Besuch aus Russland 2013

Begegnungsreise

Unterschiede identifizieren. Gemeinsamkeiten entdecken.

Begegnungsreise 2013_Fachgespräch

Die Gäste aus Russland schockierten ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen manchmal regelrecht, wenn sie erzählten, unter welchen Umständen viele Kinder bei ihnen leben: "Alkoholismus. Gewalt. Missbrauch. Unbeschreibliche Armut. Oft leben zwölf Menschen in einem einzigen Zehn-Quadratmeter-Raum zusammengepfercht. Meist ohne fließendes Wasser. Und ohne Toilette. Die ist draußen im Freien. Und da kann es im Winter schon mal minus 40 Grad Celsius haben. So wachsen bei uns viele Kinder und Jugendliche auf.", erklärte Elena Sobolewa, Leiterin eines Kinderzentrums im 80.000-Seelen-Ort Jurga/Sibirien. Da friert es einen vom Zuhören. Nicht wegen der Temperaturen, sondern wegen der emotionalen Eiseskälte, von der Elena berichtet, jene Gefühlskälte, die in vielen Familien die Herzen der Kinder gefrieren lässt. Sie wieder aufzutauen, das haben sich Elena und ihre Kolleginnen und Kollegen von den Caritas-Kinderzentren - oder "Kinderklubs", wie sie es nennen - in Russland seit acht Jahren zur Aufgabe gesetzt.

Wie sie das machen, das vermittelten zwei Sozialpädagoginnen - Elena Sobolewa und Ewgenia Worontschagina von der Caritas Saratow/Südrussland - und ein ehrenamtlicher Helfer, Andrei Hoklow, ehemals von einem Kinderklub Betreuter aus Novosibirsk, bei der Begegnungsreise im November Fachkräften des Deutschen Caritasverbands. Zwei Wochen besuchten sie Verbände und Einrichtungen, um sich mit ihren Kolleg(inn)en auszutauschen und an der Aktion "Eine Million Sterne" - einer Lichterkerzen-Solidaritätsaktion, die an über 80 Orten von der Caritas jährlich im November veranstaltet wird, teilzunehmen, deren Schwerpunktprojekt 2013 die Kinderklubs in Sibirien darstellten.

Begegnungsreise 2013_Kindergarten

Kitas, Wohngruppen, Mutter-Kind-Heime, Clearingstellen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Notaufnahmen für Kinder und Flüchtlinge und mehr - die Besucher(innen) der Caritas Russland staunten über das enorme Angebot an Einrichtungen, die das soziale System in Deutschland ermöglicht. "Der Bedarf für solche Einrichtungen wäre auch bei uns da, vielleicht noch mehr als in Deutschland, aber es gibt fast nichts. Die Caritas-Kinderklubs sind  wie eine Oase in der sozialen Wüste. Abgesehen von staatlichen Waisen- und Kinderheimen, die sie betreibt, leistet die Regierung fast nichts. Unsere Arbeit wird zu rund 90 Prozent vom Deutschen Caritasverband unterstützt, der Rest kommt von privaten Sponsoren und teilweise von den Kommunen."

Ein ganz großer Wunsch von Elena Sobolewa wäre so etwas wie eine stationäre Wohngruppe für Jungen und Mädchen aus extrem schwierigen Lebensverhältnissen. "Was wir in dieser Richtung bei der Caritas in Deutschland gesehen habe, davon können wir nur träumen, aber Träume werden ja manchmal auch wahr. Unsere Kinder-Klubs sind ja nur Tagesstätten, und abends müssen die Kinder oft wieder zu prügelnden Vätern oder suchtkranken Müttern zurück. Wir versuchen aufzufangen, was wir nur können, aber wir haben natürlich Fälle, bei denen in Deutschland ein Kind sofort aus der Familie genommen würde."

Gerade vor diesem Hintergrund zollten deutsche Fachkräfte ihren russischen Caritas-Kolleg(inn)en höchste Anerkennung. Joachim Peters, Leiter der Familien- und Erziehungsberatung der Caritas Iserlohn, brachte es während einer Präsentation der russischen Gäste auf den Punkt: "Was Sie mit einem absolut niedrigen Betreuungsschlüssel von zwei Fachkräften für 20 Kinder Erstaunliches an Sozialarbeit leisten, davor können wir alle nur den Hut ziehen."

November 2013