Im Portrait

Adoratrices Kolumbien

Schwester Rosaura

Portrait Schwester Rosaura Caritas Kolumbien

Das Rotlichtmilieu von Bogotá ist seit 28 Jahren das Arbeitsumfeld von Schwester Rosaura. Vielen Menschen mag dieser Umstand mehr als kurios erscheinen: Eine katholische Ordensfrau, die tagtäglich mit Prostituierten zusammenarbeitet? Für Rosauro ist dies kein Widerspruch. Im Gegenteil, das ist für sie das gelebte Evangelium Jesu. "Christus hat die Frauen am Rande der Gesellschaft nicht vergessen und sie nicht verurteilt", erklärt sie. Rosaura ist mit ihrer Herzensangelegenheit nicht alleine: Der ganze Orden der Religiosas Adoratrices in Bogotá ist ihr Mitstreiter, denn alle Schwestern kümmern sich um jene kolumbianischen Frauen, die sich ein Leben jenseits der Bordelle von La Serafina erhoffen. Gemeinsam begleiten die Adoratrices die Prostituierten auf ihrem Weg in eine geregelte Erwerbsarbeit. In dem Berufsausbildungszentrum "Miquelina" können die Frauen kostenlos Kurse besuchen und sich dort zu Frisörinnen, Bäckerinnen oder beispielsweise Schneiderinnen ausbilden lassen. Zunächst arbeiten sie weiterhin im Bordell, bis die Frauen schließlich durch den erlernten Beruf auf die Nachtschichten verzichten können.

Schritt für Schritt findet ein Veränderungsprozess bei den Frauen statt, den Schwester Rosaura so gerne beobachtet und der sie immer wieder neu motiviert. Denn immer wieder wird ihr in Erinnerung gerufen, wie gefährlich das Einsatzgebiet ist, vor allem für die Aussteigerinnen. Auch wenn die Schwestern mit den Arbeitgebern der Prostituierten, den Bordellbetreibern, in Kontakt stehen, ist das Anliegen der Adoratrices, den Frauen beim Ausstieg zu helfen, ein immer wieder schwieriges und sensibles Unterfangen. Die Prostituierten werden unter Druck gesetzt, ihnen wird Gewalt angedroht, eine der Aussteigerinnen wurde sogar Mordopfer eines Racheaktes.

Vorwärts schauen

Sicher: diese traurigen Schicksale sind nach wie vor Teil der Arbeitsrealität. Doch Schwester Rosaura ist stolz auf das bislang Erreichte, denn durch die Unterstützung von Caritas ist seit 2007 viel passiert. Inzwischen stellen die Näherinnen Outdoor-Bekleidung für Paramó her, ein Unternehmen, das Wert auf eine faire Produktion ihrer Jacken und Hosen legt. Aber  nicht nur aus wirtschaftlicher Perspektive haben Rosaura und ihre Kolleginnen in den vergangenen Jahren das Projekt professionalisiert. Auch in der psychosozialen Betreuung haben die Adoratrices ihr Angebot für die Frauen aufgestockt: Es gibt nun mehr Psychologen, Sozialarbeiter/innen und juristische Berater/innen, die den Aussteigerinnen zur Seite stehen.

Die Ordensschwestern wollen, dass das Schicksal ihrer Schützlinge auch für die Öffentlichkeit sichtbar wird und dass ein Netzwerk zwischen den beteiligten Institutionen entsteht. Aufklärungsarbeit, wie eine Aktion zur HIV-Prävention im Jahr 2012, in der Kondome verteilt wurden, ist Teil des öffentlichen Auftritts des Ordens. Er zeigt, wie progressiv die Arbeit der katholischen Schwestern ist und dass sie möglichst viele Menschen mit ihrem Einsatz erreichen wollen. "Die Kirche soll den Menschen dienen und nicht umgekehrt," erklärt sie. Potenzielle Arbeitgeber der Auszubildenden - also andere Unternehmen - sollen über das Projekt genauso erfahren wie die kolumbianische Gesellschaft. Dabei erwartet Rosaura klare juristische Schritte von der Regierung: Auch wenn Prostitution in Kolumbien nicht legal ist, wird sie toleriert. Deswegen fordern die Adoratrices ein härteres Durchgreifen seitens des Staates, wobei die Frauen unter keiner strafrechtlichen Verfolgung leiden sollen, sondern ausschließlich ihre Arbeitgeber. Für die Zukunft der Frauen wünscht sich Rosaura vor allem, dass sie durch das Projekt ermutigt werden, öffentlich über ihr Schicksal zu berichten, um ihren Belangen auch politisches Gewicht zu verleihen.

Viel haben die Schwestern aus Bogotá schon bewirkt, aber sie haben auch noch einiges vor. Gerade die politischen Belange stellen sicherlich eine Herausforderung für Schwester Rosaura und ihre Kolleginnen dar. Doch dies scheint die Ordensfrau nicht zu entmutigen, ganz im Gegenteil. Ihr schwebt auch schon ein konkreter Zeitraum vor: Bis 2020, so hofft sie, soll sich die Situation für Prostituierte landesweit mit Hilfe möglicher Gesetze verbessert haben.

November 2014