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New born Country

Zehn Jahre nach dem Krieg - eine Reise in den Kosovo  

Von Andrea Hitzemann

In den Jahren seit den ersten Bombardments im Kosovokrieg hat sich die Gesellschaft grundlegend geändert. Das stellt Andrea Hitzemann bei ihrer Reise auf den Spuren der "Karitasi Gjerman", der Deutschen Caritas im Kosovo fest.

Ein Jahr ist dieses Land jetzt alt, das jüngste in Europa: NEW BORN steht in riesigen dreidimensionalen Buchstaben mitten in Pristina, der Hauptstadt. Ein buntes Durcheinander verschiedenster Baustile, auf sanften Hügeln mit breiten oder schmalen, immer aber verstopften Strassen, viele mehrstöckige Gebäude mit und ohne Glasfassade, einzelne niedrigere Geschäftshäuser, viel Bautätigkeit, noch auszubessernde Gehwege, zahlreiche halbfertige Gebäude jeden Stils, so als wolle jeder Architekt ausprobieren, welches Haus am besten zu diesem "new born country" passt.

Neben den zahlreichen Traglufthallen auf freiem Feld, in denen Fußball gespielt wird, fallen in erster Linie die vielen Autohändler auf: ob Neu- oder Gebrauchtwagen, die deutschen Marken werden offensichtlich bevorzugt. Und allerorten warten hohe Schrottberge nicht mehr fahrbarer vierrädriger Untersätze darauf, ausgeschlachtet zu werden. An jeder Straßenecke sitzen Männer in einem der zahlreichen Cafés, trinken Espresso, rauchen und unterhalten sich angeregt. Es herrscht kein Rauchverbot im Kosovo und Rauchen scheint genauso zum Volkssport zu gehört, wie Autofahren.

Augenfällig ist der gewaltige Neubau der Kirche in Pristina. Im September will der Bischof von Prizren aus dem Südwesten des Landes nach Pristina, der Hauptstadt in der Landesmitte umziehen. Die neue Kirche soll ein Begegnungszentrum der verschiedenen Religionen werden und damit aktiv zum Frieden und zur Verständigung zwischen den Volksgruppen beitragen. Dies sei ein wichtiges Zeichen, sagt Monsignore Dode Gjergji der Bischof vom Kosovo. Er spricht sehr gut deutsch, so wie andere Priester in den 23 Pfarreien auch. Er kennt die Caritas aus Deutschland gut und hat die Hoffnung, dass mit ihrer Hilfe auch die Nationale Caritas im Kosovo aufgebaut und gestärkt wird.

Lebendige Erinnerungen

Ja, die Karitasi Gjerman ist gut bekannt im Kosovo: Zuerst waren da die vielen Flüchtlinge, die 1998 an der Grenze in Mazedonien versorgt werden mussten, damit sie im Winter nicht auf freiem Feld erfrieren. Das Regime Milosevic des damaligen Jugoslawien hatte damit angefangen, die albanischen Bauern gewaltsam aus dem Kosovo zu vertreiben. Auch viele deutsche Diözesanverbände halfen damals mit Personal in den Camps.

Dann kam die Nato und bombardierte die serbischen Stellungen im Kosovo, und 79 Tage später, im Herbst 1999 kamen die Flüchtlinge zurück, obwohl ihre Häuser zerstört und verbrannt waren. "Die Caritas aus Deutschland war die erste Organisation, die da war und uns half!", sagen die Leute auch noch heute - zehn Jahre nach den Bombardements.

Schon wenige Tage nach der Zerstörung waren die ersten der insgesamt über 900 Häusern in den Dörfern um Prizren wieder soweit hergestellt, dass zumindest ein Raum bewohnbar war und die Küche genutzt werden konnte. Dort, wo dies nicht möglich war, hat Caritas zumindest fürs Erste isolierte Winterzelte aufgebaut oder einfache Holzgebäude zusammengezimmert.

Von der abenteuerlichen Beschaffung der schwer zu bekommenden Baumaterialien erzählen die ehemaligen Mitarbeiter und Lieferanten der Caritas noch heute: viel Glück, die richtigen Freunde und vor allem auch 'Spezialpapiere' für die Grenzen, waren notwendig. Das schweißt zusammen und die Erzählungen füllen auch nach zehn Jahren noch viele Abende. Unermüdliche deutsche Architekten und Bauingenieure prüften Qualität und Ausführung der Arbeiten, denn schließlich sollten die Menschen nicht nur zu Übergang wieder in ihre Häuser einziehen. Und für insgesamt 63 Millionen D-Mark Spenden will man auch Qualität sehen.

Die Straßen nach Bulgarien, Mazedonien, und Albanien, waren sehr schlecht damals und mehr als einmal mussten kritische Situationen mit Mut und Einfallsreichtum gemeistert werden. Die Menschen im Kosovo vergessen das nicht und die Gastfreundschaft ist auch heute noch grenzenlos: auf Caritas international und die deutsche Caritas kann man sich verlassen und die Zusammenarbeit ist fair.

Inzwischen ist die akute Not zwar gelindert und überall im Kosovo entstehen Schritt für Schritt neue und größere Häuser mit Hilfe der Überweisungen der ca. 400.000 Auslandsalbaner, die hauptsächlich in der Schweiz und in Deutschland leben und arbeiten.

Die Geschichte ist noch nicht aufgearbeitet

Und aller Aufbruchstimmung zum Trotz: der Frieden ist noch brüchig. Denn nach der Rückkehr der Kosovoalbaner wurden die Serben aus dem Kosovo vertrieben, ihre Häuser wurden angezündet und die orthodoxen Kirchen zerstört. "Die Kirche hat sich bis heute noch nicht von dem Regime Milosevic distanziert. Das vergibt man ihr nicht so schnell", sagt Monsignore Gjergji, der katholische Bischof, der bis September noch in Prizren residiert. Serbische Lehrer könnten nicht mehr zurückkommen, denn es gäbe in vielen Orten keine serbischen Kinder mehr.

Stacheldraht um orthodoxe Kirchen und internationale Militäreinheiten, die orthodoxe Klöster schützen, bestimmen das Bild im Kosovo von 2009. Die vertriebenen Serben sind nicht mehr zurückgekommen, aber in einigen Dörfern leben beide Bevölkerungsgruppen noch gemischt und friedlich zusammen. Das Misstrauen bleibt aber und bisher hat auch die Caritas Kosovo, in der Albaner und Serben, Muslime und Katholiken arbeiten, die jüngste Geschichte noch nicht aufgearbeitet.

Die KFOR Truppen und vor allen Dingen auch die deutschen Einheiten, die seit zehn Jahren um Prizren herum stationiert sind, pflegen gute Beziehungen zur Bevölkerung -und auch zum albanischen, deutschsprachigen, Bischof. Und so gibt es viele Gründe für Jugendliche im Kosovo Deutsch zu lernen. Die Arbeitslosigkeit ist groß und über 50 Prozent der Bevölkerung sind unter 18 Jahre. Mit deutschen Sprachkenntnissen kann man immerhin Übersetzter beim Bundeswehrkontingent im Kosovo werden. Viele haben die Hoffnung, einen Arbeitsplatz und eine Ausbildung in Deutschland zu ergattern oder eben auch eine Stelle bei der Caritas Kosovo angeboten bekommen. So wie Ida, die sich als Pädagogin unter anderem um die Früherziehung behinderter Kinder kümmert.

Qualifizierte Sozialarbeit

Inzwischen baut Caritas international keine Häuser mehr - die akute Phase der Nothilfe ist längst abgeschlossen. Dafür unterstützt sie im Kosovo qualifizierte Sozialarbeit und besonders die Behindertenhilfe. Aus der Sanierung einer Gehörlosenschule und dem Bau eines integrativen Kindergartens hat sich ein ganzes Konzept der Behindertenhilfe entwickelt. Schritt für Schritt und mit Hilfe eines deutschen Experten, der die Arbeit seit acht Jahren in regelmäßigen Abständen begleitet.

Noch übernimmt der Staat nicht alle laufenden Kosten der Einrichtungen: das Labor für Hörgeräte ist auf Spenden aus Deutschland angewiesen und die Caritas muss noch immer für die Akzeptanz der Einrichtungen kämpfen. Die Klassen im Kindergarten haben zu wenige Kinder mit Behinderung, weil die Eltern ihre Kinder aus Scham und Unwissenheit oft noch verstecken. Die Integration der leicht Behinderten in die Schulen geht nur schleppend voran und es ist noch viel zu tun, bevor die Caritas Kosovo das Konzept auf andere Teile des Landes übertragen kann. 

Denn im Augenblick ist der Großteil der von Caritas international geförderten Arbeit der Caritas Kosovo auf Prizren konzentriert. Hier war damals das Büro der Caritas aus Deutschland und hier besteht auch heute noch die notwendige Infrastruktur.

Aber schon ab Sommer 2009 soll es ein nationales Programm für Behindertenarbeit geben. Der Hauptsitz der Caritas Kosovo in Ferizaj soll hierfür die Koordinierungsaufgaben übernehmen. Nur gut, dass der Kosovo nicht größer als das Saarland ist, da kommt man schnell von einem Teil des Landes in den anderen -und trotzdem kostet es Zeit und Geld. 

Die nationale Caritas Kosovo tut sich noch schwer, eine eigene Organisationsstruktur aufzubauen, die den Kriterien von Transparenz und Effektivität entspricht. Zu lange haben die internationalen Caritasverbände, die in den Zeiten der Nothilfe neben Caritas international aktiv waren, ihren eigenen Caritasstrukturen mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den lokalen Strukturen. Zu groß ist der Wissensvorsprung zwischen denen, die schon lange dabei sind, aber keine Direktorenposten bekleiden und denen, die relativ neu sind, aber in Leitungspositionen sitzen. 

Hilfe wird noch immer benötigt

Strategieentwicklung, Organisationsberatung, Fortbildung und Management sind Teilantworten, die hoffentlich in absehbarer Zeit ihre Früchte tragen werden. Das Vertrauen ist da, die Finanzierung ist verhandelt, der gute Wille muss immer wieder bewiesen werden. Die Verhältnisse im Kosovo sind noch neu und teilweise ungeordnet. Vieles muss sich erst noch einspielen.

Das gilt auch für den Aufbau der Hauskrankenpflege - neben der Arbeit mit behinderten Kindern und ihren Eltern der zweite Pfeiler des Engagements der Caritas international im Kosovo. Auch diese Hilfe wird dringend benötigt, wie sowohl der Bischof, als auch die Pfarreien und betroffenen Familien nicht müde werden, zu beteuern. Die Ausbildung der neu angestellten acht Krankenschwestern für die vier Stationen hat gerade erst begonnen, die Materialen sind beschafft, die Bedürftigen sind ausgewählt, und nun haben die ersten Hausbesuche stattgefunden.

Wie kann es sein, dass in einer so traditionellen Gesellschaft wie im Kosovo, in dem die Familienbeziehungen alles bestimmen und alles zusammenhalten, ältere Menschen krank und ganz auf sich alleine gestellt sind?

Auch hier verändert sich die Gesellschaft rasant. Im Kosovo sogar noch schneller als in den Gemeinschaften der Kosovoalbaner im Ausland, sagen die jungen Menschen. Und so bleibt in den kommenden Jahren noch sehr viel zu tun... für die nationale Caritas im Kosovo und auch für die Karitasi Gjerman, die deutsche Caritas, die die Entwicklung verfolgt, begleitet und berät.

Juli 2009

Andrea Hitzemann ist Referatsleiterin Europa bei Caritas international