Marokko/ Deutschland

Begegnungsreise

Im Austausch zugunsten minderjähriger Migranten

Workshop in Frankfurt am MainFairouz Idbihi beim Workshop in Frankfurt am Main.Foto: Mathias Birsens/ Caritas international

Durch die Abriegelung der Grenzen nach Europa ist Marokko vom Transit- zum Zielland von Flüchtlingen und Migranten geworden. Pedraza, die Leiterin des Caritas-Migrationszentrum in Rabat, und ihre knapp 35 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Caritas in Marokko beraten und betreuen jährlich mehr als dreitausend Hilfesuchende, unter ihnen einige hundert unbegleitete Minderjährige. Dominguez leitet die Erstaufnahme des Zentrum, Idbihi arbeitet als Psychologin. Bei ihrer Begegnungsreise hatten sie die Möglichkeit, Projekte für junge Migranten und Flüchtlinge in Deutschland kennenzulernen und bei einem gemeinsamen Workshop mit anderen Fachkräften über die jeweiligen Hilfen und Konzepte zu diskutieren. Auf den ersten Blick erschienen den Kollegen aus Marokko die Bedingungen für Flüchtlinge in Deutschland geradezu paradiesisch. Doch im Fachaustausch während der Begegnungsreise wurde schnell klar, dass es auch in Deutschland noch Probleme im Umgang mit Flüchtlingen gibt, die sich von denen in Marokko gar nicht so sehr unterscheiden.

Begegnung mit dem jungem Syrer aus einer Wohngruppe in Münster

„Past vs. Future“ (Vergangenheit gegen Zukunft) steht auf dem bordeauxroten Sweatshirt, das Ismael Al-Shatr trägt. Knapper, treffender könnte man seine aktuelle Situation nicht ausdrücken. Sein Leben in Syrien, wo er ständiger Todesgefahr, Bombenhagel und Terror ausgesetzt war, hat er hinter sich gelassen. In seiner neuen Wahlheimat Deutschland richtet er den Blick nach vorne, auf eine - so hofft er - verheißungsvolle Zukunft. Gerade erst etwas mehr als ein Jahr ist er hier, spricht aber nahezu fließend Deutsch, wird nächstes Jahr sein Fachabitur machen und will dann Informatik studieren. In seinem Zimmer in einer Wohngruppe für minderjährige Flüchtlinge des Vinzenzwerk Handorf in Münster, das zur Diözesan-Caritas gehört, macht er täglich eifrig seine Hausaufgaben, hört dann Musik oder spielt Fußball mit den Jungs vom Gymnasium, das sich auf dem gleichen Gelände befindet. „Ein Musterbeispiel an Integration“ findet Sozialarbeiter Jorge Dominguez, der auf seiner Reise aber auch gelernt hat, dass Integration in Deutschland auch nicht immer so gelingt, wie man sich das wünscht. Auch in Marokko arbeiten sie daran, „dass die minderjährigen Flüchtlinge einmal so weit kommen“, ergänzt Fairouz Idbihi.

Zu Besuch im Vinzenzwerk Handorf.Idbihi und Dominguez zu Besuch in der Wohngruppe „Paul“ für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Vinzenzwerk Handorf.Foto: Mathias Birsens/ Caritas international

Doch die Bedingungen, unter denen in Deutschland und in Marokko Flüchtlingsarbeit geleistet wird, könnten unterschiedlicher kaum sein. Während die Hilfe in Deutschland zum großen Teil vom Staat finanziert wird, ist die Caritas in Marokko mit ihrer Sozialarbeit komplett auf Spenden angewiesen. „Von so schönen Zimmern, wie wir sie in den Heimen für die unbegleiteten Minderjährigen gesehen haben, kann man bei uns nur träumen“, erzählt Fairouz Idbihi, denn in Marokko lässt der Staat die offizielle Unterbringung von Flüchtlingen über Nacht eigentlich nicht zu. „Von den unbegleiteten Minderjährigen, denen wir begegnen, nehmen wir das Gefühl mit, dass sie gute Lebensbedingungen, ehrgeizige berufliche Ziele und sehr gute Perspektiven haben“.

Kaum professionelle Unterstützung für traumatisierte Minderjährige in Marokko

Als Psychologin interessiert sich Caritas-Mitarbeiterin Idbihi vor allem für die traumapädagogische Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. „Da ich täglich mit oft schwer traumatisierten Jugendlichen aus den Ländern Subsahra-Afrikas konfrontiert bin, leiste ich viel Trauma-Arbeit. Ich bin die einzige, die das in unserem Team in Rabat macht. In Münster habe ich erfahren, dass jede einzelne Fachkraft für den Umgang mit den Traumata der Jugendlichen sensibilisiert und geschult wird. Das will ich bei uns in Rabat auch versuchen.“ Ein Problem dabei: Professionelle Trauma-Arbeit erfordert viel Zeit. Viele der unbegleiteten Minderjährigen aber betrachten Marokko nur als Transitland auf dem Weg zu ihren Wunschzielen Deutschland oder Schweden. Man weiß nie, wie lange manche bleiben, einige Wochen vielleicht nur, einige Monate oder ein Jahr. Doch lässt sich Fairouz Idbihi davon nicht entmutigen: „Jeder Tag ist eine neue Chance, den Menschen zu helfen und sie psychisch zu stabilisieren. Und weil der Weg nach Europa für sie immer schwieriger wird, versuchen wir, ihnen in unserem Land Perspektiven zu bieten.“

Monica Pedraza, Leiterin des Caritas-Migrationszentrums in Rabat"Es ist wichtig, den Migranten nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur des Landes näher zu bringen. Jugendclubs als Orte der Begegnung sind dafür eine tolle Möglichkeit“, sagt Monica Pedraza.Foto: Mathias Birsens/ Caritas international

Um solche Perspektiven zu erhalten, braucht es Bildung. Und die ist nicht möglich ohne Aufenthaltsgenehmigung und Sprachkenntnisse. Daher engagiert sich die Caritas in Rabat in diesem Bereich besonders stark. Idbihis Chefin Monica Pedraza, die ebenfalls mit nach Deutschland gereist ist, begeistert sich besonders für das Fremdsprachen-Lernsystem KIKUS, das basierende auf Bildern speziell für Kinder entwickelt wurde und zum Beispiel im Flüchtlingslager Friedland zum Einsatz kommt. „Das werden wir jetzt auf jeden Fall in unserem Vor- und Grundschulprogramm in Marokko verwenden“, freute sich Pedraza über diese Neuentdeckung auf der Begegnungsreise durch Deutschland.

Ähnliche Probleme trotz unterschiedlicher Bedingungen

Neben ganz konkreter Unterstützung wie der Vermittlung von Notunterkünften oder der Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarf, helfen die Kollegen von der Caritas in Marokko den Jugendlichen auch dabei, ihre Rechte auf Schutz, medizinische Versorgung, Zugang zu Schul- und Berufsausbildung einzufordern und beraten sie bei der Legalisierung ihres Status. Denn obwohl entsprechende Gesetze zum Schutz minderjähriger Migranten vorhanden sind, finden diese in der Praxis nur selten Anwendung. Doch auch in Deutschland stoßen die Kollegen bei ihrer Hilfe immer wieder an Grenzen. „In Marokko bleiben viele unbegleitete Minderjährige ohne Schutz und Ausbildung, weil das Land arm ist. In Deutschland geschieht dasselbe, obwohl genügend Mittel dafür bereitstünden!“, beklagt Thomas Heek, Leiter der Caritasstelle im Grenzdurchgangslager Friedland. Die deutschen Caritas-Kollegen stellten während des Workshops zudem überrascht fest, dass es einen großen Unterschied macht, ob ein unbegleiteter Minderjähriger in Berlin, Frankfurt, Köln oder Moers am Niederrhein um seine Rechte kämpft.

So war der kollegiale Austausch für alle Beteiligten außerordentlich bereichernd. Sowohl die Gäste aus Marokko als auch die deutschen Kollegen nehmen nach eigenen Aussagen viel Informationen und neue Ideen für ihre Arbeit mit den unbegleiteten Minderjährigen mit. Und in einem Punkt sind sie sich auch einig: Dauerhafte Lösungen für das globale Problem der Migration wird es ohne einen grenzüberschreitenden Dialog nicht geben.

November 2016