Zu Besuch in Albanien2013

Begegnungsreise

Engagierte Arbeit unter schwierigen Bedingungen

Schwester mit Kind auf dem ArmSchwester Dafina in RreshenChristine Decker

Das Besuchsprogramm war sehr dicht geplant. Wir besuchten zwei Zentren für Kinder und Familien, eine Tageseinrichtung für Menschen mit Behinderungen, zwei staatliche Schulen und einen Kindergarten, sprachen mit Vertretern einer Selbsthilfeinitiative älterer Menschen, begleiteten eine Schwester bei der Hauskrankenpflege, trafen Gemeindevertreter aus einem Überschwemmungsgebiet und führten Gespräche in Ministerien und der deutschen Botschaft.

Mit nur 200 Mitarbeitern ist Caritas Albanien nach unseren Maßstäben klein, und dennoch eine der größten Hilfsorganisationen des Landes. Die Katholiken sind mit zehn Prozent der knapp drei Millionen Einwohner eine Minderheit gegenüber der Orthodoxen Kirche oder dem Islam. Das Verhältnis unter den Religionsgemeinschaften wird als tolerant und harmonisch beschrieben. Eine Einschätzung, die Weihbischof und Caritaspräsident George Frendo im Gespräch bestätigt. Aber er betont auch, dass dieses friedliche Zusammenleben immer wieder neu gefestigt werden muss.

Die junge Demokratie ist noch instabil. Das kommunistische Regime hatte das Land bis zum Umsturz 1990 nach außen isoliert und im Innern Misstrauen gesät. "Freiwilligendienst" war gleichbedeutend mit Arbeitsdienst. Erst langsam entwickelt sich Bereitschaft zur ehrenamtlichen Arbeit. Don Marian, Pfarrer der mehrfach vom Hochwasser betroffenen Gemeinde Dajc, berichtet, dass sich Menschen in der kirchlichen Nachbarschaftshilfe zusammenschließen, beim Wiederaufbau anpacken, Lebensmittel zu den Bedürftigen bringen.

In Fushe-Krushe besuchen wir eine aus internationalen Spenden finanzierte Tagesstätte für Menschen mit geistiger Behinderung. Meist werden behinderte Menschen von ihren Angehörigen versteckt, hier werden sie gefördert, um später selbst etwas zu ihrem Lebensunterhalt beitragen zu können. Auch die schulische Integration für Kinder mit besonderen Bedarfen steckt noch in den Anfängen. In der Nachbarstadt Lac hat die Caritas eine Förderklasse eingerichtet, sorgt für die Qualifizierung der Lehrkräfte.

Wenn der Staat ausfällt

Der Staat selbst kommt seiner Fürsorgepflicht nicht nach. Besonders deutlich wird uns dies im nordalbanischen Rreshen, wo wir Schwester Dafina bei Krankenbesuchen begleiten. Die junge Vinzentinerin führt uns zu einem an Krebs erkrankten Patienten. Um die Gäste zu begrüßen hat er sich die kaum begehbare Treppe heruntergeschleppt. Das Haus gleicht einer Ruine, ohne fließendes Wasser und Strom. Hier lebt der ehemalige Lehrer mit seiner Frau und seinen drei minderjährigen Kindern. Die staatliche Rente reicht kaum für das Lebensnotwendige, geschweige denn für die medizinische Versorgung des Schwerkranken.

Kranke und alte Menschen, Menschen mit Behinderungen, Kinder und Familien in Armut sind die Schwächsten der albanischen Gesellschaft. Darauf angesprochen verweisen die Vertreter des Sozial- und des Gesundheitsministeriums auf vermeintlich anstehende Gesetzesvorhaben. Die Hilflosigkeit der Behördenvertreter ist nur schwer zu ertragen: "Unsere so gegensätzlichen Begegnungen mit Menschen in der ambulanten Pflege und Menschen aus der Politik haben mich fast an meine emotionalen Grenzen gebracht", resümiert Lucia Bühler (Gießen).

Unterstützt werden aus Deutschland zwei Jugend- und Familienprojekte in Cerrik und in Breglumi, einem Armutsviertel in Tirana. Es sind Familien von Bergbauern und Roma-Familien, die von den Wertstoffen der Müllhalden leben. Stolz zeigen uns die Kinder ihre Schulhefte und Themenplakate, etwa zum Umweltschutz oder zu Gefahren beim Müllsammeln. Die albanischen Kollegen berichten von medizinischen Hilfen für Schwangere, von Gesprächsrunden für Mütter, und dass die Männer in Selbsthilfe die löchrige Siedlungsstraße ausbesserten. Georg Bruckmeir (Worms) sieht Parallelen zur Arbeit in Armutsquartieren in Deutschland: "Die Bildungsförderung der Kinder kann nur erfolgreich sein, wenn auch die Familien und das Umfeld mit einbezogen werden". Bei unserem Besuch bereiten die Kinder gerade eine Veranstaltung am Folgetag vor. Der 13-jährige Luan schreibt auf ein Plakat die internationalen Kinderrechte. Diese werden Thema des Gespräches mit den Eltern sein.

Deutlich wird bei allen Stationen der Reise, dass pragmatische und flexible Lösungen notwendig sind. Ulrich Dorweiler (Gießen) erwähnt den Schulunterricht in zwei Schichten - wegen der Vielzahl der Kinder getrennt am Vor- und am Nachmittag. "Das wäre in Deutschland nicht denkbar. Manchmal gibt es einfach Grenzen im Kopf. Wir erschließen uns keine Lösungen, weil wir sie nicht für möglich halten. Diese Erfahrung hat mich angeregt und inspiriert." Und Georg Bruckmeir betont seinen Respekt für die professionelle und engagierte Arbeit der albanischen Kollegen: "Sie geben fachlich fundierte Antworten, unter schwierigen und unsicheren Rahmenbedingungen". Caritas Albanien kann nicht alle sozialen Nöte im Land lösen, zeigt aber an vielen Stellen Lösungswege auf.

Georg Bruckmeir, Mai 2013