Besuch aus Chile 2016

Begegnungsreise

„Die Herausforderungen sind dieselben“

mehrere Personen sitzen um einen Kaffeetisch - vertieft im GesprächBesuch aus Chile, Peru und Kuba 2016Stefan Teplan

"Lateinamerika ergraut", sagt die Chilenin Ximena Romero. 58 Millionen Menschen in Lateinamerika, so berichtet sie, sind über 60 Jahre alt. Statistiken zufolge soll sich diese Zahl bis 2050 verdreifacht haben. Wenn jemand einen Überblick über die Situation von älteren Menschen in Südamerika hat, dann Romero: Sie leitet das "Lateinamerikanische Netzwerk Gerontologie", die Internet-Plattform www.gerontologia.org, in der soziale Fachkräfte des ganzen Kontinents sich regelmäßig über Probleme, Praxiserfahrungen, soziale Ansätze und mögliche politische Lösungen auf dem Gebiet der Altenhilfe austauschen.

Dieser Austausch wurde nun auf Einladung von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, interkontinental geführt: Romero kam mit den verantwortlichen Altenhilfe-Koordinatoren der Caritas Kuba (Shirley Nunez Guilleuma), der Caritas Chile (Mario Noguer) sowie der Caritas Peru (Raffael Quispe) für zehn Tage nach Deutschland. Sie wollten erfahren, wie hierzulande auf den demographischen Wandel reagiert wird und berichteten Caritas-Kolleginnen und -kollegen von den Erfahrungen in ihren Ländern.

Wenn ältere Menschen nur Last sind

Mario Noguers Fazit nach zehn Tagen des intensiven Fachaustauschs: "Wir stehen vor den gleichen Herausforderungen. Nur haben wir völlig verschiedene Grundvoraussetzungen." Denn mag auch die Entwicklung der Alterspyramide hier wie dort ähnlich verlaufen, so steht ein hochwertiges soziales und (noch) funktionierendes Rentensystem in Deutschland der Situation in Südamerika gegenüber, wo vier von zehn Personen überhaupt keine Rente erhalten. Auch fehlen staatliche Einrichtungen und Hilfsangebote für ältere Menschen weitgehend. Viele Menschen müssen daher bis ins hohe Alter arbeiten. Sind sie körperlich dazu nicht mehr in der Lage, erfahren sie oft  Ausgrenzung und Gewalt, unter Umständen gar durch ihre eigenen Familienangehörigen. Wenn der Wert eines Menschen nur an seiner Leistungsfähigkeit und als Brotverdiener gemessen wird, muss zwangsweise ab einem gewissen Alter die jüngere Generation der älteren überlegen sein.

So wachsen Generationen zusammen

"In Deutschland habe ich gesehen, dass es auch anders geht", kontert Raffael Quispe. "Ich bin davon äußerst beeindruckt. Denn es gibt Wege, wie die Generationen miteinander leben können." Quispe spielt auf Beobachtungen an, die er mit seinen Kolleginnen und Kollegen in Mehrgenerationenhäusern in Gerolstein in der Eifel und in Kirchen im Westerwald machte. Die Caritas-Häuser bieten eine Fülle von Freizeitmöglichkeiten für Alt und Jung an: Gesellschaftsspiele, Bastel- und Handarbeitsgruppen, Computerkurse und Internet-Zugänge, Musik und mehr. "Auch wenn manche dieser Angebote oft doch nur für eine bestimmte Altersgruppe interessant sind und in der Praxis eine Interaktion zwischen den Generationen nicht immer gelingt", ergänzt Shirley, "so finde ich es großartig, dass es solche Einrichtungen überhaupt gibt."

Sie schwärmt davon, dass diese Caritas-Einrichtungen nicht nur Begegnungsstätten zwischen Alt und Jung sind, sondern noch viele andere Gruppen integrieren. So begegnete sie im Mehrgenerationenhaus Gerolstein neben einer Gruppe engagierter älterer Damen auch einer Gruppe afghanischer Flüchtlinge, die dort einen Deutschkurs absolvierten. "Und in Kirchen", erzählt die Kubanerin, "war ich ganz angetan davon, dass in der Einrichtung neben einem offenen Treff für Alt und Jung auch Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder mit Suchtproblemen gemacht werden - mit Ergotherapie, Musik, gemeinsamen Ton- und Töpferarbeiten und vielem mehr."

Mehrere Tage verbrachte die Gruppe aus Lateinamerika in der Hauptstadt Berlin. Dort stand unter anderem ein Besuch beim Bundestagsabgeordneten Peter Weiß - Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales - auf dem Programm. Durch ihn gewannen die Lateinamerikaner/innen ein ganz neues Bild des Zustroms der Geflüchteten in Deutschland: "Von ihm erfuhren wir", erzählt Ximena Romero, "wie Deutschland durch die vielen neuen Migranten die Probleme des demographischen Wandels abzufedern hofft. Und auch, dass durch sie die im sozialen System entstandene Schieflage ausgeglichen werden könnte."

Beim Caritas-Kongress boten Mario Noguer und Raffael Quispe einen Workshop zum Thema demographischer Wandel an. Sie beeindruckten ihre deutschen Kollegen und Kolleginnen, indem sie sehr anschaulich aufzeigten, wie älteren Menschen in Lateinamerika mit beschränkten Mitteln und gemeinwesenbasierter Arbeit durch den engagierten Einsatz Ehrenamtlicher eine Teilhabe am sozialen Leben ermöglicht wird. Und: Wie die jüngeren Generationen die Erfahrungen und das Wissen ihrer Eltern und Großeltern neu schätzen lernen.

Stefan Teplan, 2016