Besuch aus Bolivien 2015

Begegnungsreise

Können wir unsere Gesellschaft verändern?

diskutierende Personen an einem TischErfahrungsaustausch zwischen deutschen und bolivianischen Kolleginnen auf der Begegnungsreise 2015Marie-Luise Schächtele

Deutschland hatten sie sich irgendwie anders vorgestellt. Alina Rueda und Ariel Ramírez waren überrascht, als Martina Schmitt sie im B.O.J.E.-Bus begrüßte, einer Anlaufstelle für Straßenkinder am Kölner Hauptbahnhof: Die Jugendlichen erhalten dort etwas zu essen und finden Ansprechpartner(innen), die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Beim Sozialdienst katholischer Frauen in Köln erfuhren sie wenig später, dass es dort seit 2001 einen organisierten Straßenstrich gibt, um die Sicherheitsrisiken für die Frauen zu reduzieren. Alina Rueda und Ariel Ramirez, die selbst regelmäßig als Streetworker in El Alto unterwegs sind, berichteten ihren deutschen Kolleg(inn)en, dass Prostitution in Bolivien nach wie vor illegal ist. Sie erzählten ihnen von einer erschreckend hohen Zahl Minderjähriger, die ihren Körper verkaufen, um zu überleben. Es wunderte sie, dass in Köln die Sicherheit der Frauen im Vordergrund der Hilfe steht. Denn mit ihren eigenen Hilfsangeboten wollen sie vor allem den Ausstieg erleichtern. Frauen sollen ihren Lebensunterhalt verdienen können, ohne ihren Körper verkaufen zu müssen.

Die enge Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen Polizei, staatlichen und städtischen Behörden sowie anderen Akteuren dagegen beeindruckten Alina Rueda und Ariel Ramírez sehr. In ihrer Heimat stoßen sie gerade dort immer wieder an die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit. Denn wie soll man einen besseren Schutz für die Frauen durchsetzen, wenn ranghohe Vertreter von Polizei, Justiz und Verwaltung gleichzeitig Bordellbesitzer sind? Im Erfahrungsaustausch mit ihren deutschen Kolleg(inn)en beschäftigte sie deshalb die Frage, wie es trotzdem gelingen kann, die Rechte ihrer zum Teil noch minderjährigen Klient(inn)en durchzusetzen und einen Bewusstseinswandel in der bolivianischen Gesellschaft herbeizuführen.

Drei Personen stehen an einer Containerwohnung und tauschen sich ausDie soziale Wiedereingliederung beginnt mit einem Dach über dem Kopf - ob in Hamburg oder in El Alto (Bolivien)Marie-Luise Schächtele

Vor diesem Hintergrund faszinierte sie Container-Siedlung für obdachlose Frauen der Caritas Hamburg, unter Leitung von Andrea Hniopek. Zehn Frauen - und jede hat einen Wohncontainer für sich. Studentinnen und Studenten der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg betreuen die Frauen im Rahmen von Studien-Praktika. Alina Rueda und Ariel Ramírez fanden die Einbindung von Studenten einen spannenden Ansatz, der sich auch in ihrer Heimat umsetzen ließe.

In der Frauenberatungsstelle von "IN VIA" in Berlin begegneten Alina Rueda und Ariel Ramírez Vertretern des Rotlichtkommissariats der Kriminalpolizei. Hier ging es um den Kampf gegen Zwangsprostitution. Während die bolivianische Polizei nur strafverfolgend agiere, fasste Alina Rueda ihre Eindrücke zusammen, suche die deutsche den Kontakt zu Sozialarbeiter(innen) und Fachstellen, um die Frauen zu schützen.

Sozialarbeit im Spannungsfeld von Kriminalität und Illegalität ist immer mit der Frage nach einer adäquaten Gesetzgebung verbunden. In Bolivien ist Prostitution verboten, wird aber letztlich geduldet. Für die betroffenen Frauen bedeutet dies, dass sie praktisch keinen Rechtsschutz genießen, wenn sie von Männern misshandelt und missbraucht werden. Das deutsche Gesetz, das die Prostitution als Beruf anerkennt, schafft einen Rahmen, der betroffene Frauen in ihren Rechten schützt. Da aber Frauen in der bolivianischen Gesellschaft bis heute diskriminiert sind, hielt Alina Rueda das deutsche System für ungeeignet. Ariel Ramírez hatte sich schon mit dem schwedischen Modell befasst, das Prostitution verbietet. In Schweden werden allerdings die Freier bestraft und nicht diejenigen, die sich prostituieren.

Als Fazit nach ihrem zehntägigen Erfahrungsaustausch in Deutschland erklärten Alina Rueda und Ariel Ramírez übereinstimmend, dass sie viele Anregungen mitnehmen werden. Gerade weil sich keines der Modelle eins zu eins übertragen ließe, sehen sie ihre Aufgabe darin, einen bolivianischen Weg zu finden. Ihr Ziel bleibt es, jungen Menschen in Not Zugang zu beruflicher Bildung zu ermöglichen, damit sie sich bessere Perspektiven schaffen können. Ariel Ramírez denkt dabei beispielsweise an eine junge Frau, die nach Drogenabhängigkeit und Prostitution seit kurzem als Teamleiterin in einem Reinigungsunternehmen in El Alto arbeitet.

 Marie-Luise Schächtele, November 2015