Bolivien: Gesellschaftliche Teilhabe für Menschen mit Behinderung
Der Erlös der bundesweiten Caritas-Aktion "Eine Million Sterne" wird im Jahr 2011 in nach Bolivien fließen: Das Modellprojekt der Caritas fördert Menschen mit Behinderung.
Foto: Caritas international / Daniel Espejo Blanco
Rolando (16) kam als viertes Kind zur Welt. Doña Vicenta, seine Mutter, verdiente den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder als Marktfrau in La Paz. Schon morgens um vier Uhr verließ sie das Haus, um gute Ware einzukaufen, die sie dann an ihrem Marktstand weiterverkaufte. Tag für Tag trug sie die schweren Lasten, ungeachtet der Schwangerschaft. Die Folge war, dass Rolando als Frühgeburt und ohne Hilfe einer Hebamme zur Welt kam. Die Mutter brachte das Baby ins Krankenhaus, weil die Beinchen stark verkrampft waren. Die Ärzte stellten eine frühkindliche Zerebralparese fest und wollten es dort behalten. Aber, so erzählt Doña Vicenta, sie hatte nicht genug Geld, so dass sie den mehrfach behinderten Kleinen wieder mit nach Hause nahm. Seine Mutter plagen bis heute Schuldgefühle wegen der ungünstigen Geburtsumstände, die vielleicht zu seiner Behinderung geführt haben könnten.
Die meiste Zeit seines jungen Lebens wuchs Rolando versteckt und ohne Kontakte zur Außenwelt auf. Seine Mutter befürchtete, dass fremde Menschen ihm Schaden zufügen oder sich über ihn lustig machen könnten. Wenn man schon nichts für ihn tun konnte, dann sollte er wenigstens in Ruhe gelassen werden, bis er irgendwann sterben würde. Die Mitarbeitenden der Caritas wurden auf die Familie aufmerksam, als Doña Vicenta eines Morgens schwer krank im Bett lag und nicht mehr arbeiten konnte. "Sie kamen und besorgten Medikamente für mich. Sie gaben mir den Mut und die Kraft, wieder gesund werden zu wollen", berichtet Doña Vicenta. Eine ehrenamtliche Caritas-Mitarbeiterin kam danach regelmäßig zu Besuch und machte Übungen mit Rolando. Nach und nach lernte die Mutter, wie sie selbst Rolando zu mehr Selbstständigkeit verhelfen kann. Heute hat sie einen Förderplan. Regelmäßig massiert sie Rolandos Füße und Unterschenkel, um seine verkrampften Gliedmaßen zu lockern und zu kräftigen. Rolando ist ein ruhiger Junge. Er wird von Tag zu Tag mobiler. Und er hat verstanden, dass die schmerzhaften Übungen nötig sind zu seinem eigenen Wohl. Seine Mutter arbeitet weiterhin sehr hart und verdient mit Röstbohnen gerade mal das Lebensnotwendige. Aber sie hat wieder Mut gefasst, weil sie sieht, wie gut Rolando sich entwickeln kann.
Seit 2006 führt die Caritas in den Bistümern La Paz, El Alto, Coroico und Achacachi Modellprojekte zur Unterstützung, Förderung und Inklusion von Menschen mit Behinderung durch. Das Ziel ist, die Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderung in diesen Regionen Boliviens nachhaltig zu verbessern. Sie sollen ein möglichst selbständiges Leben führen können. Da es nur wenige spezialisierte Einrichtungen gibt, werden betroffene Eltern und Familienangehörige geschult und unterstützt, ihre behinderten Kinder zu Hause zu fördern und ihnen zu mehr Eigenständigkeit zu verhelfen.
Fachkräfte der Caritas suchen nach Freiwilligen in den Gemeinden, die sie unter Einbeziehung von betroffenen Familienangehörigen
in der Behindertenhilfe aus- und weiterbilden. Auf diese Weise stärken sie in einem Schneeballsystem die Selbsthilfekräfte
in Familien und Gemeinden. Aufklärung über Ursachen und Folgen von Behinderung, die soziale Integration und die Einforderung
der Rechte von Menschen mit Behinderung sind unerlässliche Voraussetzungen, um deren Lage dauerhaft zu verbessern.
Die Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen, Kundgebungen, Bildungsangebote sowie die Gründung und Vernetzung von Selbsthilfegruppen
tragen dazu bei. In Bolivien entstand so mit Unterstützung der Caritas die erste Selbsthilfe-Initiative "Jachá Uru" (Der große
Tag) von Eltern, Angehörigen und Betroffenen. Gemeinsam setzen sie sich gegenüber Behörden und staatlichen Stellen für die
Rechte der Menschen mit Behinderung ein und leisten Aufklärungsarbeit.
Diese Modellprojekte der „gemeindebasierten Rehabilitation für Menschen mit Behinderung“ werden von Caritas international und der deutschen Bundesregierung finanziert.
Im Jahr 2010 wurden im Rahmen des Projektes beispielsweise:
- 202 Kinder betreut und bei ihrer Eingliederung in Regelschulen begleitet
- 347 Menschen mit Behinderung in lokale Gesundheitsdienste eingegliedert, um ihre medizinische Versorgung zu sichern
- 199 Menschen mit Behinderung bzw. ihre direkten Angehörigen durch Einkommen schaffende Maßnahmen unterstützt und 92 weitere in bezahlte Beschäftigungsverhältnisse vermittelt
Die Hilfe der Caritas für Menschen mit Behinderung hat vier Säulen
Neben der konkreten Hilfe für Betroffene geht es darum, auf Gesellschaft und Politik einzuwirken, um die Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderung dauerhaft zu verbessern.
von Eltern, Angehörigen und Betroffenen
Foto: Caritas international / Daniel Espejo Blanco
Rehabilitation: Freiwillige und Familienangehörige lernen einfache spielerische und therapeutische Übungen, um sie mit den behinderten Kindern
oder Erwachsenen durchzuführen. Gerade bei Kindern mit Behinderung ist die Frühförderung extrem wichtig, damit sie ihre physischen
und geistigen Kräfte und Fähigkeiten bestmöglich entwickeln können.
Die einheimischen Caritas-Mitarbeitenden sind äußerst engagiert und motiviert und bieten für die Freiwilligen regelmäßige
Schulungen an. Der Austausch untereinander hilft ihnen, ihre oft bedrückenden Erfahrungen zu verarbeiten.
Integration: Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen werden in die eigene Familie, in Regelschulen, Regelausbildungsstätten, Arbeitsstellen
und Entwicklungsprojekte integriert. Eltern, Lehrer und Arbeitgeber erhalten professionelle Hilfe und Begleitung durch die
Fachkräfte der Caritas sowie durch eigens hierfür geschulte Freiwillige.
Öffentlichkeitsarbeit: Noch immer sind mangelnde Aufklärung und Information die häufigsten Probleme der Betroffenen. Kulturell bedingt ist die Vorstellung
weit verbreitet, dass Behinderung ansteckend sei. Die Geburt eines behinderten Kindes wird häufig als Schande angesehen. Es
ist eine wichtige Aufgabe, diese negative Einstellung der Menschen zu ändern. Durch Vorträge in Gemeinden, Schulen und Gesundheitszentren
sollen diese Vorurteile überwunden werden.
Die Sozialarbeiter klären Dorfbewohner, Eltern und Lehrer über Ursachen und Folgen von Behinderung auf. Im Kontakt mit den
Schulen geht es ihnen darum, Schulrektoren und Lehrer zu überzeugen, dass sie Kinder mit Behinderung in die Regelschulen aufnehmen.
Gut ausgebildete Lehrkräfte sind nötig, um den Schulbesuch als solchen ebenso wie eine qualitativ gute Ausbildung zu gewährleisten.
Caritas Mitarbeitende informieren ihre Kollegen im staatlichen Gesundheitsdienst zu Themen wie „Alarmzeichen für Entwicklungsstörungen
und Behinderungen“.
Netzwerk- und Lobbyarbeit: Netzwerke von Vertretern öffentlicher, kirchlicher und privater Einrichtungen und Organisationen setzen sich gemeinsam mit
Menschen mit Behinderungen für deren Rechte ein. Ziel ist, auf die politisch Verantwortlichen in Kommunen, Präfekturen und
der Zentralregierung einzuwirken, damit sie die bestehende Gesetzgebung für Menschen mit Behinderung respektieren und deren
Situation verbessern. Dabei haben sich die Zusammenarbeit und der grenzüberschreitende Erfahrungsaustausch zwischen den Verantwortlichen
ähnlicher Projekte in anderen süd- und mittelamerikanischen Ländern (El Salvador, Honduras und Nicaragua) in den vergangenen
Jahren als sehr hilfreich erwiesen. Das Ziel ist, dass Menschen mit Behinderung, Eltern und Angehörige zu Protagonisten werden,
die ihre eigenen Interessen vertreten und ihre Rechte gegenüber staatlichen Behörden und anderen Institutionen selbst einfordern
können. Sie sollen langfristig unabhängig von der Unterstützung der Caritas werden.
Oktober 2011

