Im Porträt

Carias Hellas

Elena Fanciulli & Elias Abood

PortraitElena Fanciulli und Elias Abood sind Projektmitarbeitende bei Neos Kosmos in AthenPhilipp Spalek

Wenn Elena und Elias ihre Geschichte erzählen, kommt ein bisschen das Gefühl auf, aus einem - zugegeben etwas kitschigen und doch wunderschönen - Liebesroman vorgelesen zu bekommen. "Es ist, als wären wir aus zwei völlig verschiedenen Welten aufeinander zugegangen, um uns in der Mitte zu treffen", sagen sie beide. Die Mitte in dieser Geschichte ist Athen, genauer gesagt das Caritas-Zentrum Neos Kosmos, zu Deutsch "Neue Welt", im gleichnamigen Stadtteil der griechischen Hauptstadt. Hier haben 42 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und anderen Ländern ein temporäres Zuhause gefunden. Jede Familie bewohnt ein kleines Apartment, es gibt eine große Gemeinschaftsküche, einen Garten und Schulunterricht für die Kinder.

Hier arbeiten Elena und Elias für die Caritas Hellas. Elena Fanciulli, 24 Jahre, stammt aus einem kleinen Dorf im Süden der Toskana und kam nach ihrem Bachelorstudium der Sozialwissenschaften und der internationalen Zusammenarbeit als Freiwillige zur Caritas-Einrichtung Neos Kosmos. "Ich wollte unbedingt ins Feld und nicht nur an meinem Schreibtisch sitzen", sagt sie. "Wenn ich als Kind in der Kirche war, haben sie immer gesagt: Lasst uns für die armen Menschen in Afrika beten. Mir war nicht bewusst, wie nah an meinem Zuhause Menschen auf Hilfe angewiesen sind. Europa ist alles andere als perfekt - aber ich will helfen und meinen Beitrag leisten!" Ihre Stimme lässt keinen Raum für Zweifel. Ursprünglich wollte sie nur für ein Jahr helfen, doch dann ist sie geblieben.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen schätzt sie die Beziehung zu den Menschen, mit denen sie arbeitet. "Aber auch wegen Elias", erklärt sie. Elias Abood ist ein Jahr älter als Elena und kam als Flüchtling aus Syrien nach Athen. "Bevor der Krieg ausbrach habe ich ein ganz normales Leben in Syrien geführt. Ich habe gearbeitet und studiert. Doch als der Krieg dann ausgebrochen ist, konnte ich mein Studium nicht abschließen". Als Elias zum syrischen Militär eingezogen werden sollte entschied er sich, Syrien zu verlassen: "Ich möchte weder töten noch sterben", sagt er.

Von Damaskus aus ließ sich Elias im Februar 2016 von Schleusern in den Norden bringen. Von dort ging es über die Türkei mit einem Schlauchboot weiter nach Griechenland. "Wir waren 57 Menschen in einem sechs Meter langen Boot mit kaputtem Motor. Doch sie zwangen uns mit vorgehaltenen Waffen ins Boot zu steigen". Elias und die anderen Passagiere schafften es mit Hilfe der griechischen Küstenwache auf die Insel Samos. Von dort ging es für ihn weiter nach Athen, wo er Asyl beantragte. Er wurde im Neos Kosmos untergerbacht und merkte schnell, dass er an einem besonderen Ort ist. Um selber etwas beizutragen setzte er seine Englischkenntnisse ein und übersetzte für seine Landsleute. Genau wie Elena, arbeitete er zunächst freiwillig für die Caritas.

Gemeinsam arbeiten, gemeinsam leben

Mittlerweise sind beide festangestellt bei der Caritas Hellas. "Ich lebe in Frieden und habe einen Job. Mir ist bewusst, dass ich mehr Glück habe als tausende andere Flüchtlinge, sogar mehr als viele Griechen". Es ist für Elias daher eine Herzensangelegenheit, etwas zurückzugeben. "Wir haben hier was aufgebaut", sagt er. "Und ich habe mich selber gefunden", dank des besonderen Ortes und dank Elena, mit der er mittlerweile zusammengezogen ist.

Wer Elena und Elias bei der Arbeit beobachtet merkt schnell, dass hier kein Dienst nach Vorschrift geleistet wird. "Das ist kein Job für mich", sagt Elena, "es ist mein Way of Life". Sie ist verantwortlich für die Koordination und Auswahl der Freiwilligen, die sich weiterhin im Neos Kosmos engagieren. Außerdem organisiert sie den Alltag der Bewohner, plant Aktivitäten und den Schulunterricht der Kinder. Elias unterstützt die Menschen als Übersetzer und kultureller Vermittler: "Die Sprache stellt eine Hürde für die Flüchtlinge dar. Ich versuche ihnen dabei zu helfen, diese zu überwinden. Es geht aber auch darum Emotionen zu übersetzen und kulturelle Unterschiede zu erklären, beispielsweise im Umgang mit muslimischen Frauen. Auch in der Schule übersetze ich für die Kinder während des Unterrichts".

Beide haben konkrete Vorstellungen von der Zukunft: "Ich möchte Neos Kosmos wachsen lassen, damit mehr Leute hier leben können. Denn es ist ein schöner, erfolgreicher Ort. Die Menschen, die hier leben und arbeiten, sind glücklich", sagt Elias und Elena ergänzt: "Ich hoffe, dass die Geschichte von Neos Kosmos niemals endet. Nicht weil die Menschen immer noch fliehen müssen, sondern weil es immer ein Ort des besonderen Miteinanders sein soll. Eine neue Welt, wie der Name schon sagt".
Tatsächlich bedeutet Neos Kosmos für viele seiner Bewohner ein Neuanfang. Das besondere Miteinander leben Elias und Elena vor - ihre Stimmung überträgt sich auf alle Bewohner der Flüchtlingsunterkunft. Das junge Paar schafft es, dass trotz der teilweise schrecklichen persönlichen Schicksale eine positive Stimmung und ein respektvolles kooperatives Miteinander vorherrschen.

Vor kurzem wurde ein Baby im Neos Kosmos geboren. Es ist ein Mädchen, für ihre Mutter kam nur ein Name in Frage: Elena.

Kim Nicolai Kerkhof traf das Paar im Mai 2017 in dem Projekt Neos Kosmos in Athen