Zu Besuch in Bolivien2015

Projektreise

Stadt – Land – Zukunft auch für Bolivien?

Frau mit Kind auf dem Rücken in El AltoIn ländlichen Gebieten sind mehr als zwei Drittel der Bevölkerung im Rentenalter. In El Alto dagegen leben viele junge Menschen.Wilfredo Limachi

Schon beim Verlassen des Flugzeugs spürten wir wie dünn die Luft hier oben ist. Atmen und Gehen fielen uns schwer. Trotz der frühen Morgenstunde empfing uns eine kleine Delegation der Caritas Bolivien, angeführt von ihrem Generalsekretär Juan Carlos Velasquez. Sie begrüßten uns herzlich und versorgten uns gleich mit Coca-Tee gegen die Höhenkrankheit. Gemeinsam mit Vertreter(inne)n von Caritas international und der FortbildungsAkademie hatte die Caritas Bolivien ein anspruchsvolles, einwöchiges Programm für uns vorbereitet. Wir erhielten Einblicke in die Jugend-, Alten- und Behindertenhilfe der Caritas vor Ort.

Zukunft auf dem Land?

Das alles überlagernde Thema bei den intensiven Gesprächen mit den bolivianischen Caritas-Kolleg(inn)en aber war die Landflucht. Wir sahen die Folgen der Landflucht in El Alto, der Trabantenstadt von La Paz, deren Bevölkerung sich innerhalb von zwei Jahrzehnten auf 850.000 Einwohner verdoppelte und weiterhin ungebremst wächst. Wir begegneten in ländlichen Gemeinden überwiegend alten Menschen, die uns die immer gleiche Geschichte erzählten: Von einem unvorstellbar harten Leben, von den Folgen des Klimawandels und der Umweltzerstörung für die Landwirtschaft und von ihren Kindern und Enkeln, die nach und nach aufgeben und fortziehen - entweder nach El Alto, nach Brasilien, Chile, Peru oder Spanien.

Mann mit Quinoa Halm in einer HochebeneBolivien - Dioniso Mamani erntet Quinoa. Ein Bewässerungssystem, aufgebaut mit Unterstützung der Caritas, ermöglichen die ErnteChristine Decker

Kampf gegen Windmühlen

In der Gemeinde San Concepción im Bistum Coroico, einem Gebiet mit subtropischem Klima etwa 120 Kilometer von La Paz entfernt, begrüßt uns der Leiter einer Selbsthilfe-Organisation älterer Menschen. Die Mitglieder seiner Senioren-Gruppe haben uns zum Apthap’i, dem gemeinsamen Mittagessen der indigenen Aymara, eingeladen. In der Mitte der Tafelrunde wird ein Tuch ausgebreitet, auf dem jeder Gast seine mitgebrachten Speisen ausbreitet. Und so reicht das Essen schließlich für alle, auch wenn manche nur wenig beisteuern können. Die Senioren-Organisation entstand auf Initiative der Caritas. Sie ermutigt ältere Menschen, sich zu organisieren und ihre Rechte gegenüber den Behörden einzufordern. Ziel ist, den Senior(inn)en ein würdiges Alter zu ermöglichen. In San Concepción entwickelten die Caritas-Mitarbeitenden gemeinsam mit ihnen Einkommen schaffende Projekte, wie die Geflügel-, Kaninchen- und Meerschweinchenzucht. Denn die Felder liegen hier an Steilhängen, die die Senior(inn)en nicht mehr bewirtschaften können. Die Kleintierzucht bietet ihnen eine Alternative, auch wenn sie für das Sammeln des Grünfutters häufig auf die Mithilfe ihrer Enkelkinder angewiesen sind.

Die Altenhilfe in San Concepción ist nur eines von vielen Beispielen, wie die Caritas in Bolivien der Landflucht vorbeugt. Dazu gehören Projekte wie Hilfen bei der Vermarktung der landwirtschaftlichen Produktion, so die Kaffeerösterei der Caritas im Bistum Coroico, beim Umweltschutz durch Alternativen zum großflächigen Coca-Anbau, der die Böden auslaugt und zur Erosion beiträgt, oder durch Bewässerungssysteme und ökologische Landwirtschaft auf den kargen Böden der Hochanden. Hier kultivieren die Bauern Kartoffeln, das Getreide Quinoa, eine dürreresistente Bohnenart und bauen Viehfutter für ihre Kühe an.

Alle ziehen an einem Strang

Für Elizabeth Calizaya, Leiterin des Bereichs Altenhilfe bei der Caritas Bolivien, ist die familiäre Mithilfe  ein gewünschter Nebeneffekt der Projekte. Ihre Überzeugung ist, dass nachhaltig wirksame Sozialhilfe nur durch einen sozialräumlichen Ansatz gelingen kann, also durch die Einbindung aller Familienmitglieder, des sozialen Umfeldes einschließlich der für die Betroffenen zuständigen Behördenvertreter(innen). In San Concepción stärkt die Hilfe der jüngsten Familienmitglieder bei der Kleintierzucht der Großeltern die Familienbande, trägt zum Lebensunterhalt der Familie bei und könnte - so die Hoffnung - mittelfristig der Landflucht vorbeugen.

Nach einer Woche vielfältigster Erfahrungen verabschieden wir Deutschen uns mit Wehmut: Wir haben professionelle und kompetente Caritas-Kolleg(inn)en kennengelernt und neue Freunde gefunden, deren engagierte Arbeit uns mit Bewunderung und großer Hochachtung erfüllt.  

Christine Decker, Januar 2015

*Zur Reisegruppe gehörten: Anette Bacher, Caritasverband Offenbach; Ilona Besha, Caritasverband Rhein-Hunsrück-Nahe; Karl Buser, Caritasverband Gießen; Christine Decker, Caritas international, Andrea Emde, Caritas Werkstätten Niederrhein; Heinrich Griep, Diözesancaritasverband Mainz; Hermann Krieger, Deutscher Caritasverband; Ferdi Lenze, Caritasverband Meschede; Renate Loth, Caritasverband Gießen; Franz Josef Meyer, Diözesancaritasverband Fulda; Tina Rosenhammer, Caritasverband Kehlheim; Ludwig Stangl, Caritasverband Landshut; Andreas Stehula, Caritasverband Gießen