Besuch aus Marokko 2016

Begegnungsreise

„Wir nehmen unheimlich viel mit“

2 Frauen schauen eine Broschüre anIsmael ezählt der Psychologin Fairouz Idbihi von seinen Zukunftsplänen.Mathias Birsens

Gerade erst etwas mehr als ein Jahr ist er hier, spricht aber nahezu fließend Deutsch, wird nächstes Jahr sein Fachabitur machen und dann Informatik studieren. In seinem Zimmer in einer Wohngruppe für minderjährige Flüchtlinge in Münster, das das der Diözesan-Caritas angeschlossene Vinzenzwerk Handorf betreut, macht er täglich eifrig seine Hausaufgaben. Danach hört er Musik oder spielt Fußball mit den Jungs vom Gymnasium, das sich auf dem gleichen Gelände befindet. "Ein Musterbeispiel an Integration", urteilt Jorge Dominguez, Sozialarbeiter der Caritas Marokko, als er das Wohnheim mit seiner Kollegin Fairouz Idbihi besucht. "Dass die unbegleiteten Minderjährigen bei uns einmal so weit kommen, daran arbeiten wir. Und holen uns dazu in Deutschland Anregungen."

Dominguez und Idbihi arbeiten im Migrationszentrum der Caritas in Rabat. Von den rund 3.500 Migranten und Migrantinnen, die dort von 30 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Caritas betreut werden, sind etwa 200 unbegleitete Minderjährige. Im Mai 2016 kamen deutsche Kolleginnen und Kollegen zum Fachaustauch. Im November statteten die marokkanischen Fachkräfte den Einrichtungen und Verbänden in Deutschland einen Gegenbesuch ab: Jorge Dominguez und Fairouz Idbihi in Offenbach, Frankfurt, Münster und Rodgau, ihre Kolleginnen Monica Pedraza Sanchez, Leiterin des Zentrums in Rabat, und die Sozialpädagogin Fanny Curet in Köln, Friedland und Gießen.

Nicht überall trafen sie auf Musterbeispiele der Integration wie Ibrahim, doch waren sie insgesamt äußerst beeindruckt, von dem, was die Caritas an Sozialarbeit für Flüchtlinge leistet. "Von so schönen Zimmern, wie wir sie in den Heimen für die unbegleiteten Minderjährigen gesehen haben, kann man bei uns nur träumen. Von den unbegleiteten Minderjährigen, denen wir begegneten, nahmen wir das Gefühl mit, dass sie beste Lebensbedingungen, ehrgeizige berufliche Ziele und sehr gute Perspektiven haben", erzählt Fairouz Idbihi. Die Psychologin nahm allerdings noch weit mehr mit: "Besonders beeindruckt war ich von den Begegnungen mit Fachkräften in der Traumapädagogik im Mauritzwerk Münster und dem Vinzenzwerk Handorf. Da ich täglich mit oft schwer traumatisierten Jugendlichen aus den subsaharischen Ländern konfrontiert bin, leiste ich viel Traumaarbeit. Ich bin die einzige, die das in unserem Team in Rabat macht. In Münster habe ich erfahren, dass jede einzelne Fachkraft für den Umgang mit den Traumata der Jugendlichen sensibilisiert und geschult wird. Das will ich nun bei uns in Rabat auch versuchen."

2 Frauen schauen eine Broschüre anMonica Pedraza Sanchez und Fanny Curet betrachten das Anschauunsmaterial für das "KIKUS"-System zum Sprachenlernen Mathias Birsenes

Ein Problem dabei: Professionelle Traumaarbeit erfordert viel Zeit. Viele der unbegleiteten Minderjährigen aber betrachten Marokko nur als Transitland auf dem Weg zu ihren Wunschzielen Deutschland und Schweden. Man weiß nie, wie lange manche bleiben, einen Monat vielleicht nur, ein oder mehrere Jahre. Doch lässt sich Idbihi davon nicht entmutigen: "Jeder Tag ist eine neue Chance, den Menschen zu helfen und sie psychisch zu stabilisieren. Und weil der Weg nach Europa für sie immer schwieriger wird, versuchen wir, ihnen in unserem Land Perspektiven zu bieten."

"Jeder Tag ist eine neue Chance, Menschen zu helfen" (Fairouz Idbihi, Psychologin, Caritas Marokko)

Um solche Perspektiven zu erhalten, braucht es Bildung. Und die ist nicht möglich ohne Aufenthaltsgenehmigung und Sprachkenntnisse. Daher engagiert sich die Caritas in Rabat in diesem Bereich besonders stark. "Und bei unserem Deutschland-Besuch", berichtet Fanny Curet, "habe ich dazu etwas ganz Wesentliches mitgenommen. Im von der Caritas und der Diakonie betreuten Grenzdurchgangslager Friedland machte mich eine Pädagogin mit einem für mich revolutionären System zum Fremdsprachenerwerb für Kinder vertraut: Kikus, einem nur auf Bildern basierenden pädagogischen Konzept." Gut, dass ihre Chefin Monica Pedraza Sanchez in Friedland mit dabei war: Sie studierte ebenso begeistert das Anschauungsmaterial und beschloss auf der Stelle: "Das werden wir jetzt auf jeden Fall in unserem Vor- und Grundschulprogramm in Marokko verwenden. Wir nehmen unheimlich viel mit aus Deutschland. Dafür allen KollegInnen einen ganz herzlichen Dank!"

Stefan Teplan, 2016

Folgende Orte und Einrichtungen besuchten die vier Kolleg(inn)en der Caritas Marokko bei ihrem zehntägigen Aufenthalt in Deutschland: In Köln: das Jugendcafé „Bugs“, das Domforum zu Fachaustausch-Gesprächen mit Caritas-Kolleg(inn)en sowie mehrere Flüchtlingsunterkünfte. In Friedland: die Caritasstelle im Grenzdurchgangslager mit diversen sozialen Angeboten sowie die Außenstelle Friedland des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. In Gießen: die Caritas-Geschäftsstelle sowie mehrere Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. In Offenbach: die Caritas-Geschäftsstelle und das Caritas-Sozialkaufhaus. In Rodgau: eine Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. In Münster: das Vinzenwerk Handorf sowie das Kinderheim St. Mauritz in Münster. In Frankfurt gestalteten Jorge Dominguez und Fairouz Idbihi einen Workshop zur Migrationsarbeit mit zwölf Caritas-Kolleg(inn)en aus fünf Bundesländern. Allen Kolleg(inn)en, die diese Fachbesuche und den Workshop möglich gemacht haben, an dieser Stelle ein großes Dankeschön!