Im Portrait

Silvia Emérita González

Silvia Emerita Gonzalez

Mit einem Juraabschluss in der Tasche hätte Silvia Emérita González sicherlich einen Job bekommen, der für sie lukrativer gewesen wäre. Ihre Heimat Panama gilt als Land mit einem der höchsten Wirtschaftswachstumsraten in Lateinamerika - die Ausbildung zur Juristin hätte González in diesem aufstrebenden Staat sicherlich eine profitable Karriere verschafft. Stattdessen setzt sich die 35-Jährige bei der Sozialpastoral Panama-Stadt, der Partnerorganisation von Caritas international in Panama, für eine Randgruppe ein, für die sonst kaum einer Zeit hat: Senioren. Zeit ist ein kostbares Gut, das viele Töchter und Söhne dieser älteren Menschen nicht besitzen, denn sie sind in ihrem Heimatland mit einer schwierigen ökonomischen Situation konfrontiert. Zwar gibt es ein konstant hohes Wirtschaftswachstum, dieses lässt aber die krasse Einkommensungleichheit nicht leugnen, denn mehr als ein Viertel der Bevölkerung leidet unter Armut.

In der Hoffnung auf bessere Arbeitsmöglichkeiten zieht es deshalb viele Arbeitssuchende vom Land in die Stadt. Begleitet werden sie von ihren Familien, auch von ihren betagten Eltern. Das Schicksal dieser alten Menschen ist kein einfaches. Die Entscheidung, die Heimat auf dem Land zu verlassen, liegt bei den Kindern. Denn die Senioren sind selbst verarmt, können sich eine Betreuung in den privaten Altenheimen, die viel Geld kosten, nicht leisten und sind deshalb auf ihre Kinder angewiesen. In der Stadt angekommen, sind die alten Menschen teilweise krank und können die Wohnung nicht verlassen, doch auch wenn sie dazu noch rüstig genug sind, fehlen ihnen in der neuen Stadt mit immerhin 1,5 Millionen Einwohnern die sozialen Kontakte. Die Töchter und Söhne können ihre Eltern in dieser ungewohnten Situation oft nicht genügend unterstützen, weil sie selbst arbeiten müssen.

Genau hier setzen nun González und ihre Kollegen mit ihrer Arbeit an: Sie sorgen dafür, dass die Neuangekommenen mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden. 90 Gruppenleiter sind mit ihren Helfern in den Randgebieten der Hauptstadt Panamas unterwegs. Etwa 300 Ehrenamtliche arbeiten in diesen Gruppen, die über die Pfarrgemeinden der einzelnen Stadtviertel organisiert sind und von González koordiniert werden. Die Caritas-Mitarbeiter machen Hausbesuche und unterstützen die Senioren bei ganz unterschiedlichen Anliegen: Mal sind es kleine Erledigungen im Haushalt, Unterstützung bei der Pflege oder auch einfach nur ein lauschendes Ohr. Manchmal geht es auch um eine juristische Beratung, dann zum Beispiel, wenn die Senioren krankenversichert sind und überprüft werden soll, ob die Leistungen auch tatsächlich bei den Betroffenen ankommen.

Mit ihrem Job in der Sozialpastoral verfolgt González ein Anliegen, das sie schon seit Jahren begleitet, denn die Arbeit mit Menschen in prekären Situationen ist für die ausgebildete Juristin keine neue Aufgabe. Schon in ihrer Jugend hat sie sich im kirchlichen Umfeld als Ehrenamtliche engagiert und während ihres Jurastudiums in der Rechtsberatung gearbeitet. Für sie ist ihr Beruf gleichzeitig eine Berufung - deshalb war sie im September 2014 auch zu Besuch in Deutschland, denn sie will von ihrer Arbeit berichten. In Freiburg - der Zentrale der Caritas international - besuchte sie mehrere Einrichtungen für Senioren, unter anderem das Heinrich-Hansjakob-Haus und den Zähringer Treff des Caritasverbands Freiburg-Stadt. Hier tauschte sie sich mit den Fachkräften aus.

Natürlich gibt es dabei Unterschiede zwischen dem lateinamerikanischen und europäischen Land: Beispielsweise der Ort, wo man auf alte Menschen trifft. Während sich auf den Straßen und Plätzen von Panama-Stadt viele Menschen tummeln und miteinander ins Gespräch kommen, hat es für die 35-Jährige in Freiburg den Anschein, dass sich das Leben hier vor allem in den Häusern abspielt. Auch die soziökonomischen Probleme sind in den beiden Ländern andere. Trotzdem ist González der Austausch wichtig, schließlich geht es um denselben fachlichen Ansatz: Wie auch in Panama bemühen sich die deutschen Kollegen um eine Seniorenarbeit, die in der Lebenswelt der Alten entsteht und die deren Umfeld aktiv miteinbezieht Wie können Jung und Alt zusammenkommen? Welche Unterstützung gibt es vom Staat und wie können diese auch tatsächlich in Anspruch genommen werden?

González‘ Arbeit geht weiter: Für ihren Einsatz ist sie übrigens 2013 mit dem Panamaer Menschenrechtspreis ausgezeichnet worden. Diese Anerkennung zeigt, wie wichtig das Engagement der jungen Frau für ein gerechteres Panama ist.

Oktober 2014