Symposium Bericht

Pressesprecher im InterviewTeilnehmer der Podiumsdiskussion (von links):Caritas international/ Stefan Teplan

"Ich wollte provozieren und eine Debatte auslösen" erklärte Linda Polman über ihr Buch "Die Mitleidsindustrie". Das ist ihr zweifellos gelungen: Polman provoziert, indem sie die Nichtregierungs-Organisationen (NROs) als Gesamtheit betrachtet und über sie mit einer, wie die Badische Zeitung es formuliert, "griffigen These" urteilt: "Missbrauch ist Standard bei Hilfsorganisationen, und sie stiften mehr Schaden als Nutzen." (Badische Zeitung). Der Debatte, die Polman auslösen wollte, stellte sich Caritas international, das Hilfswerk der Deutschen Caritas, und lud ein zum Symposium "Vorsicht Hilfsorganisationen? Die 'Mitleidsindustrie' auf dem Prüfstand".

In einer lebhaften Diskussion auf dem Podium wie vor Fachpublikum wurden, moderiert von der Journalistin Ute Welty, Polmans Thesen diskutiert. Als Podiumsgäste wirkten mit: Gernot Erler, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion für die Bereiche Außen-, Sicherheits-, Entwicklungs- und Menschenrechtspolitik, der Poltikwissenschaftler Jochen Hippler, "Spiegel"-Korrespondent Horand Knaup sowie Jürgen Lieser, stellvertretender Leiter von Caritas international und stellvertretender Vorsitzender von VENRO (ein Zusammenschluss von rund hundert deutschen, in der Entwicklungspolitik tätigen NROs).

Vor allem einen Vorwurf machten mehrere Diskussionsteilnehmer der Buchautorin: eine Verallgemeinerung von Negativbeispielen und einen starken Mangel an Differenziertheit in dem Bild, das sie von Hilfsorganisationen zeichnet. "Sie unterscheiden nicht", hielt Jürgen Lieser ihren Behauptungen entgegen, "zwischen Organisationsformen; es gibt große und kleine NROs, es gibt gute und schlechte". Mehrere Passagen aus Polmans Buch über angeblich unseriösen bis kriminellen Lebensstil von humanitären Helfern zitierend, kam Lieser zu dem Urteil, dies sei schlichtweg "falsch" und "grob fahrlässig".

Auch Gernot Erler widersprach Polman, die in ihrem Buch primär den Einsatz von NROS in Kriegsgebieten attackiert: Es sei nicht richtig, dass Hilfsorganisationen sich in Krisengebieten von politischen Kräften instrumentalisieren ließen. Polman bringe lediglich "eine Zusammenstellung von drastischen Beispielen aus Kriegsgebieten." Er, Erler, könne aber aus seiner Arbeit in Kriegsgebieten einen ganzen Abend lang mit positiven Beispielen aus der humanitären Hilfe bestreiten.

Polman forderte bei der Veranstaltung wie auch in ihrem Buch einen bindenden gemeinsamen Verhaltenskodex für internationale Hilfsorganisationen. Diese sind im "Code of Conduct" bereits formuliert. Ca. 300 Hilfsorganisationen weltweit, unter ihnen Caritas international, haben sich ihm verpflichtet. Es gibt ihn zwar, ergänzte Horand Knaup, "aber er wird oft unterlaufen". Die Frage allerdings, wie solche Verletzungen durch unseriöse NROs geahndet werden könnten, wusste auch Jochen Hippler nicht zu beantworten: "Ich kann mir sehr schlecht eine NRO-Polizei vorstellen, die Verstöße gegen einen solchen Kodex verfolgt."

Der Eindruck einer einseitigen und tendenziösen Recherche blieb an Linda Polman haften. Dagegen stand die Tatsache, dass die Hilfsorganisationen in den vergangenen Jahren sehr wohl professionelle und transparente Standards geschaffen haben. So hat Caritas international Leitlinien zur Bekämpfung von Betrug und Korruption in der Projektarbeit entwickelt, die im Mai 2009 in Kraft getreten sind.

Gerade um der möglichen Gefahr zu entgehen, als Hilfsorganisation instrumentalisiert und politisiert zu werden, hat Caritas international das von der Bundesregierung geforderte Konzept der Vernetzten Sicherheit abgelehnt .

Ihre Leitlinen der humanitären Hilfe sind festgelegt und in dem Buch "Barmherzigkeit braucht Qualität " veröffentlicht.

Auch bestätigt das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen Caritas international seit vielen Jahren die korrekte Planung, Durchführung, Abrechnung und Kontrolle der Projektarbeit und der Hilfsmaßnahmen.

Jürgen Lieser forderte, Fakten wie diese - im Sinne der Objektivität - bei einem Urteil über Hilfsorganisationen zu berücksichtigen, die Böcke von den Schafen trennen und nicht gleich "das Kind mit dem Bade auszuschütten."

Stefan Teplan, 22. Mai 2011