Marokko

Reportage

Entwurzelt und auf der Suche nach dem Glück

Drei JugendlicheUnbegleitete Minderjährige bei einer Veranstaltung im Caritas Migrations-Zentrum in Rabat.Hermann Kenfack / Caritas international

Malik lebte versteckt in den Wäldern bei Nador, einem Städtchen unweit der spanischen Exklave Melilla an der Mittelmeerküste Marokkos. Drei sieben Meter hohe, streng bewachte Grenzzäune mit Stacheldraht und Gräben dazwischen schotten die spanische Exklave Melilla vom marokkanischen Territorium ab. Über das, was er bei seinen erfolglosen Versuchen, diese Sperranlagen zu überwinden, erlebt hat, schweigt Malik sich aus - auch über die lange Zeit des Wartens auf den richtigen Moment. "Es war hart", sagt er nur. "An den Grenzen sind Sachen passiert, das hat mich total geschockt. Es war einfach hart, bis ich diese Frau getroffen habe. Sie hat mir so viel geholfen. Das werde ich nie vergessen. Ich habe ihr einen Hip-Hop-Song gewidmet!"

Als er seine Retterin traf, hatte Malik bereits ein halbes Jahr auf den richtigen Moment zur Flucht über die Sperranlagen gewartet. Sie war es, die ihm von der Caritas erzählte. Malik vertraute ihr und machte sich auf den Weg ins Caritas-Migrationszentrum nach Rabat. Inzwischen hat er ein Dach über dem Kopf und lernt fleißig. "Ich will mein Diplom hier machen und danach in Europa arbeiten", erzählt er eifrig. "Mein großer Traum ist, Koch zu werden und Hip-Hop-Künstler. Musik ist cool!"

Auch die 17-jährige Katia aus dem Kongo nimmt die Unterrichtsangebote der Caritas wahr und ist eine ehrgeizige Schülerin. Sie träumt davon, ihr Abitur zu machen und in einem Krankenhaus zu arbeiten. Die Voraussetzung dafür ist allerdings eine Aufenthaltsgenehmigung.

Alles dreht sich um Fußball

Der 16-jährige Didier aus der Elfenbeinküste kam wegen des Fußballs nach Marokko. "Ich war auf einem Sport-Internat und spielte dort in der Fußball-Mannschaft", berichtet er. "Da kam ein Mann, sah uns beim Spielen zu und sagte, er könne uns ins Ausland vermitteln. Er sprach von Portugal oder der Türkei, zeigte uns Videos von dort, hat die Visa für uns beantragt und uns Tickets nach Marokko als Zwischenstation besorgt. Meine Eltern haben ihm 3.000 Euro gegeben. Als wir in Marokko ankamen, wohnten wir zuerst bei seiner Schwester. Er wollte noch mehr Geld. Und plötzlich war er wie vom Erdboden verschluckt. Er geht nicht mehr ans Telefon. Auch über Facebook finden wir ihn nicht mehr."

Portrait15-jährige unbegleitete Minderjährige aus Kongo. Hermann Kenfack / Caritas international

Portrait16-jähriger unbegleiteter Minderjähriger aus Kongo.Hermann Kenfack / Caritas international

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Traum von der Fußballkarriere ist ein sehr häufig genannter Grund, warum unbegleitete Minderjährige in Marokko stranden. Die Betreuer(innen) im Caritas-Zentrum hören immer wieder dieselben Geschichten: Jungen und Mädchen, die in Amateur- oder Profi-Fußballclubs gespielt haben. Dort lernten sie dann jemanden kennen, der sich ihnen als Manager vorstellte und ihnen vorgaukelte, Verbindungen zu ausländischen Profi-Clubs zu haben, wohin er sie vermitteln würde.

Was die Jugendlichen bewegt

Von November 2015 bis März 2016 führte die Caritas Rabat Befragungen von 102 unbegleiteten Minderjährigen durch, darunter 78 Jungen und 24 Mädchen. Auf die Frage, warum sie sich auf den Weg nach Europa machten, antwortete die Hälfte von ihnen (48 Jungen und drei Mädchen), dass sie ein materiell besseres Leben wollten. 28 Jugendliche, darunter 12 Mädchen und 16 Jungen, nannten die Flucht vor Krieg und politischen Krisen, vor häuslicher Gewalt, Zwangsehe und vor einem Leben als Straßenkind als Gründe. Weitere 16 Jugendliche, insbesondere aus der Elfenbeinküste, strebten nach einer Karriere als Profi-Fußballer(innen).

"Arbeiten und lernen", lautete die Antwort von 67 Jungen und 15 Mädchen auf die Frage, was sie denn tun wollen, wenn sie ihr Ziel (Europa) erst einmal erreicht haben. Die übrigen zwanzig hatten keine klaren Vorstellungen.

Download

Auf Wanderschaft. Unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge und Migranten in Marokko.

Begleitheft zur Aktion "Eine Million Sterne" 2016.