Bolivien: Gesellschaftliche Teilhabe für Menschen mit Behinderungen
Portraits von Betroffenen
Foto: Caritas international
Cristian (12) wird durch das Caritas-Projekt für Menschen mit Behinderung gefördert und begleitet seit er fünf Jahre alt ist. Cristian hat noch sechs Geschwister. Schon von Geburt an sei er ein Problemkind gewesen, berichtet seine älteste Schwester. Die Familie meint, die Mutter habe während der Schwangerschaft einen Schock erlitten oder unwissentlich etwas zu sich genommen, was dem Embryo geschadet hätte. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber hatte Cristian Kinderlähmung. Erst als er drei Jahre alt war, wunderte sich die Familie, dass Cristian nicht laufen lernte und nur mit Mühe krabbelte. Sie versuchten ihn auf seine Beinchen zu stellen, aber er fiel sofort wieder hin. Cristians Schwester erzählt, er sei das Sorgenkind der Familie. Das Schicksal müsse Großes mit ihm vorhaben, denn schon dreimal wäre er nur um Haaresbreite dem Tod entronnen. Dank der Unterstützung durch die Mitarbeitenden der Caritas entwickelte sich Cristian sehr gut. Mit sechs Jahren wurde er in die Regelschule aufgenommen. Die Mitarbeitenden der Caritas redeten mit dem Schulleiter, hielten Vorträge für die Lehrer und bereiteten die Schülerinnen und Schüler darauf vor, dass sie einen neuen Mitschüler mit Gehbehinderung bekamen. Cristian muss weiterhin regelmäßig seine physiotherapeutischen Übungen machen. Aber er kann heute - wenn auch noch mit Schwierigkeiten – ohne fremde Hilfe laufen. Aus dem Sorgenkind der Familie ist ein selbständiger, lebensfroher und aufgeweckter Junge geworden.
Oscar
Foto: Caritas international
Oscar (7) wurde mit offenem Rücken geboren. Seine Mutter erzählt, dass er als Frühgeburt zur Welt kam. Als er zwei Wochen alt war, fand sie ihn wie gelähmt in seinem Bettchen. Das Baby wurde ins Krankenhaus und in den Brutkasten gebracht. Doch Oscar hat noch vier Geschwister, die Familie war arm und das Krankenhaus teuer. Schnell waren alle Ersparnisse erschöpft und die Mutter holte Oscar nach Hause. Sein erstes Lebensjahr verbrachte der kleine Oscar bewegungslos im Bett, bis er plötzlich und unerwartet anfing sich zu bewegen und auf äußere Reize zu reagieren, wie andere Kinder in seinem Alter. Oscar sei das einzige "kranke Kind" der Familie, meint seine Mutter.
Oscars Familie lebt in sehr beengten Verhältnissen. Die sechsköpfige Familie teilt das kleine Haus an der Peripherie von El Alto mit weiteren Verwandten und Bekannten. Seit Oscar zwei Jahre alt ist, wird er von den Mitarbeitenden der Caritas begleitet und gefördert: Sie zeigten der Mutter physiotherapeutische Übungen, sie fertigten für den Kleinen Gehhilfen an, einen Stuhl, in dem er aufrecht sitzen lernte und erfanden Spiele, die ihn zum Laufen animierten. Oscar machte schnell Fortschritte in seiner Entwicklung. Bald brachten die Caritas-Mitarbeitenden einen Gehwagen und Beinschienen, damit Oscar richtig laufen lernen würde. Heute läuft Oscar ohne fremde Hilfe! Und die Mutter hofft, dass er auch eines Tages seine Blasen-Inkontinenz meistern wird.
Inzwischen geht Oscar in die zweite Grundschulklasse. Er braucht besondere pädagogische Unterstützung, da er sehr langsam lernt. Sein Klassenlehrer fordert ständig, Oscar solle auf eine Sonderschule geschickt werden. Auch seine Mutter meint, „er vergisst gleich alles wieder, was er gelernt hat“. Vor diesem Hintergrund tun die Mitarbeitenden der Caritas ihr Möglichstes, damit die Mutter den Mut nicht verliert und Oscar weiterhin so gut wie möglich fördert. Denn sie wissen, dass Oscar im Vergleich zu Gleichaltrigen keine Entwicklungsverzögerung hat. Er ist bloß ein schüchterner Junge. Und er hat in der Schule schon einige Freunde gefunden.
Adriana
sie ein eigenständiges Leben.
Foto: Caritas international
Adriana (16) ist auf dem Land aufgewachsen und war bis zu ihrem achten Lebensjahr ein gesundes und munteres Kind. Dann erkrankte sie an einer Geschwulst im Gehirn, die operativ entfernt werden musste. Danach war Adriana rechtsseitig gelähmt und blind. Als das Mädchen aus dem Krankenhaus kam, ging sie nicht mehr zur Schule und verbrachte fortan ihre Tage im Haus. Ihre einzige Unterhaltung war das Radio. Sie hörte ununterbrochen Musik, eine Leidenschaft, die sie bis heute bewahrt hat. Ihre Eltern fanden sich mit dieser Situation ab. Als ein Mitarbeiter der Caritas Adrianas Familie zum ersten Mal besuchte, hatte das Mädchen keinerlei therapeutische Hilfsmittel, nicht einmal einen Stock, um sich zu orientieren und sich ohne fremde Hilfe zu bewegen.
Adrianas Erblindung bedeutete für die Caritas-Mitarbeitenden eine neue Erfahrung und besondere Herausforderung. Der Caritas-Mitarbeiter wurde auf Fortbildung geschickt. Er unterrichtete Adriana und schließlich auch ihre Eltern in der Braille-Schrift. Seine Frau und er luden Adriana oft zu sich nach Hause ein, so dass sie bald wie eine Tochter für ihn wurde.
Durch regelmäßige Physiotherapie ist von Adrianas halbseitiger Lähmung nur noch eine kaum wahrnehmbare Bewegungseinschränkung übrig geblieben. Inzwischen setzt sie ihre Ausbildung in einer Schule für Blinde und Sehbehinderte in La Paz fort, wo sie kostenlos wohnen darf. Adriana ist unendlich dankbar für die Hilfe, die sie erhalten hat. Heute streift sie nur mit ihrem Stock als Orientierungshilfe und ohne Angst durch die Straßen von La Paz. Und manchmal, wenn das Heimweh sie packt, fährt sie nach Hause zu ihren Eltern und steht dann plötzlich als Überraschungsgast bei ihnen vor der Tür.
September 2011

