Im Porträt

Shinichiro Ohara

Shininchiro Ohara

In der Tabelle der beliebtesten Jobs weltweit wäre der von Shinichiro Ohara wohl nicht besonders hoch gelistet. Ohara-san, Herr Ohara, arbeitet als Projektmanager für das japanische Katastrophenhilfswerk AAR - in der Region Fukushima. In eben der Region, die im Jahr 2011 von einer Dreifach-Katastrophe getroffen wurde. Erst von einem Erdbeben der Stärke 9,0, dann von einem Tsunami und schließlich von einer nuklearen Katastrophe. Sein tägliches Werkzeug ist daher kein übliches, sondern: Der Geigerzähler.

Früher hatte Ohara-san, der aus der an das Katastrophengebiet grenzenden Millionenstadt Sendai stammt, einen Bürojob und Schweißgeräte einer deutschen Firma auf dem japanischen Markt verkauft. 20 Jahre lang. Nach dem Beben wollte er einfach etwas tun, helfen, selbst etwas beitragen - und entschied sich dafür, seinen gut bezahlten Job gegen den Status des Freiwilligen einzutauschen. Weil er seine Sache sehr gut machte, und er seine Mission noch nicht beendet sah, wurde aus dem Kurzzeiteinsatz eine Berufung in Festanstellung.

Heute fährt der 49-Jährige von einer Containersiedlung in der Präfektur zur nächsten, spricht mit Gemeindeoberhäuptern, den Bewohnern, deren Städte infolge des Super-GAUs evakuiert wurden, und den von der Organisation betreuten Freiwilligen, die sich regelmäßig um die Betroffenen kümmern. Etwa mit Massage- und Bastelstunden, aber auch mit anderen Aktivitäten. Alles, was dazu dient, die Menschen aus ihren kleinen Behausungen zu holen und sie wieder für das gemeinschaftliche Leben zu begeistern.

Zu den Bewohnern der Containersiedlungen hat Ohara einen guten Draht. Immer wieder wird er von seinen eigentlich sehr zurückhaltenden Landsleuten geherzt, immer wieder setzen die  Menschen ein Lächeln auf, wenn er den Raum betritt. Innerhalb der Gruppe der Betroffenen, die nach dem Super-GAU in Sicherheit gebracht werden mussten, gibt es einen auffälligen Unterschied. Während die Frauen sich deutlich einfacher dafür gewinnen lassen, wieder am Sozialleben teilzunehmen, kapseln die Männer sich oft ab. Sie, die früher noch Bauern waren oder Fischer, haben ihre Berufung verloren - und können diesen Verlust oftmals nur schwer verwinden.

Für die Männer hat sich Ohara deshalb etwas Besonderes einfallen lassen. Mit dem von ihm initiierten "Urban Gardening"-Projekt hat er es geschafft, den alten Herren wieder ein bisschen Struktur in ihrem Tagesablauf zu geben. Sie haben eine Aufgabe und fühlen sich gebraucht. Das geerntete Gemüse ist eine willkommene Abwechslung zu den vielen Fertigprodukten, die es in den Mini-Supermärkten gibt, die in den meisten der Containersiedlungen errichtet wurden.

Nur einige große Kübel, ein bisschen Erde aus anderen Landesteilen und Saatgut musste er zur Verfügung stellen. Das Know-how war schon zur Genüge vorhanden. "Anfangs war nicht klar: Nehmen die Männer das Projekt an oder nicht?", sagt Ohara. Es sei etwas völlig Neues gewesen. "Dass es jetzt wie von selbst läuft, macht mich glücklich."

April 2016