Im Porträt

Partner in Haiti

Soeur Claudette

Soeur Claudette

Soeur Claudette ist eine Ordensfrau Mitte Fünfzig. Eine Frau mit Herz, die kraftvoll und bestimmt Ihre Visionen umsetzt.

Ich lerne Soeur Claudette in ihrem Garten kennen. Schnell vergesse ich die laute Straße, das Verkehrschaos vor dem Tor. Das Asile ist ein Ort der Frieden und Ruhe ausstrahlt. In einer parkähnlichen Anlage befinden sich ein Kindergarten, die Grundschule, das Haus der Schwestern und Unterkünfte für 120 alte und 30 behinderte Menschen, die von den Schwestern und ihren Mitarbeiter/innen gepflegt und betreut werden.

Soeur Claudette erzählt gerne, wie alles begann - und Satz für Satz steigt meine Bewunderung für diese Frau. Das Asile wurde 1939 ursprünglich als staatliche Einrichtung für ehemalige Gefangene und Prostituierte gegründet. Es hatte einen schlechten Ruf, Gewalt war an der Tagesordnung. In den 80iger Jahren des 20. Jahrhunderts hilft Soeur Claudette regelmäßig in einem benachbarten Krankenhaus aus. Sie fällt mit Ihrer freundlichen und zupackenden Art auf. Schließlich hört sogar der haitianische Präsident von dieser Ordensfrau. Auf der Suche nach einer neuen Ausrichtung des Asile bittet der Präsident die Schwestern-Congregration im Asile mitzuarbeiten. Die Schwestern sind entsetzt, als sie die Einrichtung kennenlernen. Für sie steht fest: "Hier kann kein Mensch leben".

Auf Wunsch des Ordensgründers übernimmt  Soeur Claudette diese Aufgabe, für die sie fünf weitere Schwestern auswählen darf, mit denen sie auf das Gelände des Asile zieht. Sie stellt eine junge und engagierte Gruppe zusammen. 1986 beginnen die Schwestern ihre Aufgabe. Soeur Claudette gewinnt schnell die Herzen der Mitarbeiter und Betreuten. Im Vorfeld hat sie alle Namen auswendig gelernt und kann nun jeden mit Namen begrüßen und ansprechen. Doch mit den vom Staat angestellten Direktor und den Ärzten tun sich die Schwestern schwer. Als Co-Leitung soll Soeur Claudette die Arbeit leisten, die Verantwortung wird ihr nicht übertragen. Die Schwestern aber lassen sich nicht unterkriegen und setzten sich schnell durch. Eine Reise nach Kanada schließlich verändert alles: Claudette lernt dort einen Pfarrer kennen, der mit seiner Pfarrei einen Container voller Hilfsgüter, Möbel und Medizingeräte nach Haiti schickt. So lässt sich die Situation der Menschen im Asile verbessern. Mit verschiedenen Organisationen werden die Gebäude renoviert oder neu gebaut.

Das Asile verändert sein Gesicht und wird zur Heimat für die Alten und Behinderten der Umgebung. Mit Wehmut beobachtet Soeur Claudette, wie die Kinder des Ortes im Müll des Altenheimes nach Essen suchen. Die Schwestern wollen den Kindern eine Perspektive bieten und eine Schule gründen. In den folgenden Monaten gewinnen die Schwestern das Vertrauen der Kinder und bieten ihnen Essen an. Mittlerweile gibt es auf dem Gelände des Asiles einen Kindergarten und eine Grundschule, die von den Kindern gerne besucht wird.

Bei dem großen Erdbeben vom 12. Januar 2010 wird das Asile schwer getroffen, es gibt Tote, viele Verletzte, die Gebäude sind zerstört. Soeur Claudette beginnt zu beten: "Lass mich erst sterben, wenn das hier alles wieder steht." Caritas international leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass sich dieser Traum erfüllt. Bereits in den ersten Tagen nach dem Beben wurde die Partnerschaft beschlossen. Die Mitarbeiter der Caritas und vieler anderer Organisationen waren vor Ort um zu sehen, wo die Hilfe am dringendsten gebraucht wird.

In den letzten drei Jahren wurde viel erreicht. Die Schule steht, die neue Küche ist fertiggestellt und die Unterkünfte für die Bewohner befinden sich im Bau. Um bei zukünftigen Hurrikans und Erdbeben sicherer zu sein, werden alle Bauten erdbebensicherer gebaut. Eine Investition, die sich lohnt.

Ingmar Neumann, März 2013

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