Besuch aus Bolivien 2011

Begegnungsreise

"Es geht ums Überleben"

2 Frauen vor einer dunkelgrünen WandBei der Caritas Essen: Alina Rueda (links) mit Christine NollBenedikt Kraus / Caritas international

Was waren Ihre Erwartungen im Vorfeld der Hospitanz?

Alina Rueda: Weil es meine erst Reise außerhalb Südamerikas war, habe ich mich darauf gefasst gemacht, etwas völlig Unbekanntes und Anderes als in meiner Heimat Bolivien zu erleben. Von der Hospitanz habe ich mir sehr viel erhofft. Ich wollte eine andere Sichtweise auf die Probleme bekommen, die hier ja genauso existieren wie in Bolivien, wenn auch in ganz anderer Form. Vor allem wollte ich neue Ideen sammeln, die mir für meine Arbeit mit den Schwestern in El Alto nützlich sein können. Ich wusste natürlich auch, dass es hier in Deutschland ganz andere finanzielle Möglichkeiten für Sozialarbeit gibt.

Gab es etwas, das Sie besonders beeindruckt hat?

Alina Rueda: Besonders beeindruckend sind für mich die vielen Möglichkeiten, die es in Deutschland gibt, um den Menschen zu helfen. Es gibt hier so viele verschiedene Institutionen und Projekte. Sie sind alle spezialisiert und trotzdem arbeiten sie auch zusammen und leisten so einen wichtigen Beitrag: Die Arbeit mit Jugendlichen, mit Prostituierten, mit Drogenkonsumenten - das alles geschieht hier auf sehr professionelle Art. Beeindruckend waren für mich auch die harten Arbeitsbedingungen der Prostituierten auf dem Straßenstrich. Der Kontrast ist so groß zu dem, was ich sonst hier erlebt habe.

Gab es etwas, das Sie enttäuscht hat?

Alina Rueda: Enttäuscht hat mich, dass es so viele junge Frauen in der Prostitution gibt, hier wo doch der Staat eigentlich für jeden ein Gehalt zahlt, sogar wenn man nicht arbeitet. Es gibt so viele Hilfsangebote, und die Frauen nehmen sie einfach nicht an. Ich hatte ja erwartet, dass es anders sein würde hier, aber dass es so verschieden ist von dem was ich kenne, habe ich doch nicht gedacht.

Was nützen Ihnen die Erfahrungen aus Deutschland für Ihre Arbeit in Bolivien?

Alina Rueda: Ideen habe ich nun genug, wie ich den Jugendlichen in der Prostitution helfen könnte, vor allem mit mehr Angeboten natürlich. Aber es wird schwer, die Erfahrungen aus Deutschland in Bolivien umzusetzen, die Voraussetzungen sind so verschieden. Ich werde mit den Schwestern sprechen und auch mit den Bordellbesitzern, und vielleicht können wir etwas von dem umsetzen, was ich hier erlebt habe. Aber die Projekte sind hier sehr verschieden von dem, was ich aus Bolivien kenne. Der Staat ist hier so stark engagiert für alle, die ausgeschlossen sind aus der Gesellschaft. Alles bezahlt der Staat. Im bolivianischen Kontext kann man das nicht so einfach umsetzen, das ist ein langer Weg.

Was konnten Sie den deutschen Kollegen vermitteln?

2 Frauen in einem WohnzimmerAlina Rueda (links) mit Inge Meinhardt von der Straffälligenhilfe des SKF KölnBenedikt Kraus / Caritas international

Alina Rueda: Ich glaube, dass vor allem der Austausch auf dem Gebiet der medizinischen Arbeit mit Prostituierten für die Kollegen hier sehr interessant war. In Bolivien gibt es eine  gesundheitliche Kontrollpflicht für Prostituierte, das war neu für die deutschen Kollegen. Ich fände es gut, wenn sie in Deutschland das gleiche machen würden, so kann die Übertragung von Krankheiten vermieden werden. Man darf vor allem die Jugendlichen auf diesem Gebiet nicht hängen lassen, das wäre sehr gefährlich.

Wo liegen die Unterschiede in der Prostitution zwischen Bolivien und Deutschland?

Alina Rueda: Die Frauen, die ich hier gesehen habe, sind eigentlich nicht dazu gezwungen sich zu prostituieren. Sie machen es aus freien Stücken und wegen des Verdienstes. In Bolivien ist das anders. Da geht es ums Überleben. Oft sind es Frauen, deren Partner keine Arbeit haben. Die Männer zwingen ihre Frauen in die Prostitution, damit sie die Familien finanziell über Wasser halten. Auch werden häufig Jugendliche mit falschen Versprechungen und Arbeitsangeboten in die Prostitution gelockt und kommen dann nur schwer wieder heraus.

Wie unterscheidet sich die Sozialarbeit mit Prostituierten?

Alina Rueda: Einiges überschneidet sich natürlich, die Rolle der Sozialarbeiter ist sehr ähnlich, es geht um Aufklärungsarbeit und um das Aufzeigen von Alternativen. Die Ziele sind dieselben, nur sind die Mittel zur Umsetzung so verschieden.