Besuch Kambodscha 2011

Begegnungsreise

Historische Parallelen zwischen Deutschland und Kambodscha

Eine Gruppe Menschen vor einem farbigen RollstuhlBesuch in der Tagesstätte St. Stephanus in Dortmund: Ursula Wimmer, Dr. Bhoomikumar, Stefan Teplan, Elke Krause (v. l.)Simone Geibel / Caritas international

Stefan Teplan von Caritas international hat Dr. Bhoomikumar von den Anfängen seiner Arbeit in Kambodscha berichtet und Vergleiche zur Situation in Deutschland gezogen. Hier sein Bericht:

Als der indische Arzt und Psychiater Dr. Jegannathan Bhoomikumar 1995 nach Kambodscha kam, um dort eine von der nationalen Caritas soeben gegründete Tagesstätte für Menschen mit geistigen Behinderungen zu leiten, sah er sich mit einer ähnlichen Problematik konfrontiert, wie sie auch der Deutsche Caritasverband nach 1945 vorgefunden hatte: Es gab so gut wie keine Menschen mit einer Behinderung mehr im Land. Eine grausame Diktatur mit einer rassistischen Ideologie - in Deutschland jene der Nationalsozialisten, in Kambodscha jene der Roten Khmer - hatte alle für nicht lebenswert erklärt, die nicht nach ihrer Definition "gesund" und "normal" waren. Und so wurden, in Nazi-Deutschland wie im Kambodscha der Roten Khmer, fast alle Menschen mit einer Behinderung getötet.

Zunächst gab es nur Kleinkinder zu behandeln

Dr. Bhoomikumar und Petra Rohierse in einem WerkraumDr. Bhoomikumar und Petra Rohierse, Marketingleiterin der Wendelstein-Werkstätte in Raubling bei Rosenheim, bei einer Besichtigung der Werkräume Simone Geibel, Caritas international

"Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer", erzählt Dr. Bhoomikumar, "war Mitte der 90er Jahre gerade erst zu Ende gegangen. Wir fanden zu Beginn unserer Arbeit eigentlich nur Kleinkinder mit einer geistigen Behinderung vor, weil alle anderen ermordet worden waren." Bis heute ist die Einrichtung nahe der Hauptstadt Phnom Penh die einzige ihrer Art in ganz Kambodscha.

Von Anfang an war klar, dass sie mehr sein sollte als nur eine Tagestätte. Institutionelle Hilfe wie in Deutschland war - und ist in vielen Landesregionen noch heute - in der Bevölkerung wenig bekannt. Über die Ursachen der Entstehung einer Behinderung und über Möglichkeiten der Förderung herrscht in den ländlichen Regionen absolutes Unwissen. "Die Menschen wären erst gar nicht in unsere Tagesstätte gekommen, wenn wir sie nicht zuvor in den Dörfern aufgesucht hätten", sagt Dr. Bhoomikumar. Bis heute fahren Teams seiner Einrichtung regelmäßig in die Dörfer, um dort zunächst einmal Menschen mit einer Behinderung zu identifizieren.

Ein behindertes Kind als "Strafe für Sünden in einem früheren Leben"

Immer  wieder entdecken sie dort Kinder, die im hintersten Winkel einer Hütte vor der Außenwelt versteckt gehalten werden: Ein Kind mit einer Behinderung zu haben wird von den meisten Müttern als große Schande empfunden. "Durch ihr buddhistisches Weltbild", erklärt Dr. Bhoomikumar, "interpretieren es die Mütter als Strafe für ihre Sünden aus einem früheren Leben." Aufklärung tut bitter not. Er und sein Team erklären bei ihren Besuchen der ganzen Dorfgemeinschaft, dass zum Beispiel mangelnde Hygiene, Fehlernährung und fehlende Schutzimpfungen Hauptursachen von Behinderungen sind - und nicht etwa Sünden aus einer früheren Inkarnation.

Dr. Bhoomikumar weiß, dass Gemeinwesenarbeit in jedem Land - bedingt durch kulturelle, soziale und wirtschaftliche Unterschiede - anders funktionieren muss. Aber da heutzutage so viel von Globalisierung die Rede sei, sagt er, habe er einen Traum: "Vielleicht übernehmen nicht nur wir Asiaten etwas von Europa, sondern auch Europa etwas von uns. Bei uns gibt es weniger Heime, aber weit mehr Generationen übergreifenden Familienzusammenhalt. Mit einem kleinen Scheibchen mehr davon wäre vielen Menschen mit Behinderung noch mehr gedient."

Zu einem weiteren Fachaustausch wird es Ende des Jahres kommen: Im Dezember 2011 reist eine Delegation von Vertretern des Deutschen Caritasverbands zu einem Dialogprogramm nach Kambodscha, um Projekte der Caritas Kambodscha zu sehen, darunter auch das von Dr. Bhoomikumar.

März 2011