In der Ukraine 2011

Begegnungsreise

Ein Land zwischen Aufbruch und Stillstand

Eine Besprechung  im Kinder- und JugendzentrumReinhard Wittland, Ruth Heuberer, Michael Bader (alle Botschafter für Caritas international) mit Sozialarbeiter Vitali, Projektkoordinatorin Zorjana und dem Arzt Yaroslaw im Kinder- und Jugendzentrum in Lviv (v.l.n.r.) Caritas international

Als wir am 5. September in Lviv (Lemberg) landeten, fühlten wir uns an den Film "Goodbye Lenin" erinnert. Anders als im Film, in dem zwei beherzte Kinder für ihre aus dem Koma erwachende Mutter die heile Welt des Arbeiter- und Bauernstaates DDR wieder aufleben lassen, schien es uns, als sei die Zeit hier stehen geblieben. Der Bus, der uns vom Rollfeld abholte, war ein Relikt aus Sowjetzeiten ebenso wie die Ankunftshalle des Flughafens. Das Flughafenpersonal behandelte uns so, wie man das in den "guten alten Tagen" gewöhnt war: Ein grimmig dreinblickender Uniformierter drängte und schob uns in die Halle, um die Türe gleich hinter uns energisch zu verriegeln. Und da war auch wieder dieser unverwechselbare Geruch nach den sparsam eingesetzten Putzmitteln der Sowjetzeit.

In den folgenden fünf Tagen erlebten wir die Widersprüche einer Bevölkerung, die nach Fortschritt und besseren Lebensbedingungen strebt, und verkrusteten staatlichen Strukturen, die einen Wandel verhindern. Hier in der Westukraine haben die Menschen dank des Internets und der Medien täglich vor Augen, wie das Leben für sie einfacher und besser sein könnte. Der behäbige Staatsapparat schreckt jedoch ausländische Investoren ab. Fortschritt gibt es allenfalls im Schneckentempo.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Caritas Ukraine als der soziale Arm der griechisch-katholischen Kirche. Besonders deutlich wurde dies in der Begegnung mit Menschen, die zu den sozial Schwächsten gehören. Unsere sechsköpfige Delegation bestand aus Caritas international-Botschafterinnen und -Botschaftern, Mitarbeitenden der Caritas in Deutschland. Eine Woche lang begleiteten wir ukrainische Kolleginnen und Kollegen, deren Arbeitsalltag einem endlosen Kampf Davids gegen Goliath gleicht.

Von Europa abgehängt

2 Frauen betrachten ein Fotoalbum über die AktivitätenEine ehrenamtliche Mitarbeiterin (rechts) im Tageszentrum für Menschen mit Behinderung in Drohobych zeigt Ruth Heuberer ein Fotoalbum über die Aktivitäten im Zentrum. Caritas international

Zurzeit beschäftigt die Caritas Ukraine rund 500 Fachkräfte in 20 regionalen Zentren. Unterstützt werden sie von schätzungsweise tausend ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Sie begleiten und fördern in extremer Armut lebende Familien, Kinder, Menschen mit Behinderung und Menschen in besonderen Lebenslagen. Sie betreuen und versorgen medizinisch HIV-Infizierte, Aidskranke sowie pflegebedürftige alte und kranke Menschen.

Nach der Öffnung Osteuropas sieht sich die Ukraine heute in mehrfacher Hinsicht als Verliererin: Die Nähe zu Russland wird als bedrohlich empfunden. Zugleich sieht man sich als Vorzimmer der EU im Osten von der wirtschaftlichen Entwicklung in den Nachbarländern abgeschnitten. Nach der Osterweiterung der EU haben sich internationale Hilfsorganisationen aus diesen Ländern zurückgezogen, auch aus der Ukraine.

Dies gelte auch für viele westliche Caritas-Organisationen, die bis dahin die Arbeit der Caritas Ukraine maßgeblich mitfinanziert hatten, berichtet Anatoliy Kozak, Generalsekretär der Caritas Ukraine. "Unser Ziel für die nächsten Jahre ist deshalb, unsere Arbeit und unsere Hilfsangebote zu konsolidieren. Langfristig wollen wir von ausländischer Unterstützung deutlich unabhängiger werden", so Kozak. Das könne aber nur gelingen, wenn der Staat seine Fürsorgepflichten wahrnehme und die Bessergestellten mehr Solidarität mit den sozial Schwächsten bewiesen.

Professionelle Hilfe braucht Zeit und Geld

Ein Mitarbeiter mit zwei behinderten KlientenReinhard Wittland (Mitte) mit Klienten im Tageszentrum für Menschen mit Behinderung in DrohobychCaritas international

Die 14-jährige Jelena* ist Klientin der Tagesstätte für Kinder und Jugendliche der Caritas Lemberg. Sie lebt mit ihrem fünfjährigen Bruder, der Mutter und deren Lebensgefährten auf 15 Quadratmetern in einem ehemaligen Arbeiterwohnheim mit Gemeinschaftsküchen und Etagentoiletten. Trotz der beengten Verhältnisse ist für Jelenas Familie vieles besser geworden in den letzten drei Jahren, seit das Jugendamt die Caritas auf sie aufmerksam machte.

Bei seinem ersten Hausbesuch hatte Yaroslav, Caritas-Arzt und Psychologe, ein Chaos vorgefunden: Jelenas Mutter und ihr Lebensgefährte waren arbeitslos und alkoholkrank. Die vier Kinder, darunter der heute 17-jährige geistig behinderte Dimitriy* und der fünfjährige Vasily*, machten einen völlig verwahrlosten Eindruck.

Das Team der Caritas kümmerte sich fortan intensiv um die Familie. Jelenas ältere Schwester ist inzwischen ausgezogen. Dimitriy lebt in einem Heim und kommt am Wochenende zu Besuch. Jelenas Mutter hat eine feste Arbeit gefunden. Jelena und Vasiliy gehen jeden Tag ins Caritas-Zentrum, das als Anlaufstelle für rund 80 Kinder und Jugendliche mit ähnlichen Schicksalen wochentags von 8 bis 20 Uhr geöffnet ist. Jelena nimmt an der Hausaufgabenhilfe und den Computerkursen teil, für den kleinen Vasiliy ist das Zentrum sein zweites Zuhause.

Viele der von der Caritas Ukraine in den vergangenen zehn Jahren betreuten Straßenkinder sind inzwischen erwachsen. Etwa ein Drittel von ihnen hat den Sprung geschafft, die Schule abgeschlossen und eine feste Arbeit gefunden. Die übrigen leben zum Teil von Gelegenheitsarbeiten, oft auch von Kleinkriminalität und manche weiterhin als Obdachlose auf der Straße.

Die Sozialarbeiter(innen) der Caritas pflegen den Kontakt zu den zuständigen staatlichen Stellen, den Jugend- und Sozialämtern. Diese verfügen in der Regel über keine eigenen Haushaltsmittel. So beschränkt sich die staatliche Unterstützung für die Arbeit der Caritas und anderer Hilfsorganisationen auf die Bereitstellung von Räumlichkeiten und eher symbolische finanzielle Beihilfen.

Vor acht Jahren gab es in der Ukraine schätzungsweise 140.000 Straßenkinder. Heute greifen Behörden und Polizei hart durch. Vagabundierende und obdachlose Kinder und Jugendliche werden aufgegriffen und in staatliche Heime zwangseingewiesen. In den landesweit sechs Tagesstätten der Caritas betreuen Sozialarbeiter(innen) heute 1450 Kinder und Jugendliche in Krisensituationen. Ihre Eltern haben sie bei Großeltern zurück gelassen, um ihren Lebensunterhalt als Arbeitsmigranten im Ausland zu verdienen, oder sie leben aufgrund von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alkohol- und Drogensucht in extremer Armut.

Engagement, das verbindet

Als Caritas-Mitarbeitende aus Deutschland, die gewohnt sind, in Pflege- und Tagessätzen zu rechnen, beeindruckten uns die Professionalität und das unerschrockene Engagement unserer ukrainischen Kolleg(inn)en. Wir beobachteten, wie diese ganz nebenbei ihren Klienten noch etwas zusteckten, obwohl sie selbst wenig verdienen. Uns beeindruckten der große Einfallsreichtum und das Improvisationsgeschick, mit dem die ukrainischen Kolleg(inn)en Hilfe aus dem Nichts zaubern.

Nach fünf Tagen, in denen wir mit Krankenschwestern der Hauskrankenpflege unterwegs waren, das Kinder- und Jugendzentrum in Lemberg, mehrere Tagesstätten für Menschen mit Behinderungen sowie ein Reha-Zentrum für Suchtkranke besucht hatten, sprach eine Kollegin aus, was wir alle dachten: "Ich bin stolz, bei der Caritas zu arbeiten!"

Dezember 2011
Christine Decker

* Namen geändert