Interview

Interview Linda Polman

Autorin des Buchs Mitleidsindustrie beim Caritas SymposiumLinda Polman beim Symposium von Caritas internationalCaritas international

Stefan Teplan: Ihr Buch findet - wie sich auf dem Symposium "Vorsicht Hilfsorganisationen?" von Caritas international gezeigt hat - nicht nur Zustimmung. Experten aus Nichtregierungs-Organisationen (NRO) werfen Ihnen eine Schwarz-Weiss-Perspektive vor, aus der heraus Sie negative Einzelfälle verallgemeinern und auf die ganze Branche übertragen.

Linda Polman: Das zeigt mir, dass dieses Buch verletzt. Es ist ein hartes Buch. Ich verstehe daher, dass darauf schmerzhafte Reaktionen folgen. Ich verstehe, dass Leute aus NROs sich von diesem Buch angegriffen fühlen. Gleichzeitig aber ist es nicht meine Pflicht - ich bin ja nur eine Journalistin  -, Werbung dafür zu machen, was NROs auch Gutes tun. Sie sind sehr wohl in der Lage, dies selbst zu tun. Sie haben ja gesehen: Den ganzen Nachmittag haben sie beim Symposium von all der guten Arbeit, die sie leisten, erzählt. So gibt ihnen das Buch die Gelegenheit, zu erörtern, was sie Gutes leisten.

Es gibt auch so etwas wie die Sorgfaltspflicht des Journalisten. Die erfordert, dass man positive und negative Beispiele fair gegenüberstellt. Positive Beispiele aber bringt Ihr Buch kaum.

Das Buch gibt nur ein Stück weit eine Meinung wieder. Es ist ein Werk, das eine Debatte auslösen soll. Es ist ein Pamphlet. Es ist kein objektiver Journalismus.

Sie wollten also nur provozieren?

Ja, das Buch soll provozieren. Ich wusste, was passiert wäre, wenn ich plötzlich positive Beispiele aufgezählt hätte. Alle hätten dann nur gesagt: Seht ihr, wir leisten tolle Arbeit.

Vielleicht hätte Ihr Verlag das Buch dann gar nicht angenommen.

Oh doch. Der Verlag hätte das Buch auch dann akzeptiert. Aber ich kenne die Welt der Hilfsorganisationen gut genug, um zu wissen, dass sie nur die positven Beispiele aus einem solchen Buch verwendet hätten als Beweis dafür, dass all die negativen Beispiele falsch sind. Ich wiederhole also: Das Buch wurde in der Absicht geschrieben, eine Debatte zu provozieren. Und genau das tut es.

Nun haben Sie ja auf dem Symposium von Caritas international ein zweites Buch angekündigt, das mehr die Situation in von Erdbeben betroffenen Gebieten und weniger in Kriegsgebieten beschreiben soll. Haben Sie für ein solches Buch durch das Caritas-Symposium neue Erkenntnisse gewonnen?

Ich begrüße es sehr, dass NROs sich so offen zeigen, sich einer Debatte zu stellen, mich einzuladen, mir zuzuhören und mir zu sagen, wo ich richtig und wo ich falsch liege. Vielleicht schätze ich nun die NROs mehr als je zuvor.

Speziell bei der Caritas gibt es solche Helfer, wie Sie sie in Ihrem Buch beschreiben, gar nicht, da Caritas international in der Regel mit lokalen Helfern vor Ort arbeitet. War Ihnen dies bewusst, als Sie ihr Buch schrieben?

Ja. Aber lokale Partner werden doch oft als Ausrede dafür benutzt, sagen zu können: Schaut, wir arbeiten mit lokalen Partnern, also ist alles beim Besten. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel, was ein lokaler Partner auch bedeuten kann: Imelda Marcos war einmal die Spitze der philippinischen Rot-Kreuz-Gesellschaft. Die war also auch ein lokaler Partner. Es gibt so viele lokale Partner, die nur zum Beispiel Neffen des Präsidenten sind oder aus der Familie der Kriegsherren kommen. Und Leute, die wirklich in guter Absicht arbeiten würden, bekommen keine Chance. Lokale Partner sind nichts, was mich nur irgendwie beeindrucken kann.

Waren Sie sich auch der Tatsache bewusst, dass Caritas international es ausdrücklich abgelehnt hat, sich in Afghanistan am Konzept der vernetzten Sicherheit der deutschen Bundesregierung zu beteiligen?

Meinen herzlichen Glückwunsch! Das war mir nicht bewusst, weil ja auch die Diskussion, die ich in Gang setzte, nicht um Caritas gehen sollte, sondern um den kompletten Sektor der organisierten Hilfe.

Dann müsste aus Ihrer Perspektive Caritas zumindest die Ausnahme von der Regel sein.

Sehen Sie, das passiert die ganze Zeit: Die Hilfsorganisationen, die sich an der Diskussion beteiligen, nehmen es persönlich. Ich spreche über diesen Sektor der organisierten Hilfe, der als Ganzes ein Problem hat. Ich spreche nicht über einzelne Organisationen, die dies oder das auch richtig machen. Ich bin keine Caritas-Spezialistin. Für mich ist Caritas nur einer von vielen Playern in der Hilfeleistungs-Industrie. Ich beglückwünsche die Caritas zu jedem positiven Schritt, den sie tut. Vielleicht recherchiere ich jetzt mehr über diese von Ihnen genannte Entscheidung der Caritas; das ist ja vielleicht ein ganz mutiger Schritt.

Stefan Teplan,  Mai 2011