Standards in der Nothilfe

Wirkungsorientierung in der Humanitären Hilfe

Anders als in der langfristig planbaren Entwicklungszusammenarbeit muss man in der Nothilfe oft von heute auf morgen aktiv werden. Wie kann man dennoch die Wirkungen des eigenen Handelns planen und steuern?

Volker Gerdesmeier

Volker Gerdesmeier: In der akuten Nothilfe ist das nur möglich, wenn man zuvor klare Abläufe und Prozesse definiert hat. Bei Caritas international gehört dazu das Partnerprinzip.

Wir haben dadurch in fast jedem Katastrophengebiet Mitarbeitende, die sich auskennen und die mit den Gegebenheiten vertraut sind. Durch die langfristige Kooperation können zudem Programme zur Katastrophenvorsorge umgesetzt werden, die ohne Partner vor Ort so nicht umsetzbar wären. Wir können also durchaus mittel- und langfristig planen, müssen jedoch immer auch improvisieren und kurzfristig reagieren.

In Haiti beispielsweise war vor dem Beben 2010 die Katastrophenvorsorge unzureichend. Was hätte im Bereich Wirkungsorientierung besser laufen können?

Katastrophenvorsorge in Haiti hat durchaus Wirkung gezeigt: Häuser, die nach den Hurricanes von
2008 sturmsicher wiederaufgebaut wurden, widerstanden auch weitgehend dem Erdbeben. Staatliche Zivilschutz- Kommitees, die vorher gut geschult worden waren, lieferten sehr gute Bedarfsanalysen nach dem Erdbeben, was wiederum bedarfsgerechte Nothilfe ermöglichte. In Haiti war und ist die Situation aber eine besondere: Es ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Der Staat war vom Beben 2010 selbst schwer getroffen, es gab kein unversehrtes Hinterland wie nach dem Tsunami in Asien. In so einer Situation war schnelle Hilfe gefragt, eine umfassende Erhebung der Ausgangslage als Voraussetzung für einen Vorher- Nachher-Vergleich war nicht möglich. Wir haben deshalb nach der akuten Nothilfe-Phase mit rückwirkenden Evaluierungen gearbeitet, zum Beispiel unter der Fragestellung, inwieweit unsere Hilfe die Fähigkeiten der Partnerorganisationen gestärkt hat. Die Ergebnisse waren sehr ermutigend. Heute könnten mehr lokale Partner akute Nothilfe leisten, sollte es wieder zu einer Großkatastrophe in Haiti kommen.

Welche Rolle spielt dabei die Wirkungsbeobachtung?

Der Wiederaufbau läuft seit Beginn der Nothilfe unter enger Einbeziehung der Betroffenen, die beispielsweise ihre Häuser mit planen - selbstverständlich mithilfe von Experten, um erdbebensicherer zu bauen. Wir beobachten dabei stets auch die Wirkungen der Maßnahmen, um gegebenenfalls zu korrigieren oder zu ergänzen. In anderen Fällen der akuten Nothilfe gehen wir ähnlich vor, wir führen gerade eine Evaluierung unserer Projekte in akuten Gewaltkonflikten in drei Kontinenten durch, unter der Fragestellung, wie wir die Einhaltung humanitärer Prinzipien - etwa der Unparteilichkeit in der konkreten Projektarbeit - sicherstellen können.

Wenn die Voraussetzungen besser sind als in Haiti, wenn längerfristig geplant werden kann, wie sieht dann ein Projekt unter Einbeziehung der Wirkungsbeobachtung aus?

Wir starten gerade ein langfristig angelegtes Projekt zur Katastrophenvorsorge in Kambodscha. Hier wird zunächst eine Bedarfsanalyse in den beteiligten Dörfern gemacht, gemeinsam mit den dort lebenden Menschen werden die Gefahren z.B. durch Überschwemmungen evaluiert. Daraus abgeleitet sollen dann die jeweils notwendigen Maßnahmen umgesetzt werden. Das kann mal der Bau eines Dammes, mal die Stabilisierung der Häuser und mal ein Evakuierungsplan sein - oder auch eine Kombination aus alldem. Und nach Fertigstellung wird geprüft, ob die Maßnahmen auch wirken und ob es Schwächen gibt, die noch zu beheben sind. So können wir nachhaltig und immer wieder regulierend auf die lokalen Veränderungen eingehen, die u.a. durch den Klimawandel zu erwarten sind.

Sind solche Maßnahmen in unterschiedlichen Ländern nicht zu verschieden, um sie standardisieren zu können?

Standards zu entwickeln heißt ja nicht, dass alles gleich sein muss. Gemeinsam mit der Diakonie Katastrophenhilfe haben wir gerade ein Fachkonzept ‘Wirkungsorientierung in der Humanitären Hilfe’ erstellt, das genau hier ansetzt: Maßnahmen und Projekte von Beginn an zu evaluieren, den Bedarf zu klären, die Umsetzung zu begleiten, die Wirkungen zu messen und dabei flexibel zu bleiben für die vielen Unwägbarkeiten, die in der Katastrophenhilfe auf die Helfer zukommen. Wir arbeiten eng mit den weltweit 165 nationalen Caritas-Organisationen zusammen, da bieten sich viele Möglichkeiten gegenseitig von den Erfahrungen der anderen zu lernen, um unsere Arbeit kontinuierlich zu verbessern. Denn dies ist das Ziel der Wirkungsorientierung.

Juni 2013