Teilhabe für alle

Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung

Körperliche und geistige Behinderungen kommen häufiger vor, als weithin bekannt. Wir sehen Menschen im Rollstuhl, Menschen mit Blindenhunden oder auch Menschen mit Down Syndrom - viele andere Arten von Behinderungen jedoch entziehen sich unserer direkten Wahrnehmung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO korrigierte in ihrem Weltbehindertenbericht von 2011 die Zahl von Menschen mit Behinderung von 650 Millionen auf eine Milliarde. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung leben in Deutschland durchschnittlich zwölf, im Globalen Süden etwa zwanzig Prozent der Menschen mit einer Behinderung.

Ein Kind im Rollstuhl sitzt neben den anderen Schülern in einer ReiheDie elfjährige Brenda lernt in einer integrierten Schule - ihre Mitschülerinnen kümmern sich um sie Martina Backes / Caritas international

Überall auf der Welt ist die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung und Behandlung von behinderten Menschen unzureichend, ebenso wie die Förderung einer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Von einer inklusiven Gesellschaft sind Nord und Süd weit entfernt.

Umso mehr trifft dies Menschen in Ländern mit einer hohen Armutsrate. Mal ist die Bezahlung anfallender Behandlungskosten oder Hilfsmittel aufgrund der wirtschaftlichen Situation der betroffenen Familien nicht oder nur in Ausnahmefällen möglich. Mal sorgen gesellschaftliche Tabus für Behindertenfeindlichkeit. Vielerorts sind staatliche Strukturen für eine Förderung und Integration völlig unzureichend und es gibt bei weitem zu wenig ausgebildetes Fachpersonal.  Oftmals fehlen Gesetze, Mittel, Wissen und Möglichkeiten, um die Barrieren für Menschen mit Behinderungen zu vermindern.

Aufgrund dieser Defizite sind viele betroffenen Menschen zusätzlich zu ihrer Behinderung mit sozialer Ausgrenzung, Vereinzelung, Misshandlung konfrontiert, bis hin zu körperlicher und psychischer Gewalt, die ihnen und ihren  Familien angetan wird. Oftmals fehlen Gesetze, Mittel, Wissen und Möglichkeiten, um die Barrieren für Menschen mit Behinderungen zu vermindern.

1981 wurde  das "Internationales Jahr der Behinderten" von den Vereinten Nationen ausgerufenen. Im Dezember 1982 entwickelte die Internationale Gemeinschaft einen Aktionsplan für die Belange behinderter Menschen und  die folgende Dekade als "Jahrzehnt der behinderten Menschen" aus. Seither sind viele Länder weitreichende Verpflichtungen eingegangen, um die Rechte der Menschen mit Behinderung zu gewährleisten. Dennoch ist die Kluft zwischen dem geschriebenen Recht und der gelebten Realität vieflacht groß. Das stellte auch der Weltbehindertenbericht der WHO von 2011 fest.

Soziale Netzwerke und Fürsprecher/innen, die sich auf politischer und kommunaler Ebene dafür einsetzten, dass die Rechte von Menschen mit Behinderung gestärkt und gewährleistet werden, sind daher umso wichtiger.

Was Behinderung schafft

Wie häufig Behinderung mit Armut verbunden ist, zeigt sich zum Beispiel in Ländern wie Nordkorea oder Tansania, wo es keine Polioschutzimpfung für alle gibt. Eine Behinderung verfestigt aber auch Armut. Zum Beispiel, wenn keine sozialen Hilfs- und Unterstützungsstrukturen vorhanden sind, wenn ein Kind aufgrund seiner Behinderung keine Schule besuchen kann oder Betroffenen keine bezahlte Arbeit finden.

Und umgekehrt sind schlechte Lebensbedingungen wie mangelhafte Ernährung oder fehlende Gesundheitsvorsorge häufig die Ursache für Behinderung. Arme Menschen sind öfter behindert als wohlhabende, denn ein Fünftel aller Behinderungen kommen durch Mangel- und Fehlernährung zustande. In einigen Regionen in Kenia und Tansania führt ein hoher Anteil an Fluorid im Trinkwasser zu einer massiven Verweichlichung und Deformierung der Knochen. Dabei gäbe es Möglichkeiten, das Fluorid aus dem Wasser zu filtern, doch die Menschen haben keinen Zugang zu dieser Technik oder einfach nicht die finanziellen Mittel.

Behinderung kann zudem als Folge von Krieg und Bürgerkrieg auftreten. In Sri Lanka oder in Kambodscha ist vielfach der gesellschaftliche Umgang mit kriegsbedingten Behinderungen der Grund für ein Leben in Isolation. Die Lebensbedingungen in vielen armen und kriegsversehrten Gesellschaften sind die Ursache für eine erhöhte Rate an Behinderung. Anti-Personen-Minen reißen Menschen aus ihrem Alltag und verkrüppeln ihre Zukunft. Zugleich haben die Menschen in Kriegs- und Krisengebieten deutlich weniger Ressourcen, um eine barrierearme Umgebung zu schaffen.

Wenn Behinderungen mit anderen Formen der Diskriminierung zusammenfallen, ist der gesellschaftliche Ausschluss umso gravierender. So wird Migranten und Migrantinnen oftmals der Zugang zu Versorgungseinrichtungen verwehrt. Frauen und Kinder mit Behinderungen haben aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung weniger Möglichkeiten, sich für ihre Rechte einzusetzen.

Ein erhöhtes Risiko, mit einer Behinderung leben zu müssen, haben Menschen, die in gesundheitsschädlicher Umwelt arbeiten und leben, sie es auf den  Müllhalden der Metropolen, im Goldabbau oder anderen Bergbaugebieten. Auch Arbeitskräfte, die auf großen Plantagen arbeiten, in denen giftige Pflanzenschutzmittel verwendet werden oder die in Textilfabriken gefährlichen Chemikalien ausgesetzt sind, leben mit einem erhöhten Risiko. Viele dieser gefährlichen Arbeiten werden von Kindern verrichtet, deren Entwicklung eingeschränkt wird, oder von zukünftigen Eltern, deren Kinder mit Behinderungen auf die Welt kommen.

Behinderungen von vornherein mitdenken

"Wir sehen Behindertenarbeit als Menschenrechtsarbeit. Die fundamentalen Rechte der Menschen mit Behinderung werden permanent ignoriert oder verletzt", so Michael Kleutgens über die schwierige Situation von Menschen mit Handicap in El Salvador. Seine Aussage ist auf viele andere Länder übertragbar. Für viele Gemeinden insbesondere auf dem Land und sogar für viele Regierungen sind Behinderte, weil sie ohne nennenswerte Lobby sind, kein Thema. Vielerorts existieren weder eine Bestandsaufnahme der Situation von Behinderten noch Ansätze einer Behindertenpolitik.

Die körperliche oder geistige Beeinträchtigung ist nur ein Teil des Problems. Die größeren Barrieren entstehen im Umfeld. Daher kann es nicht ausschließlich um medizinische Unterstützung der Betroffenen gehen, sondern auch um den Umgang der Gesellschaft mit Menschen, die eingeschränkte oder andere Fähigkeiten haben, als wir es gewohnt sind. Bisher integrieren wir im besten Fall Menschen mit Behinderungen im Nachhinein in die Welt der Nicht-Behinderten. Wenn jedoch Behinderungen von vorne herein mitgedacht werden, im Kindergarten, in der Schule, im Wohnungsbau, am Arbeitsplatz und in der Freizeit, dann ist damit ein großes Stück Freiheit und Teilhabe zu gewinnen.

Solidarität, Unterstützung und Chancengleichheit müssen früh beginnen. Die frühkindliche Förderung, die integrative Schule, die Schaffung angemessener Ausbildungsplätze für Jugendliche und die Aufklärung der Eltern sind hier erste Schritte.

Mehrgleisig fahren für mehr Chancen

Die Projekte von Caritas international zielen darauf, Menschen mit Behinderung zu unterstützen und zu befähigen, ihre Stärken, Fähigkeiten, Selbstgestaltungskräfte und Rechte wahrzunehmen. Nur so können sie die eigenen Lebensumstände eigenständig und soweit das möglich ist, selbstverantwortlich gestalten. Perspektivisch bedeutet dies, Menschen  mit Behinderung Wahlmöglichkeiten zu bieten, das gesellschaftliche Umfeld von Barrieren frei zu machen und konkrete Hilfe auch dort zu leisten, wo Menschen nicht in der Lage sind, diese Hilfe eigenständig einzufordern.

Eine Frau verbindet die Beine eines KindesFürsorge bedeutet für die Caritas-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, rund 60 Dörfer regelmäßig zu besuchen.Traudl Ott, Andreas Schwaiger, Wolfgang Fritz / © Caritas international

Einige Eltern nutzen die Chance, das Recht ihrer behinderten Kinder einzuklagen, andere brauchen hierfür eine professionelle Beratung und Begleitung. Die medizinische Versorgung oder Förderung von Menschen mit Behinderung durch soziale Dienste gehört in vielen Ländern zu den Tätigkeiten der Projektpartner von Caritas international. Die Unterstützung ist immer individuell abzustimmen. Eine Gehhilfe kann genauso wie der Aufbau einer Orthopädiewerkstatt der erste Schritt für mehr Eigenständigkeit sein. Auch die Vermittlung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen oder die Schaffung von Räumen für die Selbstorganisation von betroffenen Eltern sind auf der langen Liste möglicher Aktivitäten zu finden.

Bei allen Herausforderungen sind auch erste Fortschritte erkennbar: In El Salvador müssen inzwischen laut Gesetz vier Prozent der Angestellten großer Unternehmen Schwerbehinderte sein. Felix Moralejo, Sonderpädagoge bei "Los Angelitos", eine Organisation für die Rechte von Menschen mit Behinderung, setzt sich dafür ein, dass dieses Recht auch gewährleistet wird.

Martina Backes, Dezember 2015