Zuckerrohr Ethanol gewinnt, liegt der Ethanol-Anteil am gesamten Treibstoffverbrauch
heute bei 13 Prozent. Er dürfte, schätzt die Internationale Energie-Agentur, bis 2030 auf rund 30 Prozent wachsen. Indonesien
und Malaysia setzen derweil auf Palmöl. Die Pläne der indonesischen Regierung sehen die Ausweitung der Anbauflächen um 200
000 Quadratkilometer bis ins Jahr 2020 vor. In beiden Ländern geht der Anbau auf Kosten des Regenwaldes.
Die Folgen dieser Politik sind verheerend:
- Ökologisch wertvolle Flächen werden gerodet und in Monokulturen umgewandelt.
- Wenn kostbarer Primärwald in Indonesien und Brasilien gerodet und somit zuvor gebundenes Kohlendioxid freigesetzt wird, wie
es derzeit geschieht, ist die Klimabilanz der Agrotreibstoffe negativ.
- Da die Monokulturen zudem mit Umweltgiften gegen Schädlinge gespritzt und mit Stickstoff gedüngt werden müssen, entsteht Lachgas,
das sich mehr als 300 Mal so schädlich auf das Klima auswirkt wie Kohlendioxid.
- Die Monokulturen sind nur für Multinationale Konzerne ein Geschäft. Kleinbauern profitieren nicht, im Gegenteil: Vielfach werden sie vertrieben.
Ein Prozent Preissteigerung bedeutet 16 Millionen Hungernde
Nicht nur Caritas international, sondern auch die Welternährungsorganisation FAO befürchtet in ihrem jüngsten, halbjährlich publizierten Ernährungsbericht "Food Outlook", dass auch "die traditionelle Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln zugunsten der Agrartreibstoffe zurückgehen könnte, aus dem einfachen Grund, dass deren Marktpotential weit höher eingeschätzt wird". Was diese Prognosen für die Ernährung der Armen auf der Welt bedeuten könnten, veranschaulichen die beiden US-amerikanischen Ökonomen C. Ford Runge and Benjamin Senauer. Sie waren in einer 2003 veröffentlichen Studie zum Schluss gekommen, dass unter Voraussetzung konstanten wirtschaftlichen und ökonomischen Wachstums und weiterer Produktivitätsfortschritte in der Landwirtschaft, die Zahl der Hungernden bis 2025 um 23 Prozent auf 625 Millionen sinken werde. Vier Jahre später hat sich diese Prognose wegen der steigenden Nachfrage für Agrotreibstoffe dramatisch verändert. "Die Zahl der Hungernden erhöht sich mit jedem Prozent Preissteigerung für Grundnahrungsmittel um 16 Millionen. Das bedeutet, dass im Jahr 2025 1,2 Milliarden Menschen hungern könnten - 600 Millionen mehr als wir 2003 prognostizierten", so Runge und Senauer.
Die UN-Millenniumsziele, die eine Halbierung der Zahl der hungernden Menschen bis zum Jahr 2015 vorsehen, sind angesichts dieser Entwicklung kaum mehr zu erreichen.
November 2009




