Im Portrait

Caritas Libanon

Nancy Chehadé

Nancy Chehadé, Sozialarbeiterin Caritas Libanon

Leuchtend pink lackierte Fingernägel und sorgfältig gestyltes Haar: Wer Nancy Chehadé das erste Mal sieht, ahnt nicht unbedingt, mit welcher Tatkraft und mit welchem Mut sich die 36-Jährige für die Schwachen einsetzt. Doch spätestens wenn sie mit wachen Augen ihre Geschichte erzählt, wird klar, mit welcher Energie sie gegen Missstände kämpft: Als Sozialarbeiterin begann sie sich im Jahr 2000 in Beirut für Arbeitsmigrantinnen einzusetzen.

700 von ihnen sitzen im Gefängnis. Die meisten sind aus Äthiopien und den Philippinen. Als Haushaltshelferinnen waren sie ihren Arbeitgebern oft komplett ausgeliefert. Die Hausherren waren nicht mehr zufrieden mit ihrer Arbeit und warfen den Angestellten Straftaten vor. Man wollte sie schlichtweg loswerden. So landeten die Migrantinnen in Abschiebegefängnissen. In unbeschreiblichen Zuständen vegetieren die Frauen während ihrer Haft. Unter einer Brücke in einer ehemaligen Tiefgarage werden 50-80 Angeklagte in winzigen Metallkäfigen auf 6x10 Meter  eingepfercht. Als Nancy Chehadé anfing, für diese Frauen im Auftrag der Caritas zu arbeiten, traf sie in den Gefängnissen auch auf eine Menge Kinder. Ihre Mütter waren aufgrund von Vergewaltigungen während ihrer Arbeit in libanesischen Haushalten schwanger geworden. Für Nancy Chehadé war sofort klar, dass die Migrantinnen mit ihren Kindern aus diesen unmenschlichen Bedingungen herausgeholt werden mussten. Die Libanesin verhandelte erfolgreich mit den Behörden. Seitdem leben die Frauen 30 Kilometer außerhalb von Beirut in dem kleinen Ort Reyfoun. Ein Steinhaus beherbergt heute 80 bis 120 Migrantinnen mit ihren Kindern und inzwischen auch das  Büro der Sozialarbeiterin.

Doch der Kampf mit den Behörden hatte weitreichende Folgen. Drohungen zwangen Nancy Chehadé 2005 schließlich dazu, sich für ein Jahr von der Caritas zu verabschieden, bis es um ihre Person ruhiger geworden war. Als sie dann erneut in die Caritas Libanon eintrat, wurde sie unmittelbar mit den Schrecken des libanesisch-israelischen Kriegs konfrontiert: Kaum war sie im Amt und kümmerte sich wieder um die Frauen in den Metallkäfigen, fielen Bomben genau auf die Brücke, unter der zu diesem Zeitpunkt 700 Frauen auf ihre Abschiebung warteten. Sofort veranlasste Nancy Chehadé  die Evakuierung der Frauen und verteilte sie auf verschiedene Caritas-Zentren im ganzen Land. In dieser Zeit schlief sie durchweg in ihrem Büro und ihre Eltern bekamen sie für eineinhalb Monate nicht zu Gesicht.

Der Mount Lebanon wurde 2007 zu ihrer zusätzlichen Wirkungsstätte. In dieser Region suchten dort irakische Familien Zuflucht und es entstanden Flüchtlingslager. Damals war die Caritas Mitarbeiterin noch alleine in ihrem Büro und hatte nur freiwillige Helferinnen. Als sich abzeichnete, dass die Flüchtlingsunterstützung eine Aufgabe für Jahre werden würde, kamen nach und nach weitere sechs Mitarbeitende dazu.

Als 2011 die Erde in Haiti bebte, entschloss sich Nancy Chehadé  für einen Monat Nothilfe auf Haiti zu leisten. Ihr  Zentrum in Mount Lebanon hatte sich damals bereits zu einer stabilen Schaltstelle etabliert, sodass sie ihren Arbeitsplatz ohne Probleme verlassen konnte. Strukturierte und in Notfällen geprüfte Menschen wie die Libanesin konnte die Caritas in Haiti  gebrauchen. Insbesondere die psychosozialen Herausforderungen wie das Reden mit den Überlebenden, die Angehörige und ihr Zuhause verloren hatten, gehört zu ihren Schwerpunkten. Dass sie fließend Französisch und Englisch spricht, war ein weiterer wesentlicher Vorteil.

Kaum wieder zurück im Libanon, trafen die ersten syrischen Flüchtlinge in ihrer Gegend ein. Seit nunmehr drei Jahren versorgt sie die verzweifelten Menschen mit ihrem siebenköpfigen Team und ein paar freiwilligen Helfern. Lebensmittelgutscheinen, Matratzen und Hygieneartikel werden verteilt. Die Caritas-Mitarbeiterin trommelt Fokusgruppen zusammen, in denen sich die Flüchtlinge aussprechen können und fährt täglich viele Kilometer, um zu sehen, wie es den Menschen geht und was sie brauchen. Was wäre der Libanon für Menschen in Not ohne die starke Libanesin Nancy Chehadé? "Ich bin ein Workaholic. Ich muss das für die Menschen tun. Wir haben zu viel Arbeit!" sagt sie und reckt dabei ihre Hände mit den sorgfältig lackierten Fingernägel in die Luft. Für sie ist die Arbeit hier in Mount Lebanon noch lange nicht beendet.

Juli 2014